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München 2022:Einschulung vor der Ehrentribüne

Muenchen, Pressevorstellung der Sportler fuer die European Championsships Munich 2022 im Muenchner Olympiastadion, v. l.

Athleten der "Class of 22": Christina Hering, Felix Remuta, Gudrun Stock, Alma Bestvater, Clemens Wickler und Simon Henseleit (von links nach rechts)

(Foto: imago)

Die Organisatoren stellen ihr Projekt "Class of 22" für die European Championships vor.

Von Andreas Liebmann

Michael Jackson. Papst Johannes Paul II. U2. Rasante Schnitte, dröhnende Musik. Beckenbauer '74 mit WM-Pokal. Mehr als ein Hauch Geschichte weht durch den Olympiapark, vertreibt wie eine sanfte Brise die Hitze des Tages. Hinter den leeren, grünen Rängen des Olympiastadions sinkt die Abendsonne. Munich Mash. Weltcup-Slalom auf dem Olympiaberg. Auf der Videoleinwand vor der Ehrentribüne flimmert Geschichte. Die ältesten Bilder werden bald 50, sie zeigen, klar: Olympia 1972.

Der Livestream des Abends gehe hinaus in die Welt, erklärt Florian Weber. Er ist der Creative Director für die European Championships, die hier in zwei Jahren stattfinden sollen. Im Laufe des Abends wird er den Countdown starten: 729 Tage, 23 Stunden, 59 Minuten, 59 Sekunden, 58, 57...

Unter dem berühmten Zeltdach sitzen zwischen Journalisten einige jener Sportler, über die nun neue Geschichten erzählt werden, die vielleicht selber mal zur Historie dieser Sportstätten gehören sollen. Wenn alles gut geht. "Class of 22" hat man die Idee getauft. 13 Athleten, fast alle aus der Region. Aus neun Sportarten, die mit ihrer geballten Attraktivität mehr Aufmerksamkeit erreichen wollen, als es ihnen einzeln möglich wäre, als Gegengewicht zum Fußball - das ist die Grundidee dieser Multi-Europameisterschaft, die 2018 in Glasgow und Berlin Premiere feierte. Die 13 jungen Helden sollen Gesichter dieser Veranstaltung sein, zwei Jahre lang mit Kameras begleitet werden auf ihrem Weg, an dessen Ende sie hoffentlich dazugehören: zu 4400 Teilnehmern, 3000 TV-Stunden, 150 Medaillenentscheidungen. Die ersten Videos werden an diesem Dienstagabend ausgestrahlt, dem Kick-off-Event für 2022. Die Porträtierten sind selbst gespannt, haben die Ergebnisse der ersten Drehs noch nicht gesehen; und wollen einander kennen lernen. Es ist eine Art Klassentreffen. Eigentlich ist es die Einschulung der Class of 22.

Gleich das erste Video ist brandaktuell, es zeigt die Münchner Leichtathletin Christina Hering. Ihr Abschlusstraining im Rücken dieser Tribüne, dann das 800-Meter-Finale am vergangenen Sonntag in Braunschweig, ihr fünfter Titel in Serie. Sie mag kein Gedränge, erzählt sie auf der Bühne, lieber ein schnelles Rennen, an dessen Ende sie auf der Zielgeraden eine andere überholt. In Braunschweig lief es anders. Sie sei schon so lange dabei, erklärt sie im Video, dass ihr Ziel für 2022 eine Medaille sein müsse, und das wäre sicher "Wahnsinn" vor dem Heimpublikum und dieser historischen Kulisse. Die Mutter neben ihr lacht, als ein Kinderfoto der vierjährigen Christina gezeigt wird, tanzend im Kleidchen.

Man soll den Sportlern in den Videos, die unter anderem auf Youtube laufen, nahekommen. Man sieht den Hachinger Turner Felix Remuta, 22, beim Üben am Reck, beim Betrachten der Handybilder: "Mehr in den Kovacs reingehen?", fragt er den Trainer. Turnen sei seine Leidenschaft, erklärt er, sein Beruf, es gehe um Eleganz, Akrobatik. Zweimal Training pro Tag, je drei Stunden. Er sei eher "der sprunggewaltige Typ", dafür könne er überhaupt nicht am Pauschenpferd turnen, was er "leider schon mehrere Male unter Beweis gestellt" habe. Bundesliga und deutsche Meisterschaften finden wohl statt im Turnen, aber die EM in Baku? Tokio 2021? Vieles sei zurzeit ungewiss, umso wichtiger finde er es, dass es für alle auch 2022 als Ziel gibt.

Tokio glaubte die Kletterin Alma Bestvater bereits verpasst zu haben, wegen einer Ellbogenverletzung. Die Verlegung der Spiele hat ihr etwas Zeit und eine zweite Chance verschafft. Die 24-Jährige ist für ihren Sport aus Thüringen nach München gezogen. Es gehe aufwärts, erzählt sie, nur die Speed-Disziplin sei noch etwas zu dynamisch nach der OP. Im November soll nun die Qualifikation für Tokio stattfinden. Es könnte knapp werden. Sonst eben 2022, geklettert wird dann auf dem Königsplatz.

Man sieht Tischtennisprofi Sabine Winter auf der Slackline üben, Simon und Franca Henseleit beim Erkunden der Triathlonstrecke am Olympiaberg. Beachvolleyballer Clemens Wickler aus Starnberg erzählt vom Kulturunterschied - sein Partner Julius Thole ist Hamburger. Ach ja, und Gudrun Stock, 25, radelt ungern. Zumindest in der Freizeit, wenn Freundinnen das vorschlagen. Da nehme sie lieber Inliner zum See, oder "eigentlich das Auto", gesteht sie lachend: "Inliner ist ein Gerücht." Die WM-Dritte vom RC "Die Schwalben" München ist Bahnradfahrerin, leidenschaftlich, klar. Aber 20 000 Trainingskilometer pro Jahr müssen reichen.

© SZ vom 13.08.2020

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