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Leichtathletik:Anlauf nehmen

Leichtathletik - DM

Zu spät gekickt: Katharina Trost (Mitte) kann ihre Teamkollegin und spätere Siegerin Christina Hering (rechts) im 800-Meter-Finale nicht mehr passieren – und wird im Schlussspurt noch von Tanja Spill (links) überholt.

(Foto: Swen Pförtner/dpa)

Christina Hering wird zum sechsten Mal deutsche Meisterin, Katharina Trost wird Dritte: Die Münchnerinnen bestätigen über 800 Meter ihre Dominanz - der Höhepunkt der verkürzten Saison soll der Auftakt für größere Ambitionen sein.

Von Johannes Knuth, Braunschweig

Die gute Nachricht vor dem Startschuss dieser 800 Meter: Es hatte längst keine 37 Grad mehr, die am Vortag noch auf dem Thermometer gesichtet wurden. Die schlechte: Es waberten noch immer kuschelige 34 Grad über die Bahn, was Christina Hering aber nicht davon abhielt, die Konkurrenz gleich mal in die Defensive zu drängen. Sie legte einige Meter zwischen sich und die Verfolgerinnen, absolvierte die erste Runde in 59,38 Sekunden. Herings Trainingspartnerin Katharina Trost, die sich mit Hering in den Vorjahren oft abgesprochen hatte, um noch eine Normzeit zu schaffen, hatte sich auf der Gegengerade zwar wieder herangepirscht, aber Hering beharrte auf ihrer Linie, und sie hatte auch noch genug Kraft - nach einem kurzen, unabsichtlichen Gerangel mit den Verfolgerinnen, wie sie sagte - um mit ihrem Endspurt ihren sechsten Einzeltitel abzusichern: diesmal in 2:01,62 Minuten. Trost, die bei ihrem Überholversuch auf der Gegengerade ein wenig außer Tritt geraten war, musste etwas überraschend sogar Tanja Spill von der LAV Bayer Dormagen passieren lassen (2:02,07). Sie wurde Dritte, in 2:02,27 Minuten.

So reichte der Auftritt der beiden Münchnerinnen bei den deutschen Meisterschaften in Braunschweig am Ende nicht ganz an manche Darbietungen heran, die sie in den vergangenen Jahren aufgeführt hatten, mit Tausendstelentscheidungen, persönlichen Bestzeiten oder Normzeiten. Aber das wäre in der Hitze wohl auch zu viel verlangt gewesen. Und das nationale Kraftzentrum über die 800 Meter der Frauen, so viel ließ sich aus diesem Finale schon ableiten, wird noch eine Weile von den Läuferinnen der LG Stadtwerke München gespeist werden. Es könnte sogar der Auftakt zu einer interessanten Reise gewesen sein, auf die sich Hering und Trost in den kommenden zwei Jahren begeben wollen, jede auf ihre Weise.

Hering hatte schon die Zeit vor der Corona-Pandemie genutzt, um ein bisschen Ordnung in ihr Sportlerleben zu bringen, wie sie in Braunschweig am Rande erzählte. Die 25-Jährige hat mittlerweile bereits eine Olympiateilnahme (2016) hinter sich, im Vorjahr wirkte sie in Doha an ihrer zweiten WM mit, bei der sie etwas überraschend im Vorlauf scheiterte. "Ich hatte schon vor der Corona-Krise geplant, mein Masterstudium vor den Olympischen Spielen abzuschließen", sagte sie, was sie auch schaffte, mit der Abschlussarbeit im Management-Studiengang der TU München. Nach den Spielen in Tokio, die ursprünglich an diesem Wochenende in Tokio hätten enden sollen, wollte sie sich dann "ganz neu überlegen, wie es mit mir und den Sport weitergeht." Die Entscheidung wurde ihr erst mal abgenommen, als die Spiele in den kommenden Sommer verschoben wurden. Und weil Herings Qualifikationszeit aus dem Vorjahr (1:59,41 Minuten) auch für 2021 ihre Gültigkeit behält, "mache ich auf jeden Fall noch bis nächstes Jahr weiter", sagte sie, und dann natürlich auch noch bis zur EM 2022 in München. Sie wolle "einfach mal gucken, was noch geht": zwei Jahre als Vollprofi, gestützt von Sportfördergruppe und Verein.

Trosts Weg, die ebenfalls 25 Jahre als ist, verläuft da ein bisschen anders; sie war ja auch ein wenig anders in ihren Sport hineingewachsen als Hering (die schon 2014 in Ulm ihren ersten DM-Titel bei den Erwachsenen gewann). Sie preschte im vergangenen Jahr so richtig nach vorne, drückte ihre Bestzeit auf 2:00,36 Minuten, stieß bei ihrer ersten WM in Doha gleich ins Halbfinale vor. Nebenbei absolvierte sie auch noch ihr Staatsexamen und arbeitete zuletzt schon in der Grundschule, in Teilzeit. Und auch im Sport steckt Trost zumindest in diesem Jahr ebenfalls in einer Art Azubi-Modus, wie sie zuletzt ausführte. Sie präferiere ja eher das gleichmäßige Laufen, "bei großen Meisterschaften muss man aber vor allem eine schnelle letzte Runde laufen", hatte Trost vor allem in Doha festgestellt: "Und auf der letzten Runde "noch mal zu kicken, das fällt mir noch immer etwas schwer". Ihre Vorbereitungsrennen gestaltete sie zuletzt bewusst unrhythmisch, in Regensburg klappte das schon gut, in Braunschweig weniger. "Ich freue mich aber auch mal, in diesem Jahr einfach befreit rennen zu können", sagte Trost, "Sachen auszuprobieren."

Damit hat sie in jedem Fall das Gefühl getroffen, das gerade viele Leichtathleten durch diese etwas verkürzte Saison trägt: Es ist auch ein großes Anlaufnehmen. Und dann? Hering hatte zuletzt vor allem die internationale Konkurrenz gesucht, in Triest wurde sie in 2:00,71 Minuten Fünfte, aber die Besten waren dann doch wieder ein bisschen zu stark: die Britinnen Jeanna Reekie und Lara Muir etwa, oder die Schweizerin Selina Büchel. "Gerade auf der Mittelstrecke merkt man, dass man mit Ende 20 erst so richtig von der Erfahrung in taktischen Rennen profitieren kann", sagte Hering, in dieses Spektrum würde sie erst nach der EM 2022 eintauchen: Dann wäre sie 27. "Aber", sagte sie in Braunschweig, "für mich ist das Wichtigste die Leidenschaft." Die werde sie die kommenden zwei Jahre sicher auch nicht verlieren, und dann? "Muss man mal gucken."

Trost wird Hering dabei weiter im Windschatten verfolgen, sie wird das aber nicht als Profiläuferin, sondern als Teilzeit-Lehrerin tun: Sie wolle ihre Stundenzahl an ihrer Grundschule bald ausweiten und im Herbst 2021, nach den etwaigen Tokio-Spielen, ihr Referendariat beginnen, wie sie zuletzt sagte. Erst einmal aber, will sie mit Laura Gröll - die Hochspringerin von der LG Stadtwerke wurde am Samstag mit 1,81 Metern Fünfte - von Braunschweig zu einem Meeting in Finnland reisen. Dort wird es dann wohl tatsächlich kühler sein.

© SZ vom 10.08.2020

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