Süddeutsche Zeitung

Lovelockweg:Ein Mythos am Ende der Welt

Der Neuseeländer Jack Lovelock hat eine ganze Reihe von Mittelstreckenläufern in seiner Heimat zu olympischen Erfolgen inspiriert. Seine Karriere und sein Leben währten kurz.

Als sich Jack Lovelock am 6. August 1936 etwa 300 Meter vor dem Ziel von Glenn Cunningham und Luigi Beccali absetzen konnte, war das olympische 1500-Meter-Finale der Männer entschieden. Lovelock hatte das gesamte Rennen über die Geschwindigkeit des US-Amerikaners Cunningham mitgehalten, er war im Windschatten gelaufen, im großen Pulk mit den anderen Olympiastartern. Als Beccali gerade zu seinem gefürchteten Spurt ansetzen wollte, zog plötzlich Lovelock von hinten an ihm vorbei. Es war eine Tempoverschärfung, die in die Geschichte der Olympischen Spiele eingehen sollte - weil sie einfach nicht endete. Lovelock hielt seine irre Geschwindigkeit nicht nur, er erhöhte sie sogar noch einmal und kam mit einer fabelhaften Zeit von 3:47,8 Minuten ins Ziel. Er verbesserte den bisherigen Weltrekord damit um eine Sekunde.

"Niemals zuvor hat es so ein Rennen gegeben und auch keinen solchen Läufer", schwärmte der Manchester Guardian über eines der spannendsten Laufevents der Olympiageschichte - mit einem ganz besonderen Sieger.

Jack Lovelock war nach diesem Weltrekordlauf 1936 in Berlin der erste neuseeländische Goldmedaillengewinner überhaupt. Doch nicht nur das machte ihn so faszinierend. Lovelock war obendrein Arzt mit einem Abschluss an der Universität Otago in Neuseeland sowie einem Stipendium am Exeter College im britischen Oxford. Sein gesamtes Leben lang hatte der 1910 auf der Südinsel Neuseelands geborene Lovelock sportliche und akademische Höchstleistungen unter einen Hut gebracht. An der Fairlie School, die er von 1919 bis 1923 besuchte, wurde er als bester Rugbyspieler, Schwimmer und Leichtathlet ausgezeichnet, außerdem war er der Klassenbeste. An der Timaru Boys High School gewann er in seinem Abschlussjahr 1928 die Boxmeisterschaften - und war erneut Klassenbester, natürlich.

Es dauerte bis ins Jahr 1936, bis Lovelock sich kurzzeitig vollends auf den Sport konzentrierte. Während seiner Ausbildung zum Facharzt am St. Mary's Hospital in London hatte er noch Mittelstreckenrennen in Princeton und Berlin gewonnen, dann schrieb er in einem Brief an den Sekretär der neuseeländischen Olympiamannschaft davon, dass sich der Spitzensport mittlerweile "fast zu einem Full-time-Job" entwickelt habe und mit der Arbeit als Mediziner auf Dauer nicht zu verbinden sei. Lovelock also konzentrierte sich voll auf die Spiele von 1936. Mit 26 erreichte er dort sein großes sportliches Ziel - und zog sich danach zurück. Zwei Monate nach seinem Olympiasieg lief er sein letztes großes Rennen bei der "Mile of the Century" in Princeton, wurde Zweiter und beendete seine Sportkarriere aufgrund anhaltender Verletzungsprobleme am Knie.

Die sollten bei weitem nicht der letzte Rückschlag im Leben des Jack Lovelock sein, im Gegenteil: Anfang der Vierzigerjahre zog er sich mehrmals beim Freizeitsport Blessuren zu, bei einem Reitunfall verletzte er sich schwer am Kopf und litt seitdem unter häufigen Schwindelanfällen. 1947 zog er mit seiner Frau und seiner ersten Tochter Mary nach New York, um in Manhattan in einem Krankenhaus zu arbeiten. 1948 wurde seine zweite Tochter, Janet, geboren. Am 28. Dezember 1949 schließlich starb Jack Lovelock, ein paar Tage vor seinem 40. Geburtstag. Er hatte sich bereits morgens krank gefühlt, ging aber in die Arbeit. Als er nach wenigen Stunden mit Schwindelgefühlen den Heimweg antrat, fiel er an der U-Bahn-Station Church Avenue aus ungeklärten Umständen vor einen einfahrenden Zug - der Aussage des U-Bahnfahrers nach handelte es sich um einen tragischen Unfall. Selbstmord oder äußere Einflüsse werden heute auch von Historikern ausgeschlossen.

Die Spuren, die Lovelock in seinem Heimatland hinterlassen hat, sind bis heute kaum zu übersehen. Zahlreiche Straßen haben sie im ohnehin sportverrückten Neuseeland nach ihm benannt, Sportplätze wurden ihm zu Ehren erbaut, Sportbars tragen den Namen Lovelock. Er ist fast eine mythische Figur. Der Ausruf von BBC-Radio-Reporter Harry Abrahams beim Zieleinlauf 1936 - "My god, he's done it, (...) he wins, he's won, hooray!" (Mein Gott, er hat es geschafft, (...) er gewinnt, er hat gewonnen, hurra!) ist für Neuseeländer etwa das, was für Österreicher das "I wer' narrisch" von Edi Finger in Cordoba 1978 ist.

Lovelocks Berühmtheit erklärt sich natürlich auch aus der Geschichte: Nicht viele Neuseeländer schafften es vor ihm, sich weltweit einen Namen zu machen. Allein seine akademischen Erfolge wären zu einer Zeit, in der das kleine Land am anderen Ende der Welt noch als exotisch und unerreichbar galt, herausragend gewesen. Der Sport machte Lovelock dann endgültig zu einer Legende. Wie weitreichend die Inspiration Lovelocks auch für das neuseeländische Olympiateam war, zeigt die Statistik: Sechs weitere neuseeländische Sportler gewannen Olympiamedaillen über die Mittelstreckendistanz von 1500 Meter. Der Ursprung dieser herausragenden Bilanz war Lovelocks Sieg 1936, der unter anderem den Jahrhundertsportler Sir Peter Snell inspirierte, den Olympiasieger von Tokio 1964. Snell wiederum wurde zum Vorbild für Mittelstreckenläufer Nick Willis, der 2008 Silber und 2016 Bronze über 1500 Meter gewann. Willis sagte einmal in einem Interview, die Hauptmotivation in seiner Karriere sei stets gewesen, sich mit dem "Pantheon neuseeländischer Athleten" zu messen, das die Sportgeschichte des Landes so entscheidend geprägt hat. Jack Lovelocks Mythos lebt also auch 70 Jahre nach seinem Tod weiter. Und das nicht nur auf jenem unscheinbaren Weg, der seit 1971 vom Münchner Georg-Brauchle-Ring in Richtung Olympisches Dorf führt.

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SZ vom 05.03.2020
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