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Linksaußen:Kloppos Tränen und die Fantierchen

Der gemeine Fußballfan ist vielleicht nicht ganz so robust wie das Bärtierchen, aber gegen einiges ist er offenbar doch immun. Und kann zwar keine minus 270 Grad überstehen, aber Rückschläge aller Art und jede noch so tiefe Schockstarre.

Was ein Fußballfan und ein Bärtierchen gemeinsam haben? Nun, das ist gerade trefflich im fernen Liverpool zu beobachten. Das Bärtierchen, das sei an dieser Stelle all denjenigen erklärt, die im Mikrobiologieunterricht dem Sekundenschlaf zum Opfer gefallen sind, zählt zu den Häutungstieren (Ecdysozoa), ist meist weniger als einen Millimeter groß, und erinnert, sofern man ein Elektronenmikroskop zur Hand hat, an einen in einen Rupfensack gepackten Bären mit acht Beinen. Das etwas tapsig wirkende Tier, was zur Namensfindung im deutschsprachigen Raum beigetragen hat, verfügt neben einem Mundkranz aus Zähnchen über eine ganze Anzahl an äußerst außergewöhnlichen Eigenschaften. Was sich im Übrigen für den gemeinen Fußballfan, der angesichts seiner Verkleidungskünste irgendwie ja auch zu den Ecdysozoa zu zählen ist, ebenfalls sagen lässt.

An das Bärtierchen kommt er aber nicht heran: Die possierlichen Winzlinge ertragen Temperaturen von plus 100 bis minus 270 Grad Celsius, sind resistent gegen radioaktive Strahlung, leben in Salz-oder Süßwasser, was gerade zur Hand ist, können aber auch in Flüssigethanol schwimmen, ohne Schaden zu nehmen. Ein Überleben in einem Vakuum ist kein Problem, Bärtierchen sind überdies die einzigen Lebewesen, die ein Experiment wohlbehalten überstanden haben, bei dem sie dem luftleeren und strahlungsintensiven Weltall ausgesetzt waren.

Der Fußballfan erträgt, nach allem, was die Wissenschaft heutzutage weiß, zwar keine derart hohen Temperaturschwankungen, kann aber - sofern er zum Beispiel dem Lager TSV 1860 München angehört - jeden noch so schweren Rückschlag wegstecken, tiefste Schockstarre überleben und ist gegen jedwede sportlichen Demütigung resistent.

Die herausragendste Eigenschaft des Bärtierchens dagegen ist, dass es sich in die Kryptobiose, also einen scheintodähnlichen Zustand, versetzen kann. Zu diesem Zwecke fährt es einfach seinen Stoffwechsel herunter, zieht seine Gliedmaßen ein und sieht dann aus wie eine winzige Blechtonne. Was bei lebensunfeindlichen Umständen keine schlechte Idee ist, zumal die Bärtierchen in diesem Zustand mehrere Jahre verharren können. Und sind dann - schwupps - mit einem Wassertröpfchen aus ihrer Todesstarre wieder aufzuwecken. 120 Jahre alte Bärtierchen wurden mit etwas Feuchtigkeit reanimiert, praktischer Weise altern die Bärtierchen in dieser selbst gewählten Auszeit nicht.

Womit man wieder beim Fußballfan wäre, der sich ebenfalls in einer Auszeit befindet. Seit Monaten ist keiner mehr in einem Stadion gesehen worden, nun aber tauchten Vertreter dieser Spezies in großer Zahl plötzlich wieder auf - nämlich in Liverpool. Ob es die Tränen von Meistercoach Jürgen "Kloppo" Klopp waren, die seine Fantierchen zum Leben erweckten, oder die Tore von Mo Salah & Co., muss erst noch wissenschaftlich untersucht werden, jedenfalls waren die englischen Fans ganz offenbar Corona-resistent.

In München sind derlei Erweckungen bislang nicht zu beobachten, die Bayern-Basketballer haben den Titel ja vorsichtshalber anderen überlassen, um sich die Bestnote als Gastgeber zu sichern. FCB-Fußballtrainer Hansi Flick hat (bisher noch) keine Meisterfreudentränen vergossen, und die Löwen haben den zwischenzeitlich denkbaren Aufstieg ja auch wieder souverän versemmelt. Es ist sowieso klüger, es als Fan den Bärtierchen gleichzutun - und für eine Rückkehr lebensfreundlichere Zeiten abzuwarten.

© SZ vom 29.06.2020

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