bedeckt München

Linksaußen:Im Anfang war das böse Wort

In Liga drei gehen die Trainer aufeinander los. Und Kloppo wartet auf den lädierten Virgil van Dijk wie eine Sträflingsgattin auf ihren Mann.

Glosse von Johannes Schnitzler

"Wen das Wort nicht schlägt, den

schlägt auch der Stock nicht."

(Sokrates, griechischer Philosoph,

um 469 bis 399 v. Chr.)

Die Wucht des Wortes, gesprochen oder getwittert: Keiner hat sie bündiger formuliert als ausgerechnet der "Meister der Meister", der selbst kein einziges geschriebenes Wort hinterlassen hat: Sokrates. Dass das Wort eine schärfere Waffe sein kann als das Schwert, ist hinlänglich bekannt, dazu bedarf es keiner Schnellabfrage einer googleüblichen Zitate-Bank. Was Sokrates für diese Kolumne zur Referenzgröße erhebt, ist sein entscheidender Treffer in der 90. Minute des Spiels zwischen den Philosophen-Nationalteams aus Deutschland und Griechenland, das sich, wie jeder Fußballfan weiß, 1972 in München zugetragen hat (die Gelehrten streiten bis heute, ob im Olympiastadion oder im Grünwalder, weil die Komiker von Monty Python sich da einen kleinen Spaß erlaubten). Sokrates jedenfalls erzielte das Tor des Tages, wie sonst, mit dem Kopf.

Warum erzählen wir das? Richtig, das Wort als Waffe.

War ja ordentlich was los diese Woche. Lukas Kwasniok, Trainer des 1. FC Saarbrücken, zeterte gegen Michael Köllner, den Trainer des TSV 1860 München, weil er, Köllner, beim 2:1-Sieg der Saarländer in München seinen (also Kwasnioks) Spieler Boné Uaferro als "dumm und/oder doof" bezeichnet habe, nur weil Uaferro einen Elfmeter verursacht hatte. "Skandalös", fand Kwasniok das - also nicht Uaferros Aktion, sondern Köllners Verbalgrätsche. Löwen-Coach Köllner brachte zu seiner Verteidigung vor, dass man "in der Hitze des Gefechts nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen" dürfe.

Beim Gastspiel des FC Ingolstadt in Kaiserslautern soll Ingolstadts Sportdirektor Michael Henke gar versucht haben, FCK-Trainer Jeff Saibene zu treten, der danach jedes Wort zu viel vermied: "Ich muss ihn nicht sehen. Das sagt alles." Beide Vorfälle waren der Liga der beteiligten Klubs angemessen: drittklassig.

Den - Achtung, Wortspiel - Klopper des Tages lieferte aber natürlich mal wieder Jürgen Klopp, dessen scheckheftgepflegten Zahnreihen schon manches böse Wort entwichen ist. Nach dem Foul von Evertons Jordan Pickford an Liverpools Abwehrchef Virgil van Dijk, das den Niederländer für Monate in den Krankenstand beförderte, knurrte der Liverpool-Coach: "Wir werden auf ihn warten wie eine gute Frau, wenn der Ehemann im Gefängnis sitzt." Nun warten die guten Frauen von inhaftierten Mördern und Vergewaltigern eher selten (un)geduldig auf die Heimkehr des Göttergatten. Vielleicht meinte Klopp ja auch die gute Penelope und ihren irrfahrenden Odysseus. Aber in der Hitze des Gefechts ... Goldwaage und so ... ähm, ja.

Sokrates hat ja auch niemand gefragt, was er von Kloppos Kieferorthopäden hält. Der alte Grieche wusste aber immerhin um die verheerende Wirkung des falschen Wortes auf den Nachwuchs. Als die Athener ihn anklagten, anderen immer genau dieses aus der Nase zu ziehen und die Jugend zu verderben, akzeptierte er klaglos die Todesstrafe. Deshalb noch ein weiser Rat aus dem beinahe zahnlosen Mund des antiken Kopfballungeheuers: "Die Meinungen der Masse sind Gespenster, mit denen man Kinder erschrecken kann." Nächten Samstag ist Halloween.

© SZ vom 26.10.2020
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