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Linksaußen:Harte Zeiten für Helden

Undank ist der Welt Lohn - das ist nicht nur Weltfußballer Lionel Messi bewusst, sondern auch vielen Fußballern aus den unteren Ligen - auch jenen, die Türkgücü München zum Drittliga-Aufstieg verhalfen . Per "Burofax" hat aber nur einer gekündigt.

Kolumne von Stefan Galler

Bevor wir uns mit Rassismus, Undankbarkeit, Lionel Messi und einer Blechtrommel befassen, sollten wir ein bisschen literarische Richtigstellung betreiben: Der Nordafrikaner im dritten Akt von Friedrich Schillers Drama "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" sagt in Wahrheit gar nichts von seiner "Schuldigkeit", die er abgeleistet hätte. Im Originaltext heißt es vielmehr: "Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen."

Dass diese Passage seit Jahrhunderten falsch wiedergegeben wird, dürfte den guten Schiller 115 Jahre nach seinem Tod ziemlich kalt lassen. Ebenso wie die aktuelle Rassismus-Debatte, die längst auch den Sport erreicht hat, nicht erst seit dem Spielboykott in diversen US-Profiligen in den vergangenen Tagen. Dass bei Schiller jener Muley Hassan, der "Mohr", ein durchtriebener Intrigant ist, sollte man übrigens nicht falsch deuten. Schiller galt als liberal, war gegen jede Form des Extremismus und ganz gewiss kein Rassist.

Bleiben wir bei denen, auf die das Zitat in der originalen wie frisierten Version passt, weil sie ihre Pflicht erfüllt haben - und dann fortgeschickt werden. Wer anders käme einem da in den Sinn als die Aufstiegshelden von Türkgücü München, die den Fußballklub in die dritte Liga gebracht, aber nun keinen Platz mehr haben auf der Lohnliste. Trainer Rainer Maurer ist ebenso weg wie Kapitän Yasin Yilmaz, der in den vergangenen drei Spielzeiten in Landes-, Bayern- und Regionalliga in 69 Partien 36 Tore für Türkgücü erzielt hat. Zuletzt erhielten auch Ilker Yüksel und Dominik Weiß ihre Papiere - nach dem Motto: der Balltreter hat seine Arbeit getan, der Balltreter kann gehen.

Undank ist der Welt Lohn (nicht von Schiller, sondern ein altes deutsches Sprichwort), das wissen nicht nur regionale, sondern auch Weltfußballer wie Lionel Messi, der nach 20 Jahren die Nase voll hat vom FC Barcelona. Nach zehn Meistertiteln, vier Triumphen in der Champions League und 731 Pflichtspielen, in denen dem Argentinier 634 Tore gelangen, will der sechsfache Weltfußballer nur noch weg - zu tief sitzt der Stachel nach der 2:8-Abreibung durch die Bayern. Per "Burofax" hat Messi gekündigt, wobei sich dahinter eine Art Einschreiben verbirgt, nicht das anachronistische Gerät, mit dem man im Prä-Internet-Zeitalter Fotokopien per Telefonanruf verschickt hat. Das Problem ist nun, dass man die Kündigung bei Barca als nicht fristgerecht und damit als unwirksam erachtet, weshalb Leo bleiben soll. Obwohl er doch, frei nach Schiller, seine Schuldigkeit längst getan hat.

Wie gut ergeht es da doch dem Kollegen Thiago beim FC Bayern. Der wird nicht weggeschickt wie die Sportfreunde von Türkgücü, aber auch nicht zum Bleiben gezwungen wie La Pulga in Katalonien. Er darf nach dem größten Erfolg seiner Laufbahn mit den Kollegen auf eine kleine Blechtrommel einschlagen, lustige Lieder singen und nun - wenn die Ablöse stimmt - zu Klopp nach Liverpool wechseln. Und wenn nicht? Dann bleibt er eben, denn "der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt". Auch von Schiller. Wilhelm Tell, erster Akt.

© SZ vom 31.08.2020

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