Leichtathletik Mit der Ziellinie im Rücken

Die LG Stadtwerke München hat zur neuen Saison einige vielversprechende Talente hinzugewonnen. Schwerer wiegt aber das Karriereende eines Trios, das einmal zu großen Hoffnungen berechtigte.

Von Andreas Liebmann

Alles läuft weiter wie bisher, selbstverständlich. Wenn an diesem Sonntag in der Werner-von-Linde-Halle die südbayerischen Leichtathletik-Meisterschaften für Männer, Frauen und U18 stattfinden, wird die LG Stadtwerke wieder die mit Abstand meisten Teilnehmer stellen. Eine Reihe junger Athleten wird erstmals das Münchner Trikot tragen, für andere aber wird nichts laufen wie bisher. Weil sie ihre Karrieren zum Jahreswechsel beendet haben. In all dem Gewusel wird es wohl kaum auffallen, doch für die LG sind die Fehlenden laut Geschäftsführer Christian Gadenne "eigentlich nicht zu ersetzen". Sportlich wie menschlich, meint er.

Perspektive statt Kader

(Foto: Chai von der Laage/imago)

Von dort, wo Clemens Bleistein gerade arbeitet, sollte man tunlichst keinen Rucksack mit heimschleppen, zumindest nicht den sprichwörtlichen, den emotionalen. Im Rahmen der Facharztausbildung als Internist ist er in einer Onkologie tätig, er behandelt Krebspatienten. Doch sein kleiner Rucksack ist keine Last, eher eine Hilfe. Wenn er ihn umschnallt, heißt das, dass er mal wieder nach Hause läuft. Vielmehr: joggt. Eigentlich: rennt, zumindest nach normalmenschlichen Kriterien. Bleistein, 28, war auf 1500- bis 5000-m-Läufe spezialisiert. Elf Kilometer liegen zwischen seinem Zuhause und der Klinik. "Das hilft absolut beim Verarbeiten", sagt er. Aber auch sonst würde er weiterhin laufen. Weil ihn das "unheimlich glücklich macht".

Bleisteins Karriereende war keine Überraschung. Er hatte vergeblich auf die Heim-EM in Berlin im vergangenen Sommer hingearbeitet. Am Ende fehlten ihm 95 Hundertstelsekunden zur Norm, eine Winzigkeit auf 5000 Metern. "Ich kann mir nichts vorwerfen", sagt er, "ich war im Ziel total am Ende." Das war Ende Mai in Oordegem, Belgien. Geändert hätte ein Start in Berlin aber nichts, "es wäre einfach nur ein toller Abschluss gewesen". Leistungssport und Beruf waren schon länger nicht mehr in Einklang zu bringen. "Ich war im Sommer weder da noch dort richtig zufrieden."

Bleistein war ein Einzelkämpfer bei der LG Stadtwerke, wo sonst niemand lange Bahnstrecken absolviert. Trotzdem brachte sich der Schwabe, nachdem er 2010 zum Studieren nach München gekommen war, in die Gemeinschaft ein, übernahm die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins. Nach einem Sabbatical kam er Anfang 2018 zurück - und qualifizierte sich für die Hallen-WM in Birmingham, wo er über 3000 Meter Achter wurde. "Ein Riesending, das hätte mir vor Jahren niemand zugetraut", sagt er. Er war Spätstarter, das zeigte sich auch, als er danach erstmals in den Perspektivkader des Deutschen Leichtathletik-Verbandes berufen wurde - zu einer Zeit, als ihm klar war, dass die Karriere bald enden würde. "Der Abschied fällt mir schwer", sagt er, "ich habe im Sport gelernt, über mich hinauszuwachsen, viele tolle Leute kennengelernt, bin dankbar für alles." Natürlich, sagt Bleistein, der Leistungssport sei ein hartes Geschäft. Aber: "Ich würde es wieder machen."

Top Fünf ist nicht genug

Christine Gess.

(Foto: R. Schmitt/imago)

"Eins noch", sagt Christine Gess am Telefon. Sie würde sich freuen, wenn irgendwo stehen könnte, dass sie "superdankbar" ist, ihrem Verein und ihren Trainern Andreas Knauer und Daniel Stoll. Sie hat einen idealen Zeitpunkt erwischt zum Aufhören, zumindest einen, der ihr den Absprung erleichtert. 2018 war ein gutes Jahr, die beste Saison der 24-Jährigen. Fünfte über 800 Meter war sie im Sommer bei den deutschen Meisterschaften. Gut, "aber nicht genug, um gefördert zu werden", weiß sie. Mit der 3×800-Meter-Staffel ihres Vereins wurde sie im Juli deutsche Meisterin, gemeinsam mit Katharina Trost und Mareen Kalis. Die Siegerzeit von 6:12,41 Minuten bedeutete neben einem bayerischen Rekord, dass alle drei jeweils starke 2:04 Minuten gelaufen waren. Dennoch habe sie nach dem Urlaub gemerkt, dass sie das Training nicht mehr so richtig "gepackt" habe, und dann gab es für die fünfmalige deutsche Jugendmeisterin und U-20-WM-Teilnehmerin noch andere Faktoren: Die geförderten Wohnungen im olympischen Dorf stehen nur Bundeskaderathleten zur Verfügung, sie hat ihr Management-Studium abgeschlossen, und in München Arbeit und Leistungssport so zu vereinbaren, dass man noch eine Miete bezahlen könne, sei unmöglich. Schon in den vergangenen Jahren hatte sie als Werksstudentin gearbeitet, aber "85 bis 90 Prozent" ihres Lohns in den Sport investiert. Nun wird sie sich auf den Beruf konzentrieren. Was sie bedauert, ist, "dass ich zur Zeit meiner größten Förderung keine Bestzeit geschafft habe". Also in München. Ihre 2:04,22 Minuten stammen aus dem Jahr 2013, da lief sie noch für die TSG Balingen. Es folgten zwei von Verletzungen verkorkste Jahre. Vor einigen Monaten kam sie noch mal bis auf sechs Zehntel an ihre Bestmarke heran. Sie wusste, dass ihre Abschiedssaison lief. "Ich bin so sehr gewachsen, ich nehme viele Eigenschaften mit, die ich auch im Job brauchen werde, Fleiß, Belastbarkeit, Durchsetzungsvermögen", resümiert sie. "Ich bereue keine Sekunde."

Im Sprint auf Verbrecherjagd

Laurin Walter.

(Foto: imago/Beautiful Sports)

Sein erstes Tor seit Jahren hat Laurin Walter im September erzielt, gleich bei seinem Debüt im Kreisklassen-Heimspiel gegen Bad Wiessee. Er spielt wieder Fußball, in der zweiten Mannschaft des Landesligisten BCF Wolfratshausen. Mannschaftssport, auch mal was Schönes. Seit er 14 war, stand er nicht mehr auf dem Platz, "da ist technisch einiges an mir vorbeigegangen", weiß er. Nun ist er 22, Linksfuß. Wenn es klappt, will er oft steilgehen, schnell ist er ja. Laurin Walter war deutscher U-18-Meister über 400 Meter. Auf seiner alten Homepage steht noch, er zähle "zu den größten deutschen Nachwuchstalenten in der Leichtathletik". Lange her.

Sein letzter Sprint, der Schlagzeilen machte, fand vor drei Jahren statt: Zu Beginn seiner Polizeiausbildung fuhr er zum Schnuppern im Streifenwagen mit, plötzlich wurden sie zu einem Einbruch gerufen, irgendwann eilte Walter einem der Täter hinterher, der zu Fuß flüchtete - nach 600 Metern hatte er ihn. "Er war völlig erschöpft. Heute weiß ich aber, dass so ein Alleingang gefährlich ist", sagt er. "Ich hatte Glück." In einigen Tagen findet Walters letzte Prüfung zum Polizeimeister statt.

Laurin Walter war der Athletensprecher der LG Stadtwerke, seine 400-Meter-Trainingsgruppe eins ihrer Prunkstücke. Doch für ihn selbst lief es seit Jahren nicht rund. Muskel-, Bandscheiben-, dann Achillessehnenschmerzen. Seine Bestzeit ist vier Jahre alt. "Die Truppe war super, hat mich immer mitgezogen", sagt er. 2017 hätte er es fast zur Staffel-WM auf den Bahamas geschafft, auch 2018 habe er anfangs im Training sogar mit Johannes Trefz mitgehalten, dem deutschen Meister. Dann kehrten die Schmerzen zurück. Er schaffte zwei Wettkämpfe, verabschiedete sich mit Staffel-Silber bei der deutschen U-23-Meisterschaft. Früher hatte er gehofft, 2020 bei Olympia in Tokio zu laufen. Nun weiß er: "Ich will meinen Körper nicht bis zum Letzen schinden für eine Karriere, mit der ich doch nicht zufrieden bin."

Sieben neue Hoffnungen

"Eine Liebe auf der Überholspur", titelte kürzlich das Straubinger Wochenblatt. Es ging um Nicolai Trageser, den aus Straubing kommenden Münchner Sprinter, und Tina Benzinger, ebenfalls 19, ebenfalls aus Straubing, ebenfalls schnell. Weil sie mit Trageser zusammen ist, startet auch sie nun für die LG Stadtwerke. Sie ist eine von sieben Neuen, die eine Norm für deutsche Meisterschaften mitbringen. Florian Ertl, 15, Diskuswerfer vom Kirchheimer SC zählt dazu, Jakob Matauschek (17, Vaterstetten), der zur wachsenden Sprint-Gruppe um Fabian Olbert stößt, 400-Meter-Toptalent Alessandro Rastelli (16, Waldram), Sprinterin Sia Pietsch (15, Trudering), sowie die 800-Meter-Läufer Sebastian Gleissl (19, Burglengenfeld) und Dunja Tikniouine (15, Wiesbaden). Sportlich, sagt Geschäftsführer Gadenne, könnten da ja doch Nachfolger für Gess oder Walter dabeisein.