Leichtathletik Übers Ziel hinaus

Beim Finale der Münchner Winterlaufserie feiern Julian Erhardt und Thea Heim souveräne Siege. Der Profi-Triathlet träumt vom Ironman auf Hawaii, Heim vom Berlin-Marathon.

Von Anna-Lena Siebert

Für Julian Erhardt ist sprichwörtlich der rote Teppich ausgerollt: Die Moderatoren bereiten die Zuschauer minutenlang euphorisch auf den Zieleinlauf des Triathleten vor. Sie spekulieren über dessen mögliche neue Bestzeit über 20 Kilometer, während laute Musik aus den Lautsprechern dröhnt, die die Stimmung anheizen soll. Mit Mikrofon und Kamera warten sie hinter der Ziellinie, um den Sieger der Münchner Winterlaufserie in Empfang zu nehmen. Doch was passiert? Im Ziel angekommen, läuft Erhardt einfach weiter. Ohne sein Tempo zu verringern, verschwindet der 27-Jährige aus dem Blickfeld der Zuschauer. Es herrscht allgemeine Verwirrung im Olympiapark.

Nach einigen Minuten kehrt Erhardt zurück und klärt das Publikum im Interview mit den Moderatoren auf: "Da meine Zeit sehr gut war, wollte ich den Halbmarathon dann noch zu Ende laufen. Ich habe vor dem Lauf einen Kilometer hinter der Ziellinie abgemessen, weil ich meine Bestzeit für diese Strecke knacken wollte." Mit Erfolg: Der gebürtige Münchner, der am Chiemsee lebt, verbessert seinen persönlichen Rekord über 21,0975 Kilometer um eine Minute auf ungefähr 1:10:20 Stunden. Ungefähr, weil er unterwegs Probleme mit dem GPS hatte. Erhardt gewinnt nicht nur den Lauf über 20 Kilometer am Sonntag, sondern auch die Gesamtwertung der Winterlaufserie, nachdem er bei den Läufen über zehn Kilometer im Dezember und 15 Kilometer im Januar ebenfalls der Sieger war. Damals noch machten Schnee, Eis und bittere Kälte den Läufern zu schaffen. Doch am Sonntag sind die Bedingungen bei frühlingshaften zehn Grad und Sonnenschein perfekt.

Lief den Moderatoren davon, weil er seine Halbmarathon-Bestzeit knacken wollte: Julian Erhardt, 27.

(Foto: Claus Schunk)

Thea Heim, die bei den Frauen den 20-Kilometer-Lauf sowie ebenfalls die Serienwertung gewann, schwärmt: "Das Rennen hat super viel Spaß gemacht, ich konnte zum ersten Mal seit Monaten in kurzer Hose laufen, das ist ein gutes Gefühl." Nach 2017 gewann die 26-Jährige nun zum zweiten Mal die Serie. Für sie sind die Läufe im Winter lediglich als Training gedacht, dennoch lief sie der weiblichen Konkurrenz souverän davon - und das in schwarzen Socken. Wieso die Farbe ihrer Socken hier erwähnt wird? Sie erscheint erst einmal überflüssig, ist für Heim jedoch ungewöhnlich: "Ich laufe fast immer in weißen Socken und hellen Schuhen, dadurch fühle ich mich leichter." Doch heute hat sie ihr Ritual nicht eingehalten. "Ist ja sowieso eher Training", sagt sie. Und letztendlich auch egal, sie zeigt auch ohne die Lieblingssocken ein starkes Rennen in 1:16:11 Stunden. "Für einen Trainingslauf bin ich damit sehr zufrieden", sagt sie. Im Gegensatz zum Halbmarathon-Mann Erhardt haben ihr die 20 Kilometer gereicht.

Während einige Läufer noch auf der Strecke durch den Olympiapark unterwegs sind, wartet Thea Heim im Vip-Bereich des Olympiastadions schon auf die Siegerehrung. Das Haarband und die dunkle Sonnenbrille vom Lauf trägt sie noch immer auf dem Kopf, sie ist sichtlich erschöpft, aber auch zufrieden. Ihr Trainer Norman Feiler kümmert sich um sie, achtet darauf, dass sie sich gut vom Lauf erholt und bringt ihr eine Semmel zur Stärkung. Bereits am kommenden Sonntag muss die mehrfache deutsche Meisterin topfit sein: Dann geht sie beim Halbmarathon im italienischen Verona an den Start.

Sieht die Winterlauf-Serie als gute Vorbereitung für große internationale Wettkämpfe: Thea Heim, 26.

(Foto: Claus Schunk)

Die Winterlaufserie sieht Heim als geeignete Vorbereitung für die großen internationalen Wettbewerbe: "Die Qualität hier ist sehr hoch, das Rennen findet praktisch vor meiner Haustür statt und es macht mehr Spaß, als alleine zu trainieren", sagt die Münchnerin. "Es hilft auch, die Motivation im Winter hochzuhalten." Für die wärmere Jahreszeit hat sie große Pläne: Vielleicht wird sie im Frühjahr ihren ersten Marathon laufen, definitiv jedoch im Herbst. Der Berlin-Marathon im September ist ihr großes Ziel in diesem Jahr. Eine weitere Herausforderung ist auch in dieser Saison wieder der Spagat zwischen Bürojob und Sport. "Manchmal ist es schwierig, beides unter einen Hut zu bekommen", sagt Heim.

Dieses Problem hat Julian Erhardt nicht, der Triathlet ist hauptberuflich Sportler und verdient sein Geld mit Schwimmen, Radfahren und Laufen. Auch er tritt in diesem Jahr europaweit bei Wettbewerben an. Bis im Mai die Triathlon-Saison startet, möchte er dem deutschen Winter zeitweise entfliehen - Trainingslager in Spanien und Italien stehen auf dem Programm. Sein großer Traum? Der Ironman auf Hawaii. "Natürlich", schränkt Erhardt ein, "das sagt jeder, das muss man auch sagen. Ob ich es da wirklich mal hinschaffe, weiß ich nicht." Bislang hat er nur die Mitteldistanz bestritten, die aus 1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren und einem Halbmarathon besteht. Bei der Langdistanz, die auf Hawaii gefordert ist, werden die Strecken jeweils verdoppelt. Diese Herausforderung möchte er bald in Angriff nehmen. "Auf der Mitteldistanz komme ich langsam an mein Leistungsoptimum", sagt Erhardt. Bis zu den ganz großen Wettbewerben auf der Langdistanz ist es noch ein weiter Weg. Doch als Profi kann sich Julian Erhardt voll auf das Training konzentrieren. Dazu gehört auch hier und da ein freiwilliger Extra-Kilometer.