Leichtathletik Kolossaler Zweikampf

In Abwesenheit der besten Münchner holt sich der Kanadier Tim Nedow beim Pfingstmeeting im Dantestadion den Sieg im Kugelstoßen. Christian Zimmermann verfehlt die 20-Meter-Marke knapp.

Von Fabian Dilger

Den Kugelstoßer Christian Zimmermann zu kitzeln, also so richtig um den Rumpf fassen, und an den Rippen entlang scheuern, bis er lacht, das ist für einen normal gebauten Menschen eher schwierig. Um den 2,13 Meter großen Zimmermann zu umfassen, bräuchte man Gummischlangen als Arme oder die Tools von Inspektor Gadget. Der Kanadier Tim Nedow, ebenfalls ein 2-Meter-Mann, hat dann am Pfingstsamstag beim Ludwig-Jall-Sportfest im Dantestadion die Aufgabe übernommen, Zimmermann zu kitzeln - so wie es die Veranstalter vorher gehofft hatten. Aber nicht mit lautem Lachen als Ziel, sondern im Sinne von: Ich piekse dich so lange, bis du etwas Großes vollbringst. Das Anpieksen erledigte Nedow dann so gut, dass Zimmermann beim Kugelstoßen seine persönliche Bestleistung von 19,75 auf 19,91 Meter schraubte.

Christian Gadenne, Geschäftsführer der LG Stadtwerke München, hatte auf diesen Push-Faktor gehofft, als er Nedow für das Ludwig-Jall-Sportfest engagierte. Weil die besten LG-Athleten am nächsten Tag beim Meeting im saarländischen Rehlingen an den Start gingen und somit das Heimspiel verpassten, hatten die Veranstalter nicht die große Masse an Prominenz aus der internationalen Riege gebucht, sondern nur punktuell. Den Rehlingern, die von Pfingstmontag auf -sonntag gewechselt sind, ist Gadenne nicht gram. Die Verlegung hatte auch mit TV-Zeiten im Saarländischen Rundfunk zu tun: "Da muss man zugreifen. Es geht nicht anders."

Eine Prüfung jagt die nächste: Abiturient Fabian Olbert (mitte) belegte über 100 Meter in 10,60 Sekunden Platz zwei hinter dem österreichischen Meister Markus Fuchs (rechts).

(Foto: Claus Schunk)

Es blieben trotzdem einige gut besetzte Wettbewerbe für die Münchner Zuschauer. Der Kanadier Nedow war als Sieger der Halleschen Werfertage angereist. Im Wettkampf steigerten sich er und Zimmermann dann von Stoß zu Stoß. Nedow in seiner Sphäre, die schon jenseits der 20 Meter liegt, bis auf insgesamt 20,35 Meter. Zimmermann arbeitete sich in seinen letzten drei gültigen Versuchen von 19,54 zuerst auf seine bisherige Bestweite 19,75, um schließlich beim letzten Wurf noch einmal 16 Zentimeter draufzupacken.

Ausgelassen jubelnd sah man Zimmermann nach seiner Bestleistung aber nicht. Er wolle zwar nicht nörgeln, sagte Zimmermann, wollte aber auch nicht so arg feiern, obwohl er mit seinem Stoß bei den deutschen Weiten in diesem Jahr ganz vorne ist. Die 20 Meter, die wären ihm wichtig gewesen. "Da ist nicht so viel Unterschied zwischen 19,91 und 19,75", sagte Zimmermann. Der 24-Jährige, der für den Kirchheimer SC startet, pendelt in seiner Analyse Selbstvertrauen und Selbstkritik. Eigentlich will Zimmerman noch weiter stoßen, deswegen kritisiert er sich selbst, er sieht sein Potenzial nicht ausgereizt. "Der letzte Stoß war nicht komplett durchgearbeitet", sagte er zu seinem Versuch über 19,91 Meter. Seit der Kirchheimer sich im Winter von der Angleit- auf die Drehstoß-Technik umgestellt hat, hat er seine Weiten konstant verbessert - es dürfte für seinen Geschmack aber gerne noch einen Tick schneller gehen: "Ich bin halt immer noch ein 19-Meter-Stoßer." Die 20 Meter kann Zimmermann vielleicht in einem Monat in seinen Lebenslauf schreiben. Dann tritt er zu seinem persönlichen Saisonhöhepunkt, der Universiade in Neapel, an.

Lach doch mal: Zwar war der Kirchheimer Kugelstoßer Christian Zimmermann, links, trotz 19,91 Meter nicht vollends zufrieden. Aber der Kanadier Tim Nedow, rechts, Sieger mit einer Weite von 20,35 Metern, hatte immerhin eine neue persönliche Bestleistung aus dem 24-Jährigen herausgekitzelt.

(Foto: Claus Schunk)

Während Zimmermann studiert, musste der Nachwuchssprinter Fabian Olbert in den letzten Wochen erst einmal sein Abitur schreiben. Das Kolloquium in Geschichte war die letzte Prüfung. "Es war befreiend, auf jeden Fall", sagte Olbert. "Jetzt kann man sich ziemlich gut auch auf den Sport fokussieren." In Bayern gehört der 18-Jährige über 100 Meter zur Spitze, im Dantestadion lief er mit der soliden Zeit von 10,60 Sekunden hinter dem österreichischen Meister Markus Fuchs auf den zweiten Platz. National muss sich Olbert Ende Juni gegen die Konkurrenz durchsetzen, wenn es um die Plätze für die U-20-EM in Schweden geht. Die besten drei deutschen Nachwuchsläufer fliegen dann nach Borås. "Ich muss auch einen guten Tag erwischen", sagte Olbert. Die Prüfungen hören nach dem Abi nicht auf.