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Linksaußen:Free Football!

Er hat es schon wieder getan: Wie Rainer Koch, Präsident des Bayerischen Fußball-Verbandes und geübte Krisen­interventionskraft, die Amateurvereine aus den Klauen der Politik rettet. Es geht um Existenzielles.

Kolumne von Johannes Schnitzler

Er hat es schon wieder getan. Nachdem Rainer Koch, promovierter Jurist, Präsident des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) und DFB-Vizepräsident für Amateurfußball, gerade höchstpersönlich Testspiele in Bayern wieder hat erlauben lassen, ist es nun die Fortsetzung des wegen Corona unterbrochenen Punktspielbetriebs, die ihn sorgt. In einem offenen Brief an die 1,6 Millionen BFV-Mitglieder fordert Koch, dass nun mal Schluss sein muss mit den Beschränkungen: "Die Vereine und der BFV haben ihre Hausaufgaben gemacht. Der Ball liegt jetzt in der Spielhälfte der Politik." Da mit einer Entscheidung aber nicht vor dem 1. September zu rechnen sei, werde man den Spielbetrieb - "falls endlich staatlich erlaubt" - nicht vor dem 19. September aufnehmen können. Zwei Wochen später als geplant! 14 Tage!

Die Staatsregierung müsse nun "entscheiden, ob sie mitspielt oder ob sie Euch, unsere über 4500 Vereine, weiter im Abseits stehen lässt und damit Eure Existenz aufs Spiel setzt". In anderen Branchen und Bundesländern gehe es doch auch, argumentiert Koch.

Warum Amateurvereine, die zwar Platzwart und Übungsleiter, per definitionem aber keine Spieler bezahlen müssten, ebenso gefährdet sein sollen wie etwa Gastronomen, die ohne Gäste nicht überleben können? Tut nichts zur Sache. Die geübte Kriseninterventionskraft Koch hat eine so wuchtige Schrift verfasst, dass man sich wundern muss, wie Nelson Mandela jemals ohne ihn aus dem Gefängnis frei kommen konnte. In seinem Traktat "De liberatione pediludii" ("Über die Befreiung des Fußballs") sieht sich Koch einig mit dem ehemaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage ("Die Spiele müssen weitergehen.") sowie dem Arzt und Gelegenheitsschriftsteller Friedrich Schiller, der schon im 18. Jahrhundert erkannte: "Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." Aber die Politik hat es bis heute nicht geschafft, die Spiele wieder gespielt werden zu lassen. Unmenschlich!

Koch endet mit einem flammenden Appell: "Auch Euch bitten wir, alle weiterhin gemeinsam an einem Strang zu ziehen (und) politische Vertreter bei Euch vor Ort anzusprechen (...) Es kann nur gemeinsam gehen. Vereine, Verband - und jetzt vor allem die Politik. Euer Dr. Rainer Koch." Klingt weniger nach "Wir" als nach: "Wir" machen Druck auf "die da". Aber wenn das Münchner Dr.-R.-Koch-Institut beschließt, dass nun wieder gefahrlos gebolzt werden kann, dann sollen sich das Dr.-R.-Koch-Institut in Berlin und das bayerische Innenministerium nicht so haben. Es geht um die wirklich existenziellen Dinge. Free Football!

© SZ vom 24.08.2020

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