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Leichtathletik:Späte Revanche

Senioren-Leichtathlet Gerhard Zorn aus Vaterstetten gewinnt überraschend WM-Gold in Malaga - und schlägt einen früheren Dopingsünder. Zorns 79-jähriger Vereinskollege Guido Müller hadert indes mit seiner Form.

Von Andreas Liebmann, München/Vaterstetten

Etwas sehnsüchtig blickte Gerhard Zorn damals nach oben. Lahti 2009, bei seiner zweiten WM-Teilnahme war der Senioren-Leichtathlet vom TSV Vaterstetten Vierter geworden über 100 Meter. Als die Siegerehrung lief, dachte er sich, wie gerne er doch mit auf diesem Treppchen gestanden wäre. Drei Monate dauerte es, bis Zorn erfuhr, dass er nun Dritter war. Dem Sieger Val Barnwell aus den USA war Doping nachgewiesen worden. Auch im Seniorensport kommt so etwas vor. Die Medaille erreichte ihn über Umwege, die Siegerehrung war ihm entgangen.

Inzwischen kennt Zorn das Gefühl, bei Weltmeisterschaften auf dem Podest zu jubeln. In den vergangenen Tagen hat er im spanischen Malaga fünf Starts in der Altersklasse M60 absolviert - und fünf Medaillen heimgebracht. Und diesmal stand auf dem Treppchen ein alter Bekannter neben ihm: Val Barnwell, der nach Ablauf seiner Dopingsperre wieder Wettkämpfe bestreitet.

8000 Teilnehmer, im Sprint bis zu zehn Vorläufe: Senioren-Weltmeisterschaften sind ein Massenauflauf. "Fast so groß wie Olympische Spiele", sagt Zorn, der sofort hinzufügt, dass man das natürlich relativieren müsse. Es gibt für diese Wettkämpfe keine Normen, keine Qualifikationen, jeder darf mitmachen. Dennoch bleiben am Ende natürlich immer dieselben übrig. Wie Zorns Vereinskollege Guido Müller, 79, der in seiner Laufbahn als Senior unzählige Titel und Rekorde gesammelt hat. Nicht jedoch in Malaga, wo er tief enttäuscht berichten musste, dass er über 400 Meter nur Fünfter war, über 100 und 200 Meter gar chancenlos, Zweiter über 300 Meter Hürden - lediglich mit Staffel-Gold konnte er sich etwas trösten. Müller ist am Ende seiner Altersklasse M75 angelangt, nächstes Jahr kann er in der M80 neu starten. "Es enttäuscht mich, wie sehr ich im letzten Jahr abgebaut habe", gab Müller zu, 2017 in Aarhus hatte er ganz andere Zeiten abgeliefert. Obendrein nahm ihm nun in der M70 Charles Allie (USA) einen seit neun Jahren gültigen Weltrekord über 400 Meter weg.

Für andere lief es besser. Der ehemalige Zehnkämpfer Norbert Demmel aus Unterhaching (M55) gewann Gold im Diskus- und im Gewichtwurf, Silber im Kugelstoßen und stellte im Wurffünfkampf einen Weltrekord auf. Und Zorn? Wurde über 100 Meter etwas überraschend Zweiter hinter dem großen Favoriten Barnwell. Hinzu kamen zweimal Staffel-Silber und der Sieg über 400 Meter vor dem Australier Trevor Young. Zorns Höhepunkt aber war das Duell mit Barnwell über 200 Meter, als er den Amerikaner mit den letzten Schritten überholte. "Das Stadion hat getobt", berichtete er, die Zuschauer kannten Barnwells Geschichte. Acht Jahre nach Lahti stand Zorn nun mit ihm auf dem Treppchen - eine Stufe höher.

© SZ vom 21.09.2018

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