Leichtathletik Tokio am Horizont

Der 400-Meter-Läufer Johannes Trefz will bei der Staffel-WM in Yokohama den ersten Schritt Richtung Olympia machen. Ein Ziel, das er freilich nicht exklusiv hat.

Von Andreas Liebmann

Es gehe nun sehr rasant, sagte Johannes Trefz. In einigen Tagen werde er zum Trainingslager nach Okinawa aufbrechen, drei Wochen später gehe es um alles. Vor den Fenstern zogen Regenwolken vorbei, es war frostig im Münchner Olympiapark. Trefz, der deutsche Meister über 400 Meter, und sein Vereinskollege Korbinian Suckfüll vom TSV Gräfelfing hatten sich für das Gespräch Mitte April nach drinnen verzogen. Dass es drei Wochen danach sogar schneien sollte in München, bekam Trefz dann nicht mehr mit, da trainierte er längst in Okinawa bei gut 20 Grad.

Die Wetterkapriolen waren weniger ungewöhnlich als die Tatsache, dass ein Leichtathlet wie der Zwei-Meter-Mann Trefz, der schon wegen seiner Länge nahezu nie in der Halle antritt, so früh in einer Leichtathletik-Saison auf einen Höhepunkt zusteuert. Doch genau so ist das in diesem Jahr. Detailliert erklärte Trefz seinen Fahrplan für die anstehenden Olympischen Spiele in Tokio 2020. Suckfüll, ein 21-jähriger Stabhochspringer, hörte ihm interessiert und vielleicht auch etwas wehmütig zu.

An diesem Wochenende werden im japanischen Yokohama die IAAF World Relays ausgetragen, jene inoffiziellen Staffel-Weltmeisterschaften, die bislang stets auf den Bahamas stattfanden, deren Regierung sich diese Veranstaltung aber nicht mehr leisten konnte. Yokohama ist wenige Kilometer von Tokio entfernt, Trefz ist nun also schon mal dort angekommen, wo er nächsten Juli unbedingt wieder hinwill. "Wir gehen voll auf die Staffel", erklärte er vor seiner Abreise. Will heißen: Alle deutschen Kurz- und Langsprinter versuchen, sich in Yokohama für Tokio 2020 zu empfehlen. "In der Staffel sind die Chancen viel größer", weiß Trefz, ebenso natürlich die Aussichten, im Falle eines Olympiastarts auch dort ordentlich abzuschneiden.

Enttäuschung in Berlin: Schlussläufer Johannes Trefz kann Rang acht im EM-Finale über 4×400 Meter nicht mehr verhindern.

(Foto: imago/Sebastian Wells)

Trefz ist als Schnellster der deutschen Rangliste für die 4×400-Meter-Staffel der Männer gesetzt. Er wäre "auch sehr gerne im Mixed gelaufen", sagte er. Diese Staffelform mit je zwei Frauen und zwei Männern ist neu, auch hier hätte er sich Chancen auf eine gute Platzierung ausgerechnet. "Aber das ist nicht meine Entscheidung", erklärte der 26-Jährige. Klar ist: Ein Platz unter den besten Zehn in Yokohama würde sein Quartett für die Weltmeisterschaft in Doha qualifizieren - und die wiederum böte die beste Gelegenheit, eine schnelle Zeit für Tokio aufzustellen: "Ziel ist, im Vorlauf von Doha unser bestes Rennen zu machen."

Es ist alles ein wenig kompliziert geworden, denn der Weltverband IAAF hat ein neues Qualifikationssystem aufgestellt. Für Tokio können sich die Athleten wie früher durch die Erfüllung einer Norm qualifizieren, oder aber mittels ihrer Position in der neuen Weltrangliste. Die Normen allerdings sind nunmehr noch strenger geworden, und die meisten Punkte für die Weltrangliste gibt es bei internationalen Wettkämpfen und in der Diamond League, in die nun mal nicht jeder hineinkommt. Bereits nach dem enttäuschenden Abschneiden bei der Europameisterschaft in Berlin, so erzählt Trefz, sei es besprochen worden, dass alle Trainer den Formaufbau ihrer Sprinter so steuern sollten, dass diese 2019 bereits Anfang Mai in Topform seien. Zwei Trainingslager in Teneriffa gab es schon.

Das besonders Knifflige: Die WM beginnt dann erst Ende September. Staffeln, die sich nicht in Yokohama qualifiziert haben (was Trefz als "extrem schwer" einstuft), müssten ihre Chance danach also über Zeiten in Meetings und bei der Team-EM suchen, statt sich um den erneuten Formaufbau für Doha kümmern zu können. Auf den Bahamas, erinnert sich Trefz, sei er in den Vorjahren zweimal sehr schnell gewesen, "aber die anderen nicht - das darf diesmal nicht passieren".

Korbinian Suckfüll beim Stabhochsprung.

(Foto: Tim Marcour/oh)

Tokio 2020 - wenn es am Wochenende gut läuft, könnte dieses Ziel zumindest in der Staffel für Trefz schon einigermaßen Gestalt annehmen. Für Korbinian Suckfüll ist es eher ein verschwommener Punkt am Horizont geblieben. Dabei ist Trefz indirekt nicht ganz schuldlos daran, dass Suckfüll Olympia überhaupt ins Auge gefasst hatte. Im vergangenen Sommer, erzählt er, da seien jene Gespräche konkreter geworden, die letztlich dazu führten, dass Trefz und drei Mitglieder seiner Trainingsgruppe von der LG Stadtwerke zum TSV Gräfelfing wechselten. "Da haben dann auch wir uns ernsthaftere Gedanken über unsere Ziele gemacht", erinnert er sich. "Wir", das war die Stabhochsprunggruppe der Trainer Matthias Schimmelpfennig und Malte Mohr, bis dahin das Aushängeschild des Vereins, mit Felix Wolter und Julian Meuer. Ersterer hat sich zuletzt aber wieder dem Zehnkampf zugewandt, Letzterer den Verein verlassen. Nun habe er keine adäquate Trainingsgruppe mehr, bedauert Suckfüll, vor allem aber war er damals, seit Anfang 2018, am Sprunggelenk verletzt - und sein Fuß ist bis heute lädiert. "Uns war bewusst, dass Tokio ein ambitioniertes Ziel ist", sagt Suckfüll. Die vergangene Saison, in der er mit 5,20 Meter noch recht zufrieden sein konnte, habe ihn "weit zurückgeworfen", und die Hoffnung, wenigstens fit in den Winter zu starten, hat sich auch nicht erfüllt. Und nun? "Ich will nicht sagen, dass es unmöglich ist", räumt Suckfüll ein, "aber die anderen trainieren nicht umsonst vier Jahre auf Olympia hin. Da wäre es doch überheblich zu sagen: Mir reicht ein Jahr." Sein Ziel, möglichst nahe an die Qualifikationshöhe von 5,80 Meter für Olympia heranzuspringen, hat er dennoch nicht aufgegeben. "Nächstes Jahr würde ich mir das zutrauen", beteuert er.

Suckfüll hat keine leichte Zeit hinter sich. 2017, vor den Verletzungen, versuchte er sich vorübergehend als Zehnkämpfer, "um den Kopf freizukriegen", wie er sagt. Er wurde völlig überraschend deutscher U23-Meister, kurioserweise sein bisher größter Erfolg. Dennoch kehrte er zurück zum Stabhochsprung, der ihn mehr reizte. Nun steckt der Maschinenwesen-Student ein bisschen fest. "Wenn man zwischen Amateur- und Profisport steht, stellt sich immer die Frage, zu wie viel Risiko man dafür bereit ist", erklärt er nachdenklich. Was also alles hinter dem Sport zurückbleiben darf. Studium? Beruf? Freizeit? Freunde?

Trefz kennt das, und doch lief es bei ihm etwas anders. Schon zu Beginn seines Biologie-Studiums hatte er einen Kader-Status, und damit eine Förderung. Das fehlt Suckfüll noch. Vielleicht hätten ihm jene 5,30 Meter gereicht, die er vergangenes Jahr in Erding knapp riss. "Den Bachelor habe ich ziemlich durchgeballert", erzählt Trefz, danach aber gemerkt, dass es in diesem Tempo nicht lange funktionieren würde. "Ich war fast ausgebrannt." Bis zum Master-Abschluss ließ er sich mehr Zeit, nun ist er fertig und Sportsoldat bei der Bundeswehr. "Ein Riesenvorteil" sei das, weil er sich nun ganz auf den Sport konzentrieren kann. Sonst sei das in Deutschland schwieriger als anderswo, Ausbildung und Leistungssport in Einklang zu bringen.

Aufgebot für Europaspiele

Kurz vor Johannes Trefz' Start in Yokohama gab es von daheim noch ein paar Neuigkeiten für den 26-Jährigen. In Nagold hat sich der Rest seiner Gräfelfinger 4×400-Meter-Staffel mit Benedikt Wiesend, Michael Adolf, Tobias Giehl und Arne Leppelsack am Mittwoch für die deutsche Meisterschaft Anfang August in Berlin qualifiziert. Und Trefz wurde wie Leppelsack und Hochspringer Tobias Potye (LG Stadtwerke) vom Deutschen Olympischen Sportbund für die zweiten Europaspiele in Minsk (21. bis 30. Juni) nominiert. Aus der Region sind ebenfalls dabei: die Judoka Theresa Stoll und Laura Vargas Koch vom TSV Großhadern, die Schützen Maximilian Dallinger, Selina Gschwandtner und Isabella Straub sowie Tischtennisprofi Sabine Winter.

Tokio könnte der Karrierehöhepunkt für den dreimaligen deutschen Einzelmeister werden. Es sind die dritten Olympischen Spiele, auf die er hintrainiert, 2012 ähnlich kühn wie jetzt Suckfüll, 2016 sei die Teilnahme "schon realistischer" gewesen, aber nicht geglückt. Nun ist Trefz schon lange verletzungsfrei; Trainingsgruppe, Verein, medizinische Versorgung, alles passt. Vieles sei professioneller als früher, er arbeitet mit einer Ernährungsberaterin und einer Mentaltrainerin zusammen. "Ich habe viele Puzzleteile zusammengefügt und genieße das jetzt in vollen Zügen", sagt er. Auch mit seiner neuen Vorbildrolle in Gräfelfing kommt er gut klar, es behagt ihm, Jüngeren wie Suckfüll beim Puzzeln zu helfen, auch wenn das ohne eins der wichtigsten Teilchen, die Gesundheit, schwierig ist.

Vielleicht kann er bald ja auch den Weg nach Olympia weisen. Wie man es mit der Doppelbelastung eines Sportlers und der Selbstdisziplin hinbekommt, kann Trefz jedenfalls sehr gut vermitteln. Aktuell plant er sogar, im Sommer seine Doktorarbeit zu beginnen. "Nur morgens aufstehen und warten, bis Training ist, kann ich nicht."