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"Linksaußen":Publikum aus Papperlapappe

Die Sehnsucht der Fans nach Sport - und umgekehrt - bringt bisweilen eigentümliche Ideen hervor.

Kolumne von Ralf Tögel

Sind Sie kürzlich mit offenen Ohren durch München gelaufen? War da nicht ein bisschen oft "hasse", "bisse", "kannse" zu hören? Eigentlich nicht ungewöhnlich, wenn Schalke in der Münchner Arena gastiert. Das war aber dann doch verdächtig, weil Auswärtsfans am Freitag im Stadion bekanntlich verboten waren. Das ist schon ein großer Vorteil, wenn nur die Heimmannschaft die Unterstützung des zwölften Mannes hat, gerade gegen das Team in Königsblau, dessen zuschauerlose Bilanz gespenstisch ist: kein Schalke-Sieg in Geisterspielen. Und dann ausgerechnet zum Triple-Monster, angetrieben von 7500 Jubel-Bajuwaren. Wettbewerbsverzerrung!, polterte es aus dem Ruhrpott. Doch siehe da, alles kam anders. Wegen stark gestiegener Corona-Infektionszahlen stornierte Münchens OB Reiter die Zuschauerzusage kurzerhand. Weil Verschwörungsanhänger derzeit Hochkonjunktur haben, nur mal so ein Gedanke: Könnten Schalke-Fans da nachgeholfen haben? Viren aus dem Revier zur Herstellung von Chancengleichheit? Absurd? Und wenn, hat eh nichts geholfen, das Spiel hätten die Bayern auch in einem mit Königsblauen proppevollen Stadion gewonnen.

Abgesehen von irrwitzigen Denkmodellen, die das Virus in die Köpfe so mancher Zeitgenossen treibt, bleibt diese üble Ungewissheit. Steigen die Infektionszahlen, werden Stadien und Hallen dicht gemacht. Weshalb die Profiklubs aller Sportarten eiligst Hygienekonzepte erstellen, wie wenigstens ein paar Zuschauer in die Arenen zu bringen sind. Mit Mundschutz, Abstand halten, Einbahnverkehr, solche Dinge. Oder es werden gleich keimfreie Alternativmodelle erfunden, wie bei den Oldenburger Basketballer. Dort steigt das letzte Vorbereitungsspiel traditionell gegen die Hamburg Towers, als Einstimmung auf die Saison mit Derbyatmosphäre und ausverkaufter Halle. Aber nicht in diesem Jahr, Zuschauen behördlich verboten! Dem stellen die Baskets eine Erfindung entgegen: das "Papplikum". Für zehn Euro kann jeder dabei sein, allerdings nur als Pappkamerad auf der Tribüne, dem das eigene Konterfei aufgeklebt wird. So kann sich der Fan im Livestream sogar selbst auf der Mattscheibe sehen. Ob es den Spielern was bringt, nun ja. Die Stimmung dürfte vergleichsweise eisig bleiben.

Es geht sogar noch steriler, wie die Freestyle-Motocrosser zeigen: Eigentlich hätten diese bei der "Night of the Jumps" auf ihren Maschinen am 1. November durch die Olympiahalle fliegen sollen, das wurde aber auf kommendes Jahr verschoben. Kein Problem, dann wird halt in der "e-FMX-Weltmeisterschafts-Serie" virtuell herumgeknattert und gehüpft. Alle Topfahrer sind dabei, verspricht der Veranstalter, außerdem wird die Sache garantiert ohne Verletzungen bleiben.

Das Rückspiel auf Schalke im Übrigen ist am 23. Januar, Impfstoff dürfte es bis dahin noch keinen geben. Geisterspiele mit Pappkameraden und Fan-Gesängen vom Band sind keine Option - nicht Schalke-like. Mal sehen, wer sich dann so in Gelsenkirchen herumtreibt. Vielleicht kann man dann Menschen in Lederhosen "hostmi", "woswuist", "konnstmi" sagen hören. Nur so ein Gedanke.

© SZ vom 21.09.2020

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