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Linksaußen:Löwenzahn im Stadion

Eines hat der Löwenzahn Arjen Robben voraus: Während der Holländer seine Comeback-Pläne in der Allianz-Arena begraben musste, sprießen dort plötzlich gelbe Blüten.

Am Mittwochabend hat man Erstaunliches gesehen in der Münchner Fußball-Arena, als Fernsehzuschauer, versteht sich. Nein, nicht Uli Honeß, der mit seinem tiefroten Mundschutz beim Pokal-Halbfinale des FC Bayern München gegen Eintracht Frankfurt vorbildlich einsam auf der Tribüne saß (jedenfalls suggerierten das die TV-Bilder). Auch nicht Kalle Rummenigge, dessen Stirn glänzte, als hätte er sie vorher mit Pottwalfett poliert. Es war ein anderes Detail, das beim 2:1-Erfolg der Bayern hervorstach, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde: ein Blümchen auf der Tribüne, das sich seinen Weg durch eine Ritze in der Betonstufe bahnte. Höchstwahrscheinlich ein Taraxacum sect. Ruderalia, gewöhnlicher Löwenzahn also. Auch Bettseecher oder - auf Niederländisch - Pissebloem genannt, wegen der harntreibenden Wirkung des Löwenzahns, dessen Blüten, Blätter und Wurzeln man durchaus essen kann.

Die Pissebloem dürfte auch Arjen Robben sehr interessieren, der Flügelflitzer vermisst die Arena ja offenbar so sehr, dass er nach der Winterpause angeblich fast sein Comeback für den damals verletzungsgeplagten FC Bayern gegeben hätte. "Es hat schon sehr gejuckt", sagte Robben. Sein Image als Mimose (auch Schamhafte Sinnpflanze genannt), hängt ihm ja weiterhin nach, zeit seines Profilebens hat er ja wie die Pflanze selbst immer wieder sensibel auf Erschütterung oder schnelle Abkühlung reagiert (meist mit Muskelrissen). Robben blieb nun vielleicht auch deshalb lieber Fußball-Rentner, sein Comeback verwelkte, diesen Sommer zieht er wieder in seine Heimat, ins Land der Tulpen, nach 17 Jahren.

Der robuste Löwenzahn in der Arena blüht dagegen weiter, und ist ein weiteres Zeichen für die Vergänglichkeit des Menschgemachten. Allerorten wird ja darüber sinniert, wie sich die Natur ihren Platz in der Welt zurückerobert, ob nun Wildschweine in Madrid, Delfine vor Triest oder brütende Vögel auf der Isar-Sandbank. Nun kehrt sie also auch selbst dorthin zurück, wo der Fortschritt ihr längst den Garaus gemacht hatte, wie in der Betonschüssel in München-Fröttmaning, neben Autobahn und Müllberg.

Ein anderes Phänomen rückt in diesem Frühsommer auch noch in den Vordergrund: jenes der Keimlinge. Florian Wirtz von Bayer 04 Leverkusen ist seit einer Woche der jüngste Bundesliga-Torschütze der Historie: mit 17 Jahren und 34 Tagen. Getroffen hat er gegen den alten Weltmeister Manuel Neuer vom FC Bayern, der eher im Herbst seiner Blüte steht. Basketballer Jacob Patrick wurde außerdem beim Münchner Finalturnier im Audi Dome vor ein paar Tagen per Dreier zum jüngsten Korbschützen der Bundesliga-Geschichte: mit 16 Jahren, 6 Monaten und 19 Tagen. Zarte Pflänzchen wachsen da heran, auch im Dome der Bayern-Basketballer, um den herum früher während seines langen Leerstands der Löwenzahn ja auch ganz prächtig gedieh. Bleibt zu hoffen, dass den Trieben nicht das Schicksal eines jeden Löwenzahns blüht: Ein Ende als Pusteblume.

© SZ vom 15.06.2020

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