Leichtathletik Vorerst ohne Garnitur

Beendet seine Karriere: Walter Laurin (vorne) von der LG Stadtwerke München.

(Foto: Günther Reger)

"Allesamt nicht zu ersetzen": Die LG Stadtwerke muss zahlreiche Athleten verabschieden, die ihre Karriere beenden.

Von Andreas Liebmann

Früher gehörte es zur Adventszeit wie Glühwein, Stollen, Kerzenlicht und überfüllte Einkaufszentren. Gerade wenn man mal überhaupt nicht an die Münchner Leichtathletik dachte, im Nirgendwo zwischen beendeter Freiluftsaison und noch nicht begonnener Vorbereitung, da kam sie plötzlich mit Pressemeldungen um die Ecke. Eine Art festes Ritual, das trotz seiner alljährlichen Wiederholung immer wieder aufs Neue überraschte. Üblicherweise darin enthalten waren die obligatorische Erfolgsmeldung bezüglich des deutschen Vereinsrankings, in dem die LG Stadtwerke München zuletzt stets den zweiten Platz belegte, und natürlich eine Auflistung von mehr oder minder hochkarätigen Zu- oder Weggängen zum Jahresende. Doch in diesem Winter ist alles anders, es kam: nichts.

Zunächst hatte es durchaus eine Überraschung gegeben, bereits im November; eine, die noch größer war als in den zurückliegenden Jahren, wenn auch nicht positiv aus Sicht der Münchner Leichtathletik-Gemeinschaft. Die gesamte 400-Meter-Trainingsgruppe der LG war zum TSV Gräfelfing gewechselt, die international erfahrenen Johannes Trefz und Tobias Giehl nebst Benedikt Wiesend und Michael Adolf - die ersten drei sind gemeinsam deutsche Meister in der Staffel - sowie ihren beiden Trainern Peter Rabenseifner und Korbinian Mayr. Seitdem, wie gesagt, kam nichts.

Dabei hätte es einiges zu berichten gegeben, wie Geschäftsführer Christian Gadenne auf Nachfrage erzählt. Doch das Vereinsranking des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) lässt seit Wochen auf sich warten. Es handelt sich um nichts anderes als eine Addition von Plätzen in den Jahresbestenlisten der vergangenen Freiluftsaison, und wie man allein schon mit einem Blick aus dem Fenster feststellen kann, ist diese seit geraumer Zeit vorüber. Doch das Erstellen des Rankings dauert an. "Wir haben die ganze Zeit darauf gewartet", erläutert Gadenne nun die lange Ruhe.

Vermutlich auch, weil sich anhand der Liste am ehesten transportieren ließe, dass die LG Stadtwerke durchaus auf ein erfolgreiches Jahr 2018 zurückblickt. Er hoffe erneut auf den zweiten Platz unter allen deutschen Vereinen, sagt Gadenne, hinzu kämen ja fünf deutsche Meistertitel im abgelaufenen Jahr, mehr als je zuvor. Doch all die anderen Nachrichten, die es zurzeit zu verbreiten gibt, klingen weniger positiv, da hätte sich so ein zweiter Platz im DLV-Ranking prima als Garnitur geeignet.

Zum einen wäre da das nicht unerhebliche Verletzungspech. Der 18-jährige Weitspringer Yannick Wolf hatte sich im Juli bei den deutschen Jugendmeisterschaften in Rostock bei der Landung die Schulter ausgekugelt. Kurz vor Weihnachten, als er, vermeintlich wieder völlig hergestellt, ein Gewicht stemmte, sprang das Gelenk erneut heraus. Und Hochspringer Lucas Mihota, 19, ist laut Gadenne kürzlich auf dem Weg zum Kraftraum umgeknickt und riss sich ein Band im Sprunggelenk. "Das neue Jahr fängt für ihn genauso an wie das letzte", klagt Gadenne. Auch da war der ehemalige U-18-Europameister mit einer Fußverletzung gestartet. Mihota übrigens war (wie auch 400-Meter-Läufer Michael Adolf) einer jener adventlichen Zugänge vor gut einem Jahr gewesen. Doch diesmal sind die Zugänge von überschaubarer Zahl und eher dem B-Jugend-Bereich zuzuordnen.

Viel erheblicher wirkt sich da etwa der Weggang des Weit- und Dreispringers David Kirch aus, der in beiden Disziplinen zu den deutschen Hoffnungsträgern zählt. Er hat die Sprunggruppe von Trainer Richard Kick verlassen und ist aus schulischen Gründen nach Köln gewechselt, wo er künftig bei Bundestrainer Charles Friedek trainiert. Auch Kirch war erst vor einem Jahr offiziell zur LG Stadtwerke gestoßen.

Und zu schlechter Letzt gibt es da noch eine Reihe Athleten, die ihre Karriere beendet haben. Nach Kugelstoßerin Amelie Döbler, die das schon im Sommer vollzog, haben sich auch Clemens Bleistein, Christine Gess und Laurin Walter verabschiedet, also Münchens erfolgreichster Langstreckenläufer, ein Mitglied der deutschen 3×800-Meter-Meisterstaffel der Frauen und ein ehemaliger deutscher Jugendmeister über 400 Meter, allesamt "nicht zu ersetzen", sagt Gadenne. Also: Wo bitte bleibt diese DLV-Liste?