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Leichtathletik:Das System schläft

Ein (Nicht-)<ET>Rekord mit Ansage: Hier übergibt Florian Knerlein den Stab an Vincente Graiani.

(Foto: Picasa; Claus Habermann / oh)

Die Nachwuchssprinter der LG Stadtwerke München stellen in Augsburg einen deutschen Staffel-Rekord auf. Doch der wird aus formalen Gründen nicht anerkannt. Eine dafür erforderliche Messanlage war schlicht nicht angeschaltet.

Fabian Olbert hatte ganz schön zu schleppen. Eine ziemlich große Wassermelone trug der 18-Jährige herbei. Via Smartphone kamen gerade schlechte Nachrichten aus Schweden, der Dreispringer Paul Walschburger, sein Vereinskollege von der LG Stadtwerke München, hatte bei der U23-Europameisterschaft in Gävle das erhoffte Finale verpasst; er hatte in dem starken Feld offenbar mit dem Wind zu kämpfen. Aber was soll's, Olbert und seine Sprinterkollegen hatten zur selben Zeit im Augsburger Rosenaustadion nun mal richtig was zu feiern. Sie hatten mit ihrer 4×100-Meter-Staffel den deutschen U20-Rekord verbessert - dachten sie. Also begannen sie die Melone zu zerteilen und in Feierlaune genüsslich zu verzehren.

Es bleibt natürlich im Bereich des Hypothetischen, was sie wohl mit dieser riesigen Melone angestellt hätten, wenn sie sofort erfahren hätten, was ihnen einen Tag später mitgeteilt wurde, Olbert, Yannick Wolf, Florian Knerlein, Vincente Graiani und ihrem Trainer Richard Kick (der auch für Walschburger zuständig ist). "Richie musste ganz schön beruhigt werden", erzählte jedenfalls der LG-Stadtwerke-Geschäftsführer Christian Gadenne. Denn ihre historische Bestzeit, sie zählte nicht.

Es ist der wohl einmalige Fall, dass ein deutscher Rekord langsamer ist als der bayerische

Es wäre ein Rekord mit Ansage gewesen, der ihnen da bei den bayerischen Meisterschaften der Altersklasse U20 gelungen (oder eben nicht gelungen) war. Erst eine Woche zuvor hatte die Münchner Staffel in Regensburg einen neuen bayerischen Rekord aufgestellt, 40,80 Sekunden. Die alte Marke hatte 35 Jahre lang Bestand gehabt. Danach hatten sie es gezielt auf den deutschen Bestwert abgesehen, und es war beinahe klar, dass sie ihn packen würden, sofern niemand unterwegs den Stab fallenließe. Denn in der Vorwoche war Fabian Olbert, ihr Schnellster, noch gar nicht dabei gewesen. Nun löste er Lukas Moser ab. Olbert, der zuletzt ein paar muskuläre Probleme hatte, war überhaupt nur wegen dieser Staffel in Augsburg angetreten, schließlich startete er am Montag bereits ins schwedische Borås zur U20-Europameisterschaft. Er hofft dort auf einen Staffeleinsatz. Nach Münchner Lesart hatte er sich bei der Ausscheidung in Mannheim zwar auch für einen Einzelstart qualifiziert, doch der Verband nominierte stattdessen einen Sprinter aus dem B-Finale. Wolf, Knerlein und Graiani hatten ihre internationalen Einsätze mit einigem Pech sogar ganz verpasst. "Alle vier sind mit Enttäuschungen nach Augsburg gekommen", betonte Gadenne.

Obwohl die ersten Wechsel dort mäßig liefen, reichte ihre Zeit: In 40,50 Sekunden unterboten die Münchner die ein Jahr alte Marke des LAC Erfurt (40,60). Damit ist das U20-Quartett der LG Stadtwerke zurzeit die zweitschnellste Vereinsstaffel Deutschlands - bei den Männern, wohlgemerkt. Doch ihr Rekord zählt nun trotzdem nicht. Es fehlte das dafür nötige automatische Rückstartsystem, eine technische Einrichtung, die erkennt, wenn jemand vor der Reaktionszeit startet. Ohne ein solches System wird ein deutscher Rekord nicht als solcher anerkannt. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, darunter Österreich, gelten beim Deutschen Leichtathletik-Verband für eine Nachwuchsstaffel hier dieselben Regeln wie für Weltrekorde. All das mussten sich die verblüfften Münchner im Nachhinein erläutern lassen. "Man lernt nie aus", sagte Gadenne enttäuscht.

Nachtarocken bringt nichts, sagt Trainer Kick, "aber natürlich darf das so nicht vorkommen"

Die ganze Geschichte hat noch zwei weitere Aspekte, die sie einerseits noch ein bisschen bitterer machen für die Münchner, und andererseits sogar noch kurioser. Denn natürlich war auch in der Vorwoche bei der Gala in Regensburg kein Rückstartsystem im Einsatz. Dessen Miete ist nämlich so hoch, dass es außer bei deutschen Meisterschaften fast nirgends eingesetzt wird - woraus folgt, dass außer bei deutschen Meisterschaften fast nirgends ein gültiger deutscher Rekord gelaufen werden kann. Trotzdem war der Staffelsieg vor einer Woche als bayerischer Rekord anerkannt worden. Und auch der neue Lauf von Augsburg wird nun offiziell als bayerischer Rekord geführt - womit der wohl einmalige Fall eintritt, dass ein deutscher Rekord langsamer ist als der bayerische.

Die zweite Sache ist die: Zufällig war die erforderliche Anlage sogar zur rechten Zeit in Augsburg. Frisch angeliefert aus Luzern, wurde sie dort am Wochenende ausgiebig getestet, für die deutsche U18- und U20-Meisterschaft in knapp zwei Wochen in Ulm. Nur ausgerechnet während der 4×100-Meter-Staffel war sie nicht angeschaltet - obwohl es doch ein Rekord mit Ansage gewesen wäre. "Es bringt nichts mehr, da nachzutarocken", sagt Kick, "das ist kontraproduktiv. Aber natürlich darf das so nicht vorkommen, man hat diese Zeit ja erwarten können." Auch die für einen offiziellen Rekord erforderliche Dopingprobe war nicht angesetzt worden, "das hätten wir aber noch arrangieren können".

In Ulm wollen es die Münchner natürlich wieder versuchen, dann mit etwas Wut im Bauch. Vielleicht bekommen sie dort sogar ihre Wechsel besser hin. Andererseits: Wie schnell ist mal einer zur Unzeit krank oder verletzt oder stolpert oder lässt den Stab entgleiten. Und den Luxus wie in Augsburg, dass drei der vier Läufer zugunsten der Staffel auf Einzelstarts verzichten, werden sie dort auch nicht mehr haben. Die allerletzte Chance in diesem Jahr böte sich dann bei den deutschen Meisterschaften in Berlin. Und klar, Olbert und Graiani sind jung genug, um es noch ein weiteres Jahr lang zu versuchen, Knerlein hat sogar noch zwei weitere U20-Jahre vor sich. Die einfachste Art, an den Rekord zu kommen, wäre aber gewesen, wenn jemand die Maschine angestellt hätte.