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Leichtathletik:Überraschung aus Übersee

Leichtathletik Deutsche Jugendmeisterschaften 2019 Ulm Deutschland 26 28 Juli 2019 Leichtat

Ihre Leidenszeit ist offenbar vorbei: Selina Dantzler findet in Miami gerade zu alter Stärke zurück.

(Foto: Footcorner/imago images / Beautiful Sports)

Die Münchner Kugelstoßerin Selina Dantzler hat seit ihrem Umzug nach Miami viel Pech gehabt. Nun hat sie erstmals wieder weiter als 16 Meter gestoßen - und damit die Norm für die U-23-EM erfüllt.

Von Andreas Liebmann, München

Sofern die Bilder echt sind, die da in den sozialen Medien auftauchen, hat es in Florida zuletzt eher nicht geschneit. Vermutlich sind sie echt, einschlägige Wetterseiten sagen für Sonntag in Miami 29 Grad voraus. Selbst in Florida - das gehört zur Wahrheit dazu - warnte der Wetterdienst vor Weihnachten zwar mal davor, dass kältebedingt grüne Leguane von Palmen krachen könnten, doch diese Phase muss kurz gewesen sein. Wenn Selina Dantzler Bilder von dort postet, sehen sie immer nach Strandwetter aus. Ihr jüngstes Foto aber ist aus anderen Gründen bemerkenswert. Man sieht sie beim: Kugelstoßen.

Selina Dantzler, das zur Erinnerung, ist Kugelstoßerin. Im Juli 2017 war die Münchnerin sogar Weltmeisterin, die letzte, die in der Altersklasse U18 gekürt wurde, ehe der Verband die U-18-WM abschaffte. Damals in Kenia war es so kalt und regnerisch, dass herabfallene Leguane nur deshalb verwundert hätten, weil in Afrika keine leben. Dantzlers Kugel landete bei 17,64 Metern. Gemeldet war sie mit einer Bestleistung von 18,19 Meter. Wohlgemerkt: mit der drei Kilo schweren Kugel. Mit dem Vier-Kilo-Wurfgerät erreichte sie ein Jahr später 16,75 Meter. Im Mai 2018 war das, Halle an der Saale. Dieser Bestwert hat bis heute Bestand.

Ihr letzter 16-Meter-Stoß lag bereits 33 Monate zurück

Das neue Foto dokumentiert nun Dantzlers jüngsten Erfolg. 16,20 Meter gelangen ihr bei den Florida Relays, einem Einladungswettkampf in Gainesville. Noch ist das keine Bestleistung, aber ein starkes Lebenszeichen, mit dem die 21-Jährige vermutlich selbst nicht gerechnet hat. "Ich könnte nicht glücklicher sein", kommentiert sie die Leistung. Sie sei gespannt, was diese Saison noch bringt. Die Qualifikationsnorm für die U23-Europameisterschaft im norwegischen Bergen (8. bis 11. Juli) hat sie damit um 20 Zentimeter übertroffen, sie ist zurück im internationalen Geschäft. "Eine schöne Überraschung", fand Christian Gadenne, Geschäftsführer der LG Stadtwerke München, für die Dantzler startet.

Wer kraft sportlicher Leistungen ein Stipendium an einer US-Uni ergattert, kann es ja so sehen, dass ihm dort gute Möglichkeiten geboten werden, auch während eines Studiums im Sport voranzukommen; oder er kann den Sport als Mittel zum Zweck begreifen, als Eintrittskarte zu einer akademischen Ausbildung. Ganz egal, wie Dantzler das für sich gewichtet hat, als sie im August 2018 in die USA zog, das Heimatland ihres Vaters, um an der University of Miami zu studieren: Den sportlichen Teil ihrer Entwicklung hat sie sich sicher anders vorgestellt. Gut zehn Wochen nach ihrem 16,75-Meter-Stoß brach sie auf, gut drei Wochen nach der U-20-WM von Tampere, wo sie 16,16 Meter erreichte. In Miami folgte eine wenig weltmeisterliche Leidenszeit, eine langwierige Knieverletzung, eine OP, dann die Pandemie, die das Jahr 2020 im Februar beendete. Der Stoß von Gainesville ist nun das zweitbeste Ergebnis ihrer Karriere, 33 Monate nach ihrem letzten 16-Meter-Stoß. "Unglaublich erleichtert und auch stolz" ist sie nun, "froh, wieder Ergebnisse zu sehen" nach den Rückschlägen. Sie habe zuletzt gemerkt, dass sie ihre Schnellkraft und Technik zurückbekomme: "Ich bin mir sicher, dass meine Unglückssträhne vorbei ist." Nach den College-Wettkämpfen will sie die Sommersaison in Deutschland fortsetzen, dann wird es auch hier nicht mehr schneien. So viel Pech kann nicht mal Selina Dantzler haben.

© SZ
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