Leichtathletik-DM Kaum messbarer Unterschied

0,001 Sekunden: Katharina Trost wird im Münchner Duell mit Christina Hering 800-Meter-Meisterin.

Von Andreas Liebmann

Ein Wimpernschlag? Lächerlich! Der Flügelschlag einer Stubenfliege? Nicht mal das. Christina Hering stand ratlos im Zielraum nach ihrem 800-Meter-Finale bei den deutschen Hallenmeisterschaften der Leichtathleten in Leipzig. Hatte sie nun gewonnen oder nicht?

Falls ja, wäre es ihr fünfter Titel in Serie gewesen, auch deshalb war sie ja angetreten, zu ihrem einzigen Hallenrennen in dieser Saison. Doch sie wusste es eben nicht. "Wir waren beide planlos", bestätigte Katharina Trost, ihre Trainingspartnerin bei der LG Stadtwerke München. Sie war gemeinsam mit Hering ins Ziel gelaufen, beide hatten sich über der Linie nach vorne gestreckt, dass man Zerrungen befürchten musste. "Ich habe mich dann nur gefreut. Klar wollte ich gewinnen, aber ich hätte auch Silber gerne genommen", sagte die 23-jährige Trost. So oder so würde sie ihre erste Medaille bei deutschen Meisterschaften im Erwachsenenbereich in Empfang nehmen. Denn obwohl Alina Ammann (TuS Esingen) und Nele Wessel (SCC Berlin) jeweils mit starken persönlichen Bestzeiten ins Ziel gekommen waren, hatten sie in den Münchner Zweikampf an der Spitze doch nicht wirklich eingreifen können.

Fünf Minuten dauerte es, ehe das Zielfoto ausgewertet war; etwa eine Viertelstunde, bis der exakte Zeitunterschied verkündet wurde. Man muss wissen: Der Wimpernschlag des menschlichen Auges dauert quälend lange 0,15 Sekunden, auch die Stubenfliege bewegt ihre Flügel eher träge - für einen Schlag benötigt sie drei Tausendstelsekunden. Hering und Trost aber waren im Ziel nur eine einzige Tausendstelsekunde voneinander getrennt. Sogar der Schall würde in dieser Zeitspanne nur 34 Zentimeter zurücklegen. Und die Winzigkeit voraus war: Katharina Trost.

Eine gemeinsame Taktik hätten sie nicht gehabt, diese Frage wurde Trost, der angehenden Lehrerin, nach dem optischen Unentschieden mehrmals gestellt. Im Gegenteil: Hering hatte ihre Klubkollegin überrascht, sie war entgegen ihrer Vorliebe für Aufholjagden gleich in Führung gegangen. "Das braucht viel Mut", weiß Trost. "Ursprünglich hätte ich gedacht, dass ich vorne laufe." Nun blieb sie einfach mal an der vorauseilenden Freundin dran.

Trost hätte diesem Zweikampf leicht aus dem Weg gehen können. Mit ihrer Siegerzeit von den bayerischen Meisterschaften drei Wochen zuvor hätte sie nämlich auch über 1500 Meter den Titel geholt, locker sogar: In Fürth war sie zwanzig Sekunden schneller gelaufen als nun Hanna Klein, die Siegerin von Leipzig. Doch Trost hatte die 800 Meter gewählt und damit das Duell mit ihrer olympiaerfahrenen Trainingspartnerin. Und beide schenkten sich nichts: "Immer wenn ich versucht habe zu überholen, hat Christina mit ihrer Erfahrung ein bisschen zugelegt", erklärte Trost, wieso sie fortdauernd den etwas längeren Weg auf Bahn zwei nehmen musste, "immer an Christinas Schulter", wie sie sagte, oder besser: unter ihrer Schulter. Denn die 24-jährige Hering ist in solchen Rennen ja in jedem Fall überragend, weil sie die Statur einer Hochspringerin besitzt. Auch das machte der 20 Zentimeter kleineren Trost das Überholen schwer. "Ihr Ellbogen ist ungefähr auf meiner Gesichtshöhe", sagte sie. "Zweimal habe ich ihn abbekommen." Keine Absicht natürlich, Trost erwischte dafür Hering am Fuß. Erst auf der Zielgeraden gelang es ihr dann aufzuschließen. Die genaue Siegerzeit: 2:05,158 Minuten.

Es waren die einzigen Medaillen für die LG Stadtwerke. Die Dreispringer Paul Walschburger, mit der zweitbesten Weite angetreten, und Patrick Lutzenberger wurden Vierte und Achte, Hochspringer Lucas Mihota belegte Rang fünf, auch der nach Gräfelfing gewechselte 400-Meter-Läufer Michael Adolf verfehlte in Abwesenheit seines Trainingskollegen Johannes Trefz das Podest als Vierter. Dafür eroberte der Kugelstoßer Christian Zimmermann vom Kirchheimer SC seine erste nationale Medaille. 19,39 Meter brachten ihm Bronze. Der zweitplatzierte Tobias Dahm (Sindelfingen) stieß nur drei Zentimeter weiter.

Für Hering war das Rennen eine Art Déjà-vu: Vor fünf Jahren war sie schon einmal bangend in diesem Leipziger Zielraum gestanden, da war sie gleichauf mit ihrer Trainingskollegin Fabienne Kohlmann ins Ziel gekommen. Es stellte sich heraus, dass Kohlmann die Schnellere war, um drei Hundertstelsekunden. Am Sonntag absolvierte Hering mit Trost Hand in Hand die Ehrenrunde. Ein bisschen enttäuscht sei sie, gab sie zu, natürlich frage sie sich, was sie hätte tun können, um ihre Führung ins Ziel zu retten. "Aber ich gönne es Kathi total." Seit sechs Jahren hatte sie Trost in jedem gemeinsamen Rennen hinter sich gelassen. Ihrer Freundschaft werde das nun keinesfalls schaden, versicherte Hering, sie werde aus dem Duell große Motivation für den Sommer ziehen. Bald geht es ins gemeinsame Trainingslager in Flagstaff, Arizona.

Die Hallen-EM in Glasgow (1. bis 3. März) hatten übrigens beide nicht angepeilt. Selbst wenn, sagt Trost, hätte sie die Norm nicht ganz geschafft. Ihr fehlten 83 Hundertstel. Bislang dachte sie vermutlich, das wäre wenig.