Leichtathletik Fliegende Staffelübergabe

„Ich gehe mit einem weinenden Auge, denn ich hatte da meine erfolgreichsten Jahre“: Johannes Trefz verabschiedet sich von der LG München.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Der TSV Gräfelfing angelt sich die komplette LG-Stadtwerke-Trainingsgruppe um den erfolgreichen 400-Meter-Läufer Johannes Trefz.

Von Andreas Liebmann, Gräfelfing/München

Christian Gadenne möchte es nicht als "Schlag" bezeichnen für seine LG Stadtwerke München, er spricht lieber von einem "Umbruch", das klingt positiver, nach vorne gewandt. Dennoch ist klar: Jene Personalien, die der Geschäftsführer am Freitagmorgen in einer Pressemitteilung veröffentlicht hat, sind zu groß, um sie locker wegzustecken, sogar für den riesigen Münchner Leichtathletik-Verbund. Eine ganze Trainingsgruppe wird sie zum Jahreswechsel verlassen, vier Athleten und zwei Trainer. Angeführt werden sie von Johannes Trefz, dem zweimaligen EM-Teilnehmer über 400 Meter, deutscher Meister von 2016 bis 2018.

Weil es allen wichtig gewesen sei, die nicht minder erfolgreiche 4×400-Meter-Vereinsstaffel zusammenzuhalten, wie Gadenne sagt, gehen auch Michael Adolf, Benedikt Wiesend und Tobias Giehl. Für die jüngeren Münchner Erfolge sei diese Langsprintgruppe ein wichtiger Faktor gewesen, erläutert Gadenne. Der 400-Meter-Hürdenspezialist Giehl zum Beispiel erreichte 2016 das EM-Halbfinale und verpasste um nur winzige acht Hundertstelsekunden die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro.

Sie alle wechseln nun im Paket zum TSV Gräfelfing. Der erste Kontakt kam bereits im Frühjahr über die Trainer zustande. Ein Zufallsgespräch in der Trainingshalle, zwischen Gräfelfings Hochsprungtrainer und Abteilungsvize Matthias Schimmelpfennig und Peter Rabenseifner, der gemeinsam mit Korbinian Mayr die Münchner Langsprinter betreut. "Aus einer anfänglichen Spinnerei ist eine Idee geworden, und daraus irgendwann ein Konzept", erzählt Rabenseifner. Das Ziel seien nun die Olympischen Spiele von Tokio 2020, "da wollen wir schauen, dass wir Leute hinbringen". Es hätten sich "spannende Möglichkeiten" ergeben in Gräfelfing.

Fast alle kennen sich aus in der Gegend. Trefz und Giehl kamen vor Jahren von der benachbarten LG Würm-Athletik nach München, der besseren Möglichkeiten wegen. Wiesend ist in Gräfelfing geboren, Rabenseifner im Würmtal verwurzelt. Er weiß daher noch, dass der TSV Gräfelfing "früher sprintlastig" war. In der jüngeren Vergangenheit machte der Verein überwiegend durch Stabhochspringer und deren Meeting "Touch the clouds" auf sich aufmerksam. Außerdem hatte der Verein den 8000-Punkte-Zehnkämpfer Florian Obst unter Vertrag, der vom TV Emmering kam, zum Studium in die USA ging und nun nach Ulm wechselt. Der Verein will etwas auf die Beine stellen. "Die ganze Vorstandschaft hat sich geändert, die haben viele Ideen, alles hört sich sehr interessant an", sagt Rabenseifner. Und für all das, was ihr neuer Verein vorhat - allen voran hat er eine Leichtathletik-Sportschule ins Leben gerufen - sollen die Langsprinter die Aushängeschilder sein. An den gemeinsamen Gesprächen nahmen auch die Geschäftsführer der Geldgeber teil, der ehemalige Mittelstreckenläufer Werner Schmidbauer, der ein gleichnamiges Gräfelfinger Unternehmen für Lastenkräne leitet, und Hans Schumacher, Chef einer Pasinger Medizintechnik-Firma. Es liegt auf der Hand, dass die Gräfelfinger mehr bieten mussten als bisher die LG Stadtwerke, zumal Gadenne wie Trefz betonen, dass zwischen ihnen nichts vorgefallen sei, im Gegenteil: "Ich weiß, was ich dort hatte", versichert Trefz. "Ich gehe mit einem weinenden Auge, denn ich hatte da meine erfolgreichsten Jahre und bedanke mich dafür." Nur habe sich dann diese Option ergeben, von der er sich "neue Impulse" erhoffe und eine Weiterentwicklung. Wobei: Weder die Trainer haben sich ja geändert noch München als Trainingsort. Bei den Gesprächen mit Gräfelfings Verantwortlichen hätte sie deren Elan aber "angesteckt", und nun hätten "alle einfach Bock, mit denen etwas aufzubauen".

Trefz, 26, ist Sportsoldat. Bis Weihnachten will er sein Biologie-Studium fertig haben, dafür hat er auf ein Trainingslager in Südafrika verzichtet. Danach soll alles der Leichtathletik untergeordnet werden. Um die Hallensaison herum sind zwei Vorbereitungslager in Teneriffa geplant, im Mai findet die inoffizielle Staffel-WM in Yokohama statt, die erste Chance, sich für die echte WM in Doha zu qualifizieren. "Es geht Schlag auf Schlag", sagt Trefz. Sein Vertrag ist über zwei Jahre dotiert, der TSV wolle ihn "auch über den Sport hinaus" an sich binden. Inwieweit sein enger Freund Tobias Giehl da mitziehen will, weiß er nicht. Der 27-Jährige macht sich gerade im Urlaub in Costa Rica grundsätzliche Gedanken über seine weitere Sportlaufbahn, er will wohl kürzertreten. Zu viele Rückschläge, zu viele Verletzungen haben ihn zuletzt verfolgt, auch sein Studium geht dem Ende zu. "Ich könnte das verstehen", sagt Trefz, der Aufwand wäre ja wieder enorm. "Aber wir haben immer alles zusammen gemacht. Deshalb hoffe ich schon, dass er Bock hat, noch mal mit anzugreifen."