Selina Dantzler "Der Erfolg haut mich immer noch um"

Ein Gespräch über ihren WM-Titel in Nairobi, Schulstress und ihre neuen Ziele.

Interview Von Andreas Liebmann

Erinnerung an den Moment, als sie es geschafft hat: Selina Dantzler feiert in Nairobi ihren ersten Weltmeistertitel im Kugelstoßen.

(Foto: Joosep Martinson/Getty)

Es war ein hochdramatischer Wettkampf Mitte Juli in Nairobi. Es war ein wenig mehr los als nun hier beim Weihnachtskugelstoßen des TSV München-Ost (Bericht rechts) in der alten Turnhalle des Salesianums. Und es ging ja gut aus für Selina Dantzler, die in Kenia U-18-Weltmeisterin im Kugelstoßen wurde. Weil der Weltverband keine U-18-WM mehr austragen will, behält sie diesen Titel vielleicht sogar auf ewig. Eigentlich hatte die Favoritin wegen heftigen Regens an jenem Tag gar nicht damit gerechnet, dass der Wettkampf überhaupt starten würde, und im fünften Versuch waren plötzlich gleich zwei Chinesinnen an ihr vorbeigezogen - doch sie konterte umgehend. Zum traditionellen Jahresabschluss ihres Vereins erinnert sich die 17-Jährige an ihren Gänsehaut-Tag.

SZ: Sind Sie seit Sommer gewachsen?

Selina Dantzler: Äh, nein. Wieso? Ich bin seit ungefähr vier Jahren gleich groß.

Na, als Weltmeisterin könnte man doch ein paar Zentimeterchen größer werden?

Ach so, vom Stolz her, das vielleicht schon.

Wie fühlt sich der Erfolg denn mit einigen Monaten Abstand an?

Ich muss immer noch grinsen. Natürlich ist es nicht mehr dasselbe Gefühl wie dort, das war unbeschreiblich. Aber es ist immer noch ein Erfolg, der mich glücklich macht, mich umhaut und den ich bis heute nicht ganz glauben kann. Ein schöner Gedanke.

Was genau haben Sie vor Augen, wenn Sie an Nairobi zurückdenken?

Diese Masse. Wie voll das Stadion war. Wie bei der Siegerehrung 80 000 Menschen aufgestanden sind, ihre Hüte abgenommen haben, wie leise sie waren, wie sie einen angeschaut und die Nationalhymne mitangehört haben. Und natürlich der Moment nach dem fünften Durchgang, als ich wusste, dass ich gewonnen habe.

Vor exakt einem Jahr standen Sie auch hier beim Weihnachtskugelstoßen, Sie waren damals im Sommer trotz erreichter Norm nicht für die U18-EM in Tiflis nominiert worden und hatten dann nur dieses eine Ziel: Im folgenden Jahr nach Nairobi zu kommen. Wie ist es diesmal?

Natürlich gibt es schon ein neues Ziel: Ich will nächstes Jahr zur WM nach Finnland. Das ist jetzt die Altersklasse U20, natürlich erwarte ich da nicht, dass ich gewinne oder so. Aber ich will mich qualifizieren.

Es ist also nicht schwer, sich nach dem großen Titel gleich neu zu motivieren?

Im Gegenteil, ich bin dadurch noch viel motivierter und will im nächsten Jahr zeigen, dass ich es immer noch draufhabe.

Man könnte sich sagen: Allein für diesen U-18-Erfolg, den Ihnen ja keiner mehr nehmen kann, hat sich alle Mühe gelohnt. Und alles, was noch kommt, ist Zugabe.

Auf keinen Fall. Für die U18 habe ich alles erreicht, was ich wollte, das schon. Aber für die U20 habe ich ebenfalls Ziele.

Neben der neuen Altersklasse steht im kommenden Frühjahr Ihr Abitur an. Da könnte es doch ein zähes Jahr werden.

Die Vorbereitung läuft eigentlich ganz gut, auch wenn ich jetzt noch nicht in Topform bin. Das mit der Schule wird wirklich kritisch, ich weiß noch nicht, wie ich das mit dem Training hinbekommen soll. Aber die erste Klausurenphase ist schon rum, und es lief ganz ordentlich. Vielleicht werde ich mich, wenn es nach zehn Stunden Schule mit der Konzentration schwierig wird, einfach noch mehr auf Krafttraining konzentrieren. Das benötige ich sowieso.

Es steht nämlich auch der Wechsel von der Drei- auf die Vier-Kilo-Kugel an, und Sie sind für eine Kugelstoßerin eher leicht, was als Nachteil gilt. Vermutlich sind Sie im Sommer nicht vor lauter Stolz gleich mal 20 Kilo schwerer geworden?

Nein, das sicher nicht. Aber die schwere Kugel ist ja nicht neu, im Training stoße ich damit schon seit zwei, drei Jahren. Ich denke, das sollte kein Problem werden.