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Laufen:Erst kommt der Schmerz, dann das Vergnügen

Andrea Löw

"Ich würde durchdrehen, wenn ich nicht laufen würde": Die Historikerin Andrea Löw braucht ihren Extremsport auch als Ausgleich zu ihrer Arbeit.

(Foto: Inger Diederich / oh)

Der Mensch ist nicht zum Sitzen gemacht, sagt Andrea Löw. Darum läuft sie bis zu 125 Kilometer am Stück. Sie findet: "Die anderen sind verrückt, nicht ich."

Die meisten Frauen besitzen viele Schuhe. Andrea Löw geht es nicht anders. Zwölf Paar stehen alleine in ihrem Flur, direkt neben der Eingangstür. Knallbunt sind sie, pink, gelb, blau, grün. Weitere sind in dem Schrank daneben verstaut, wie viele es insgesamt sind, kann Löw nicht sagen. Etwa zwölf Paar benutzt sie regelmäßig. Welche Schuhe sie trägt, hängt davon ab, wo und wie lange sie unterwegs ist. Andrea Löw läuft viel. Bis zu 125 Kilometer am Stück. Nicht nur auf Asphalt, sondern auch querfeldein.

Die 42-Jährige bestreitet jedes Jahr zahlreiche Wettkämpfe, von Marathons und Trails (Geländeläufen) bis hin zu Ultraläufen über Distanzen, die Anfängern völlig absurd erscheinen - dabei fing Löw selbst erst im Alter von 30 Jahren damit an. Damals riet ihr ein Arzt wegen eines Schiefstands ihrer Hüfte, mehr Sport zu machen. Also begann sie zu laufen, erst langsam, dann immer weiter. Die Bewegung tat ihr gut, die Hüfte schmerzte nicht. Die Euphorie bei ihrem ersten Wettbewerb, dem Frankfurter Firmenlauf 2006, weckte ihre Begeisterung. Noch im selben Jahr folgte der erste Halbmarathon, zwei Jahre später der erste Marathon. Mit dem Umzug nach München kamen die Berge und die Trails dazu, also das Laufen abseits befestigter Straßen und mit weitaus größeren Steigerungen. Eine neue Herausforderung, wie Löw im Trainingscamp an der Zugspitze feststellte. "Ich hatte schon am zweiten Tag den Muskelkater meines Lebens", erzählt sie. "Ich konnte keine Treppen mehr gehen, ich konnte mich auf der Toilette nicht mehr hinsetzen, so weh hat es getan."

Weh tut es auch während eines Wettkampfs immer wieder. Ein Ultralauf ohne Schmerzen, das gibt es nicht, weiß Löw. "Aber der Schmerz ist kurz - das Glück bleibt", sagt sie. Laufen gibt ihr das Gefühl grenzenloser Freiheit. Das und der Stolz im Ziel wiegen für sie alles auf. Zielstrebigkeit, Hartnäckigkeit und Willenskraft kommen ihr auch im privaten und beruflichen Leben zugute. Als Historikerin forscht Löw am Münchner Institut für Zeitgeschichte zum Thema Holocaust und Nationalsozialismus. Ein belastender Job, der Ausgleich fordert. "Ich würde durchdrehen, wenn ich nicht laufen würde", sagt Löw. Also nimmt sie sich Zeit dafür, auch wenn ihre zweite große Leidenschaft, das Theater, daneben manchmal zu kurz kommt.

Kurze Strecken in möglichst schneller Zeit zu bewältigen, empfindet Löw als "wahnsinnig anstrengend". Lieber läuft sie über längere Distanzen in langsamem Tempo. 2014 wagte sie auf Menorca zum ersten Mal einen 100-Kilometer-Lauf. So etwas, sagt Löw, fordert mentale Vorbereitung. Die Strecke teilte sie gedanklich in zehn mal zehn Kilometer ein, das war eine gewohnte Distanz. 17 Stunden brauchte sie, körperlich ging es ihr unerwartet gut. Bei Kollegen erntet sie oft Unverständnis für ihr Hobby, doch, wie Löw sagt, der Mensch ist zum Laufen gemacht und nicht zum Sitzen. "Also sind eigentlich die anderen verrückt, nicht ich." Sie achtet auf ihren Körper, bemüht sich um ausgewogene Ernährung und unterstützt ihr Training mit Kraft- und Stabilisationsübungen sowie Yoga und Pilates. An ihrem Kühlschrank hängen Postkarten, auf einer steht in großen Buchstaben "Powerfrau".

Im Sommer 2015 ging Andrea Löw gemeinsam mit ihrer Freundin Sandra Mastropietro beim Arctic Tierra Ultra, einem 125-Kilometer-Lauf in Schweden, an den Start - die Teilnahme hatten sie gewonnen. Es sollte ein schönes, aber auch Löws anstrengendstes Lauferlebnis werden. Die wilde Natur war atemraubend, doch die unbefestigte Strecke barg Gefahren. Beim Überqueren eines Schneefeldes verletzte sich Mastropietro, die zweite Hälfte der Strecke konnten sie nur noch langsam gehen. Es wurde dunkel und dank der Mittsommernacht nach wenigen Stunden wieder hell, die veranschlagte Zielzeit von 24 Stunden war längst verstrichen, doch sie gingen weiter. Als noch 42 Kilometer vor ihnen lagen, sagte Löw: "Jetzt noch ein Marathon, das schaffen wir locker." Und tatsächlich - nach insgesamt 32 Stunden waren sie im Ziel.

Solche Extreme sind die Ausnahme. Die meiste Zeit des Jahres läuft Löw Marathons und kleinere Wettkämpfe und teilt ihre Begeisterung für den Sport mit anderen. Sie arbeitet inzwischen auch als Trainerin und schreibt über ihre Leidenschaft in einem Blog. Gemeinsam mit Laufcoach Andreas Butz hat sie ein Buch über das Trailrunning verfasst. In all den Jahren gab es nur einen Wettkampf, in dem Löw an ihre Grenzen stieß: den Trans Alpine Run, eine achttägige Alpenüberquerung. Bereits die Vorbereitung lief wegen mehrerer Verletzungen nicht optimal. Die beiden ersten Etappen über jeweils knapp 50 Kilometer und steile Anstiege waren dann eine einzige Qual. Knöchel, Knie und Gelenke schmerzten, doch aufgeben wollte Löw nicht. Am sechsten Tag fuhr ihr ein stechender Schmerz in den Oberschenkel, sie konnte nicht weiterlaufen. Einer der medizinischen Betreuer zog sie schließlich von der Strecke. Es blieb das bisher einzige Mal, dass hinter Löws Name in der Ergebnisliste did not finish stand. Stundenlang flossen Tränen. Bis sie wieder Spaß am Laufen fand, dauerte es Wochen.

In diesem Sommer wagt sie sich zum zweiten Mal an den Trans Alpine Run, wieder mit Mastropietro an ihrer Seite. "Nach dem Ding in Schweden kann uns nichts mehr erschüttern", sagen beide. Den Schuhen in Andrea Löws Flur steht noch einiges bevor.