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Leichtathletik:Ein Hundertfüßler in Fesseln

Weltmeistertrainer: Andreas Bücheler, hier nach dem U-18-WM-Erfolg mit Selina Dantzler in Nairobi.

(Foto: privat)

Mit all seinen Standbeinen in der Krise: der Trainer, Lehrer und Herbergsvater Andreas Bücheler.

Wer Andreas Bücheler anruft, weiß nie so genau, wo er landet. Kurz vor Ostern etwa, die Lage sei entspannt, teilt er via Smartphone mit: Er befinde sich gerade in seiner Jugendherberge im Fichtelgebirge. Oder Anfang Mai, "Katastrophe", stöhnt Bücheler, gerade habe er aus dem Auto heraus Schülern beim Homeschooling geholfen. Mathe, Formelumrechnungen. Aus dem fahrenden Auto, wohlgemerkt: Er ist gerade im Allgäu unterwegs.

Eigentlich lebt der 38-Jährige mit seiner kleinen Familie in München, wo er unter anderem die Wurfgruppe des TSV München-Ost und damit der LG Stadtwerke trainiert. Aber nicht einmal die Corona-Pandemie hat es geschafft, ihn so wirklich an einem Ort festzuhalten. Allein im vergangenen Jahr hat Bücheler 78 000 Kilometer mit seinem Auto zurückgelegt, das ist ziemlich genau 13 Mal die Strecke München - Nairobi. Diese verbindet er mit seinem bisher größten Erfolg als Leichtathletik-Trainer. Vor fast drei Jahren in Kenia wurde seine Schülerin Selina Dantzler U-18-Weltmeisterin im Kugelstoßen. Ihr Trainer war auf eigene Kosten mitgereist (natürlich nicht mit dem Auto), und er empfindet diesen Moment im gut gefüllten "Kasarani Stadium", der für 60 000 Zuschauer gebauten größten Sportstätte Kenias, immer noch als einmaliges Erlebnis.

Das gilt auch für einige der deutschen Meistertitel, die er mit jungen Sportlern gesammelt hat. Für den Überraschungserfolg des 18-jährigen Quereinsteigers Joel Akue etwa, bei den deutschen U-20-Hallenmeisterschaften 2020; für den U-18-Favoritensieg von Cassandra Bailey im Sommer zuvor, auch wenn die 18-Jährige inzwischen zu Trainer Joachim Lipske gewechselt ist; für den ersten 20-Meter-Stoß des damals 16-jährigen Dominik Idzan mit der Fünf-Kilo-Kugel. "Ich hätte nie gedacht, dass mal einer meiner Athleten 20 Meter weit stoßen würde", sagt Bücheler. Er hoffe nun, dass Alexander Schaller bald die 60-Meter-Marke mit dem Diskus knacken werde, es wäre "die nächste Schallmauer".

Im Augenblick ist viel Zeit, an solche Erfolge zurückzudenken. Nicht dass Andreas Bücheler Langeweile hätte, ganz bestimmt nicht. Er hat sich beruflich derart viele Standbeine zugelegt, dass man sich fast an einen Hundertfüßler erinnert fühlt, deshalb ist er auch immer noch gut ausgelastet. Und doch hat die Corona-Pandemie den meisten davon irgendwelche Fesseln angelegt. Eigentlich war er mal Fernmeldeanlagenelektriker, er wurde dann aber freischaffender Sportlehrer, das hat er studiert; weil es dafür in einer Anstellung nicht genügend Stunden gab, begann er als Trainer nebenher an einer Kindersportschule zu arbeiten. So kam er zum TSV Ost.

München, Allgäu, Fichtelgebirge: Das sind seit Jahren die drei Ecken in Büchelers Leben

Auch zur Leichtathletik fand Bücheler über Umwege. Erst spielte er Fußball, später Handball, in beiden Fällen sei es in Dorfvereinen im Allgäu auch um jene Art der Geselligkeit gegangen, zu der obligatorisch eine Kiste Bier gehört. "Nicht meine Sache", stellte er fest. Weil er immer schon gut geworfen habe, brachte ihn ein Sportlehrer zur Leichtathletik. Bis Nairobi schaffte er es als Aktiver nicht. Bayerische Meisterschaften machte er mit, einmal nahm er an deutschen Mehrkampfmeisterschaften teil, "aber nur, weil die anderen sonst keine komplette Mannschaft gehabt hätten". Vielleicht erkläre das einen Teil seines Erfolgs als Trainer. "Es ist das, was ich selbst nie geschafft habe. Ich wäre natürlich auch gerne deutscher Meister gewesen." In München hätte er gerne den Speerwurf betreut, doch weil der vergeben war, ließ er sich von Trainerkoryphäe Gerhard Neubauer in Kugelstoß und Diskuswurf einweihen. Vor gut zehn Jahren gründeten die beiden dann ihr Wurfteam, das schnell Erfolge brachte. Bücheler ist heute Vereinstrainer, er hat eine halbe Trainerstelle im Bayerischen Leichtathletik-Verband und er ist Bundestrainer der Gehörlosen.

Vor zehn Jahren kaufte er eine Jugendherberge. Zuletzt hat er sie notgedrungen selbst bewohnt

Womit man wieder bei Standbeinen wäre. Als Lehrer arbeitet er inzwischen an einem Münchner Privatgymnasium, 14 Stunden Sport, 16 Stunden Ganztagsbetreuung. In allen Fächern sollte man da halbwegs fit sein, "so kommt wenig Routine auf", die auch nicht Büchelers Sache ist. Zuletzt fand hier natürlich ebenso alles telefonisch statt wie die Anleitung seiner Athleten. Und dann hat er sich vor zehn Jahren eine Jugendherberge gekauft, in der er seitdem auch Trainingslager abhält. In Weißenstadt, Fichtelgebirge. Seine damalige Freundin kam aus dem Hotelgewerbe, erklärt er. Sie hätten überlegt, wie sie ihre beiden Berufe zusammenführen könnten, heraus kam eine Immobilie, die sich als langlebiger als die damalige Beziehung erwies.

So kam es, dass Bücheler seither regelmäßig ins Fichtelgebirge pendelt, an Wochenenden auch mit Frau und Kind. "Ich bin nicht so der Stadtmensch", sagt er. Die richtig freien Wochenenden verbringen sie im Allgäu, zu Besuch bei seinen Eltern. Doch wann hat ein Leichtathletik-Trainer schon (wettkampf-)freie Wochenenden?

Als es losging mit Ausgangsbeschränkungen, sind die drei gleich nach Weißenstadt aufgebrochen, das sei allemal angenehmer, als den dreijährigen Sohn "in eine Münchner Wohnung einzusperren". Natur vor der Haustür, Alleinlage am Wald, eigentlich perfekte Quarantäne-Bedingungen. Am liebsten hätte er seine Wurfgruppe gleich mit hergeholt, gesteht er. Die Jugendherberge steht natürlich leer. Alle Klassenfahrten bis in den Juli sind abgesagt, ebenso die Trainingslager. "Null Verdienst seit sechs Wochen", klagt er, rechnet einen Ausfall von 100 000 Euro vor und ist umso erleichterter, dass er seinen Job als Lehrer hat - und keine Pacht zahlen muss. Er klingt ein bisschen hin- und hergerissen zwischen Verständnis für all die strikten Maßnahmen und mancher Kritik an Ungerechtigkeiten in der Umsetzung, die gerade Jugendliche oft nicht verstünden.

"Ich habe dann eben das Haus renoviert und Zimmer gestrichen", erzählt Bücheler. Die Pläne seiner Sportler habe er früh auf allgemeine Athletik umgestellt. Ohne Wettkampfziel, an Krafttraining sei ohnehin nicht zu denken gewesen. Natürlich ist er froh, dass nun endlich wieder richtig trainiert werden darf, doch die Saison hält er für gelaufen, an ernste Wettkämpfe glaubt er nicht mehr. Dann sagt er noch, dass vielleicht gleich die Verbindung abbricht. Im Luise-Kiesselbach-Tunnel. Er kommt gerade in München an.

© SZ vom 11.05.2020

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