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Linksaußen:Welcome to the Hotel Corona

„All work and no play makes Jack a dull boy”: Also, lasst die Spiele wieder beginnen! In den Bergen von Colorado geht es dann um den größten Titel aller Zeiten. Kampfrichter Jack Nicholson wartet schon...

(Foto: imago)

Sie können jederzeit einchecken - aber Sie kommen nie mehr raus. Solche Geisterspiele in Quarantäne werden zurzeit diskutiert. Aber warum trägt man die Wettbewerbe nicht gleich auf präsidialer Ebene aus?

Von Johannes Schnitzler

In jenen Zeiten, die noch andere waren als diese, hätte die Bild die große Krisen-Rhetorikmaschine angeworfen: "Lewandowski-Loch! Seit neun Wochen Flaute! Wird ihm die Torjägerkrone zu schwer?" Dazu Fotos von Timo Werner und Leroy Sané und die Frage: "Holt Bayern jetzt diese beiden Bomber?"

Lewandowskis letzter Treffer liegt in der Tat eine Weile zurück. Es war am 23. Februar das 3:2-Siegtor gegen Paderborn. 88. Minute. Seitdem ...

Gut, das Virus. Dafür kann Lewandowski nichts. In jener fernen Zeit A.C. (ante Coronam), als noch echter Sport gezeigt wurde, live, mit Zuschauern, da galt es schon als Krise, wenn Lewandowski für fünf Tore länger als neun Minuten brauchte. Lange her. Für manchen viel zu lange. Er sei es "leid, Baseballspiele zu sehen, die 14 Jahre oder noch älter sind", jammerte US-Präsident Donald Trump vergangene Woche wie ein verzogener 14-Jähriger. Die Menschen wollten wieder in die Stadien gehen und echten Sport sehen. Krise? Welche Krise?

Es geht um alles - und einen neuen Vertrag für Neuer

Vermutlich fühlen sich 14 Tage Quarantäne in einem ovalen Büro an wie 14 Jahre in einem handelsüblichen Home-Office. Anzeichen einer klaustrophobischen Bewusstseinsveränderung zeigte nun auch Anthony Fauci, führender Immunologe und medizinischer Berater der US-Regierung, jener Fauci, den man in den vergangenen Wochen immer wieder mit erstauntem Nagergesicht den Ausführungen des größten Virologen aller Zeiten lauschen hörte ("Das Risiko für den Durchschnitts-Amerikaner ist gering", D.T., 10. März). Fauci sagte, der einzige realistische Weg, um wieder Profisport zu ermöglichen, seien Geisterspiele in Quarantäne: Die Athleten würden in großen Hotels an einem festen Spielort untergebracht, wo sie "sehr gut beobachtet" und regelmäßig getestet werden müssten, etwa einmal die Woche: "Und dann lässt man sie die Saison zu Ende spielen." Ohne Zuschauer. Frei nach den Eagles: Welcome to the Hotel Corona. Sie können jederzeit einchecken - aber Sie kommen nicht mehr raus.

Faucis Exit-means-no-Exit-Vorschlag war leider nicht ganz zu Ende gedacht. Aber die Idee hat was: Alle Corona-Be- und Verzweifler wie Trump, den weißrussischen Eishockeyfreund Alexander Lukaschenko, Russlands Judolehrer Putin, den nordkoreanischen Golf-Guru Kim und den brasilianische Bolzer Bolsonaro rein in ein großes Hotel, sagen wir: das "Overlook" in den Bergen von Colorado, wo sie von Jack Nicholson erwartet werden, Tür zu, Schlüssel weg, und dann...

Was gespielt wird? Wurscht. Es ginge auf jeden Fall um den größten Titel aller Zeiten: den Best Presidents' Cup. Und die Doku dazu dreht Trentin Quarantino.

Mal ehrlich: Alle Großereignisse der Sportgeschichte würden verblassen, sobald Team Trump im Spiel wäre. Das Wort "Team" ist in diesem Zusammenhang übrigens nicht wörtlich zu verstehen. Es ist mehr eine protokollarische Konvention: Auch Zwergstaaten, die nur eine/n Starter/in entsenden (wie das Inselchen Tuvalu 2016 den Sprinter Etimoni Timuani nach Rio) werden bei Olympia als Team adressiert; und der stabile Alleinherrscher über die Vereinigten Staaten von Americafirst hätte allein allemal mehr Gewicht als zuletzt die Zweier-Teams aus Liberia, Dominica und Somalia zusammen - äh, nein, Herr Trump, das ist kein Motown-Trio aus den frühen Sechzigern, das sind Staaten. Afrika, Karibik, Sie wissen ... doooch, die gibt es.

Schließen wollen wir mit einer guten Nachricht: Manuel Neuer, oberster Torwart des FC Bayern und der Nationalelf, ist seit dem 23. Februar ungeschlagen. Seit neun Wochen! Das letzte Gegentor kassierte er beim 3:2 gegen den SC Paderborn. Es war das 2:2 (75.) durch einen gewissen Björn Michel. Seitdem ...

Nun hat Neuer zu Recht ein paar läppische Millionen mehr pro Jahr und einen neuen Dreijahresvertrag vom FC Bayern verlangt. Dass diese Interna aus den Verhandlungen nach außen drangen wie durch eine unverschlossene Hoteltür, habe ihm hingegen nicht gefallen, heißt es. Führende Experten für soziale Hygiene berichten bereits von einer waschechten Vertrauenskrise.

© SZ vom 20.04.2020
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