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München Marathon:Links der Isar

Andreas Straßner gewinnt 33. München Marathon, 2018

Unsichere Gedrängelage: Die Teilnehmer des München-Marathons (hier Andreas Straßner, Sieger von 2018) sollen diesmal einzeln auf die Strecke geschickt werden. Schwieriger sind allerdings die Zuschauer zu steuern.

(Foto: Claus Schunk)

"Mal anders": Marathon auf 30 Kilometer und nur 12 600 Aktive - die Behörden prüfen das Konzept.

Von Andreas Liebmann

Gernot Weigl befand sich kurz vor dem Ziel. Ein letzter flüchtiger Blick nach rechts unten, vermutlich lag dort das Manuskript. Kein Punkt mehr offen. Also schloss er: "Ich würde mich freuen, wenn unser Motto am 11. Oktober zum Tragen kommt: ,2020. Amoi anders. 30 Kilometer.'" Weigl, 67, sah fest in die Kamera. "Wiederschaun!", sagte er, "Bleibt's g'sund! Servus!" Jede der drei Grußformeln begleitete er mit entschlossenem Kopfnicken, fast wie ein Specht, der sein Werk mit letzten, kräftigen Schnabelhieben vollendet. Ein erleichtertes Lächeln huschte ihm übers Gesicht, dann verblasste das Bild. Der Livestream war zu Ende.

Amoi anders? 30 Kilometer?

Geht es nach Veranstalter Gernot Weigl, soll der München-Marathon 2020 also tatsächlich stattfinden, am Sonntag, 11. Oktober, wie geplant. Viele andere Großveranstaltungen in der Stadt sind der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen, doch ausgerechnet eine der größten, mit den meisten Teilnehmern, soll durchgezogen werden.

Ob das wirklich klappt, liegt nun an anderen. Am Virus selbst und am Umgang der Menschen damit, denn wer kann heute schon vorhersehen, wie hoch die Fallzahlen im Herbst sind. Und vor allem an den Behörden, die das natürlich auch nicht können. Dies sei nun ihre Idee, ihr Vorschlag, wie man den Lauf bewerkstelligen könne, betonte Weigl, als er sein Sicherheits- und Hygienekonzept Anfang der Woche vorstellte. Am 12. Juni habe er es dem Münchner Kreisverwaltungsreferat (KVR) zukommen lassen, am 17. Juni dem bayerischen Innen- und Sportminister Joachim Herrmann (CSU). Nun heißt es abwarten. "Wir hätten einfach absagen können", erklärte Weigl, "aber ich sehe es als Verpflichtung, den Teilnehmern etwas anzubieten."

Anstelle einer Pressekonferenz hatte der Organisator die Form einer Online-Präsentation gewählt. 23 Minuten lang redete er, die Miene ernst, konzentriert, er erläuterte den geplanten Ablauf, blendete Grafiken ein, betonte, dass niemand etwas Vergleichbares je erlebt habe wie das, was seit Frühjahr geschehen sei, weder jung noch alt. Er trug ein rotes Langarm-Poloshirt mit dem Logo des München-Marathons.

"Amoi anders" hatte der Geschäftsführer der München Marathon GmbH diese 35. Auflage ohnehin geplant - nur anders anders. Nach 20 Jahren unter seiner Regie hatte er zum Jahreswechsel eine Neuausrichtung angekündigt, mit Topläufern, um ein Schrittchen wegzukommen vom Breitensport-Event. Für das Bronze-Label des Leichtathletik-Weltverbands bräuchte er nun Athleten aus den Top 300. Aktuell gibt es andere Sorgen, als genügend Eliteläufer anzukarren, das Label darf München aber trotzdem bis 2021 verwenden.

Zu Beginn der Präsentation sah man Bilder vergangener Marathons. "Sehr schnell war uns klar: In der bisherigen Form können wir keine Veranstaltung mit 22 000 Teilnehmern durchführen", erläuterte Weigl. Gerade ist der Berlin-Marathon abgesagt worden. Auch der in Hamburg steht vor dem Aus, Sportsenator Andy Grote (SPD) verweist auf die Ansteckungsgefahr für Tausende Zuschauer. Und in München? Würde der Marathon 2020 eines schon mal sicher nicht sein: ein Marathon.

Exakt 30 Kilometer sind geplant, für jeden. Die Marathonläufer erführen also "ein Downgrade", und alle, die auf den beliebten Halbmarathon aus waren, "ein Upgrade". Trachtenlauf, Minimarathon für Kinder und Schüler sowie die Marathonmesse in der Olympiahalle mit ihren 70 bis 80 Ausstellern und unvermeidlichem Gedränge sind gestrichen. Mit 12 600 Läufern kalkuliert Weigl, viel weniger als üblich, aber dennoch einer enormen Zahl zu Corona-Zeiten. Und der neue Streckenverlauf, der links der Isar bleibt, statt sie wie früher zu überqueren, wäre bei Weitem nicht die einzige Änderung. So sei klar, dass Helfer und unterstützende Vereine nicht in derselben Vielzahl zur Verfügung stünden wie in den Vorjahren ("wir haben Verständnis dafür"), auch deshalb werde die Strecke verkürzt. Die Verpflegungsstellen entfallen, auch hier sei das Gedränge zu groß. Die Sportler müssten sich selbst versorgen, etwa mittels Trinkgürteln oder -rucksäcken, die man bei Kilometer 19 und 26 aus Wasserrohren auffüllen könne. Und: Es werde nicht im Pulk gelaufen.

Dazu hat Weigls Team ein kompliziertes Startkonzept erarbeitet. Aus zwei getrennten Startbereichen, einer am Coubertinplatz, der andere zwischen Olympiahalle und Olympia-Schwimmhalle, sollen die Läufer im Wechsel über einen Zeitraum von dreieinhalb Stunden einzeln auf die Strecke geschickt werden. Aus jeweils einer so genannten Slot-Area à 300 Personen werden sie in eine kleinere Start-Area weitergeleitet, in der 32 Personen in Viererreihen mit ausreichend Abstand zueinander Platz haben. Grüne Ampeln geben alle vier Sekunden das Startsignal für einen Läufer, von hinten wird nachgerückt. Erst in der Start-Area entfällt die Pflicht zur Mund-Nasenbedeckung. Wer wann wo dran ist, regeln die Startnummern, die die Läufer nach Hause geschickt bekommen. "Ausreichend Platz zum Überholen mit einem Mindestabstand von zwei Metern haben wir", sagte Weigl.

Siegerehrungen gebe es nicht, die drei erstplatzierten Frauen und Männer erhielten Ehrenpreise per Post. Im Ziel im Olympiastadion lägen Medaillen aus, die sich jeder selbst nehmen dürfe, ebenso verpflichtende Mund-Nasenschutzmasken für alle. Auch hier soll jeder unnötige Kontakt vermieden werden. Duschmöglichkeiten entfallen ebenso wie Physiotherapie-Angebote. Durch getrennte Ausgänge werden die Gruppen A und B aus dem Stadion gelotst. Zuschauer dürften sich auf der Tribüne des Olympiastadions unter Wahrung von Sicherheitsabstand frei bewegen, müssten sich aber wie die Teilnehmer registrieren. Was jeder Läufer mit nach Hause nehme, sei seine ganz persönliche Zeit über 30 Kilometer, warb Weigl, eine Distanz, die es ja nicht so oft geben wird.

Bereits einen Tag vorher hat Weigl Großes vor, da will er im Olympiapark den vom 9. Mai verschobenen 45. Deutschen Sparkassen-Marathon ins Ziel bringen, eine Art Generalprobe an gleicher Stelle, mit etwa 1500 Teilnehmern. Doch wie gesagt, er muss auf die Behörden hoffen. Das KVR prüft, eine Tendenz verrät es nicht. Weigl hofft, dass weniger Zuschauer als früher die Strecke säumen würden, aber klar: Man könne das niemandem verbieten.

Falls es nichts wird? Dann müsste sich der Veranstalter mit Rückerstattungen und Gutscheinen für Sportler beschäftigen, sich mit Sponsoren einigen. Alles machbar, "wir müssten nicht Konkurs anmelden", versichert Weigl am Telefon. "Wir haben vorgesorgt und sparsam gewirtschaftet in all den Jahren." Vermutlich hat er diese Sätze mit entschlossenem Kopfnicken bekräftigt.

© SZ vom 04.07.2020

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