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Leichtathletik:Mit Hanteln und Zweifeln

Statt im Trainingslager in Arizona halten sich die Olympiakandidatinnen Christina Hering und Katharina Trost quasi im Home-Office fit. Die Frage lautet: Wofür eigentlich?

Ein Anruf mit unterdrückter Nummer löst gleich mal ein gemeinsames Schmunzeln aus; nicht der schlechteste Gesprächsbeginn in diesen Tagen. "Ich dachte schon, das ist die Dopingkontrolle", sagt Katharina Trost lachend. Sie ist schließlich immer noch Leistungssportlerin, und theoretisch ist sie ja auf dem Weg zu den Olympischen Spielen. "Im Moment wage ich stark zu bezweifeln, dass die in diesem Jahr stattfinden", sagt sie zwar, aber noch steht der Termin. Die olympische Fackel ist bereits in Japan angekommen, ein reichlich absurdes Bild in der allgemeinen Nachrichtenlage. Nicht nur für Trost und ihre Trainingsgruppe ist diese lange Unsicherheit ein großes Problem.

Die Sonne scheint, die deutsche 800-Meter-Hallenmeisterin von 2019 ist gerade in Piding im Berchtesgadener Land. Sie wohnt vorübergehend bei ihren Eltern, ein Haus mit Garten, ein angrenzender Wald, gerade haben sie gegrillt. "Ich kann mich nicht beschweren", sagt sie. Deutlich angenehmere Bedingungen sind das, als jetzt in den 19 Quadratmetern ihres Münchner Appartements zu hocken. Die Berge ringsum entschädigen auch ein bisschen dafür, dass sie, vielleicht sogar genau in diesem Moment, am Grand Canyon hätte stehen können, ihrem jährlichen Ausflugsziel. Eigentlich wären sie jetzt in Flagstaff, Arizona, gewesen, zum Höhentrainingslager. "Wir hatten uns alle sehr darauf gefreut", erzählt Trost. "Am Anfang war ich richtig traurig, als wir das abgesagt haben." Dann änderte sich die Nachrichtenlage, "und die Trauer war schnell überwunden". Wenn sie überhaupt noch hätten einreisen dürfen in die USA, wären sie dort wohl festgesessen. Trost weiß von anderen Athleten, die Probleme hatten, aus Südafrika heimzukehren. Auch ihre Gruppe hätte man wohl irgendwie zurückholen müssen.

"Im Moment können wir nur von Tag zu Tag planen und versuchen, nicht zu viel nachzudenken."

Andreas Knauer war erleichtert, als sie Flagstaff abgesagt hatten. Der ehemalige Trainer der Gruppe um die Olympiakandidatinnen Trost und Christina Hering ist inzwischen als Bundesstützpunktleiter eher für das große Ganze zuständig. Gut vorbereitet wären sie gewesen, erzählt er, ein Team mit Trainer, Leistungsdiagnostiker, Physiotherapeut war vorgesehen, aber: "Wir hätten ja nicht wissen können, ob wir nicht doch jemanden dabei haben, der infiziert ist", sagt er. Und wie sich eine Lungenkrankheit ausgewirkt hätte in dieser Höhe über 2000 Meter, in der gesunde Körper eine Woche bräuchten, um sich darauf einzustellen, darüber wolle er gar nicht so genau nachdenken. Er selbst sei ja auch nicht mehr Anfang, Mitte 20, sondern 53.

Nun, das ist ihm wichtig zu betonen, gelte es, daheim die Gesellschaft zu schützen. "Unsere Gruppe wird sich vorbildlich verhalten in dieser Krise", versichert er. Sozialkontakte vermeiden. Alleine trainieren. Alle Teamleiter des Bayerischen Leichtathletik-Verbands hätten sich lange vor den verschärften Ausgangsregeln darauf verständigt, die allgemein gültigen Regeln zu übernehmen, ohne Sonderwege für den Sport. "Wir versuchen alle, daheim zu bleiben", bestätigt Trost, die angehende Grundschullehrerin, die nicht verstehen kann, wie es vor der Ausgangssperre etwa am Viktualienmarkt zuging. "Es unterschätzen immer noch viele und fühlen sich unverwundbar", sagt sie. "Die kapieren es nicht." Sie selbst habe auch ihre Großeltern nicht mehr besucht, obwohl sie im selben Dorf wohnen.

Mareen Kalis, über Jahre Dritte im Bunde der erfolgreichen 800-Meter-Läuferinnen der LG Stadtwerke München, wäre erstmals nicht mit in Flagstaff gewesen, sondern Jana Reinert, die zwar nicht auf Tokio, aber auf eine EM-Chance hintrainiert und nun in Karlsruhe steckt. Kalis hat ihre Laufbahn beendet, um sich auf ihr Medizinstudium zu konzentrieren. Damit wird sie nun wohl mitten hineingeraten in die Corona-Krise. In München sind Medizinstudenten dazu angehalten, in Kliniken zu helfen. Kalis ist gerade in Paderborn und hat ein Praktikum an einer Frauenklinik begonnen. Vorerst ganz regulär, aber es sei wohl absehbar, dass ihre Tätigkeit bald von der Pandemie bestimmt sein wird. "Ich bin glücklich, dass ich einer Berufsgruppe angehöre, die weiter arbeiten kann", sagt sie. Sie will helfen. "So gesehen war mein Karriereende gut getimt. Jetzt Leistungssportler zu sein, ist echt superscheiße."

Für junge Athleten, deren Träume nun platzen, müsste man eine Art Krisenintervention schaffen

Solche Worte versuchen ihre bisherigen Teamkolleginnen zu vermeiden, sie wollen positiv bleiben. "Wir Läufer haben Glück, wir können draußen für uns alleine trainieren", findet die Münchnerin Hering. Auch sie habe sich sehr auf Flagstaff gefreut, auf das gemeinsame Appartement, die Landschaft, die seit Jahren vertrauten Laufstrecken, die Wintereinbrüche, die man dort schon erlebt habe. "Aber jetzt bin ich doch froh, hier zu sein." Die 25-Jährige geht weiter laufen, "es ist ja mein Job", sagt sie. Mit den Kraftübungen müsse man improvisieren, ein paar Geräte und Gewichte habe jeder daheim. "Noch bin ich ziemlich motiviert und froh, dass ich mich täglich auspowern kann." Aber klar, in Bezug auf die Olympischen Spiele müsse rasch eine Entscheidung her. "Wir Sportler sind es gewohnt, auf konkrete Ziele hinzutrainieren. Im Moment können wir nur von Tag zu Tag planen, abwarten und versuchen, nicht zu viel darüber nachzudenken."

Katharina Trost findet es längst "schwierig, mental dabeizubleiben". Zehn Trainingseinheiten pro Woche hätten sie zurzeit üblicherweise, aber wie solle man sich dafür motivieren, "wenn man nicht weiß, wofür man es macht?" Auch sie befindet sich gewissermaßen im Home-Office, mit Hanteln, Sprungseilen, Crosstrainer und den Forstwegen vor dem Haus. Olympische Spiele in diesem Jahr hält sie für undenkbar. "Wie soll das gehen? Die Welle trifft jedes Land zu einem anderen Zeitpunkt." Entsprechend wächst ja auch der öffentliche Druck durch die Athleten. Auch über diese Themen tauscht sich die Gruppe in einem täglichen Videochat aus.

Vorerst gehe es darum, Routinen aufrechtzuhalten, sagt Knauer, aber er wundere sich doch sehr über die aktuelle Lage, in der sich die Verbände kaum positionierten und alle auf die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) warteten. Die Gesundheit habe erste Priorität, danach die Wirtschaft, klar. Im Sport aber kämpfe "zurzeit jeder seinen eigenen kleinen Kampf". Knauer fände es angemessen, wenn auch die Sportler alle Schutzregeln umsetzten, wenn niemand mehr versuche, sich in irgendwelche abgelegenen Ecken der Welt zu "verkrümeln", wo noch Training möglich ist. Der Deutsche Leichtathletik-Verband habe seine Fürsorgepflicht gegenüber den Athleten wahrgenommen, als er sie aus den Trainingslagern zurückholte. Doch es irritiert ihn, dass in anderen Bundesländern teilweise Sonderregeln für den Sport bestünden, Stützpunkte noch offen seien. "Viele probieren einfach alles, weil dieses Wettkampfziel noch steht", erklärt er, "das macht es so kompliziert."

Knauer nennt es einen "furchtbaren Tanz", den das IOC aufführt, "Tokio 2020 wird nichts werden". Und eigentlich, findet er, müssten sich die Verbände zurzeit um ganz andere Dinge kümmern. Knauer schildert eine Begegnung mit dem jungen Münchner Sprinter Fabian Olbert, der gerade in unerhört guter Form war. Er habe ihn in der Werner-von-Linde-Halle angetroffen, als er vor deren Schließung rasch noch seine Sportsachen abholte. So tieftraurig habe der 19-Jährige gewirkt, dass Knauer beinahe selbst die Tränen gekommen wären. "Darum müsste man sich jetzt eigentlich dringend kümmern", findet er, "um eine Art Krisenintervention für junge Athleten, deren Ziele gerade in weite Ferne rücken, deren Träume zerplatzen. Um sie durch diese Krise hindurchzuführen, ohne dass sie in ein ganz tiefes Loch fallen."

Christina Hering sieht sich trotz allem vergleichsweise "in einer glücklichen Lage", auch weil sie ja schon mal an Olympia teilgenommen hat. Für andere würde eine Absage statt einer Verschiebung vielleicht den einzigen olympischen Traum zerstören. Und trotzdem spricht sie von Luxusproblemen. Auch Katharina Trost sieht das so. "Ohne Ziele kann man nicht trainieren, aber wir würden andere Ziele finden", sagt sie. "Es ist alles immer noch Jammern auf sehr hohem Niveau, wenn man sieht, wie jetzt überall Menschen sterben."

© SZ vom 24.03.2020
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