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Linskaußen:Vroni in the Sky mit Dominadress

Die Welt ist ungerecht, auch der Sport. Die Großkopferten sahnen ab, während die Underdogs ihre Hoffnungen begraben wie Argentinien Diego.

Glosse von Stefan Galler

Jaja, Lockdown light, Verbote hier, Empfehlungen und Pflichten dort. Allen kann man es nicht recht machen in diesen wilden Zeiten, weshalb es ja auch ständig Ärger gibt. Seit dieser Woche sind auch noch europaweit alle Liftbetreiber, Sporthoteliers, Hüttenwirte und nicht zuletzt die Skifahrer beleidigt, weil sie einen der letzten Winter, in denen es vielleicht überhaupt noch Schnee gibt, unverrichteter Dinge an sich vorbeiziehen lassen müssen.

Höchste Zeit für eine gepflegte Gerechtigkeitsdebatte - die Woche gab alleine im Sport auf vielen Ebenen Anlass dazu. Man nehme nur den verblichenen Diego: Wie fies ist es, dass so viel Fußballtalent auf einen einzigen Menschen fällt und gleichzeitig so wenig Fähigkeiten, sich außerhalb des grünen Rechtecks im Leben zurechtzufinden?

Ein Champions-League-Abend auf dem himmlischen Bezahlsender verdeutlicht einem erst das ganze Ausmaß dessen, was irgendwie schiefläuft. Man nehme die armen Underdogs, denen im letzten Moment das kleine Erfolgserlebnis weggeschnappt wurde: Krasnodar, Ferencvaros, Rennes - alle drei kassierten gegen die Großkopferten Sevilla, Juventus, beziehungsweise Chelsea in der Nachspielzeit das entscheidende Gegentor und unglückliche Niederlagen - und musten den ohnehin nur vagen Traum vom Achtelfinale endgültig zu Grabe tragen.

Aber so ist es nun mal im Leben: Der Fleißige arbeitet sich auf und kommt dann doch auf keinen grünen Zweig, weil er sein sauer Erspartes in Wirecard-Aktien investiert hat. Oder vor ein paar Jahren in ein Unternehmen mit dem schönen Namen Maxfield: Die Pleite kam 2008, 17 Millionen Euro waren weg, und einer der enttäuschten Gläubiger, der ehemalige TV-Moderator Mola Adebisi, musste später sogar ins Dschungelcamp.

Den Hauptverantwortlichen an der Maxfield-Pleite haben sie dann unter anderem wegen Insolvenzverschleppung und Bestechung zu einem Jahr Bewährung und 100 000 Euro verurteilt. Franjo Pooth heißt der Mann - und wer vergangene Woche all die Krasnodar- und Ferencvaros-Dramen auf Sky miterlebte, sah auch ihn in einem Werbespot (sinnigerweise genau für den Bezahlsender, den man sowieso gerade schaute): Etwas fülliger als früher, seine Frau Verona im knallengen Domina-Fummel im mit Designermöbeln eingerichteten Wohnzimmer. Und wieder beschlich einen ein schales Gefühl, dass hier irgendetwas nicht gerecht läuft.

Aber manche fallen eben immer wieder auf die Füße. Das wünscht man auch jenen Vereinen aus der Region, die sehen müssen, dass sie halbwegs unbeschadet, was Geld und Mitgliederzahlen angeht, aus dieser Krise kommen. Und den Amateursportlern, die derzeit zum Nichtstun verdammt sind. Von denen dürften die wenigsten gerade das nötige Kleingeld übrig haben, um in windige Anlagemodelle zu investieren oder die Dame des Hauses im Lack-und-Leder-Dress durchs Haus stöckeln zu lassen. Das mag zwar nicht gerecht sein, ist aber auf alle Fälle weniger peinlich.

© SZ vom 30.11.2020
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