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Kugelstoßen:Kraftlos in Neapel

Er ist nun gespannt auf die deutsche Meisterschaft: Kugelstoßer Christian Zimmermann, 25.

(Foto: Claus Schunk)

Mit Rang sieben bleibt der Kirchheimer Christian Zimmermann bei der Universiade unter seinen Erwartungen - und rätselt über die Gründe.

Sein fünfter Versuch muss irgendwie nicht schlecht gewesen sein, erzählt Christian Zimmermann am Tag danach. Angefühlt habe er sich allerdings weniger gut, und deshalb, so berichtet der Kugelstoßer vom Kirchheimer SC lapidar, habe er im Stadion von Neapel am Montagabend eben das getan, was man mit einem nicht so tollen Stoß meist macht - er schritt nach vorne und machte ihn ungültig. "Da haben dann einige die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen", musste Zimmermann erkennen.

Offenbar war die Kugel doch weiter geflogen, als er wahrgenommen hatte, es wäre wohl sein bester Versuch an diesem Abend gewesen, bei seinem bisher größten internationalen Wettkampf, der Universiade in Neapel. Viel geändert hätte das nicht, sagt Zimmermann. Er war zuvor unzufrieden mit sich, er war es währenddessen und er war es danach. Am Ende war er Siebter.

Im Nachhinein fällt ihm ein Urteil nicht ganz so leicht. Dienstagvormittag, Zimmermann befindet sich auf einem jener Kreuzfahrtschiffe im Hafen, auf denen die Athleten untergebracht sind, und ihm ist inzwischen klar, dass sein Ziel, eine Medaille zu holen, recht ambitioniert war. Es habe lange gedauert, bis er die erste Teilnehmerliste zu Gesicht bekommen hatte vor dem Wettkampf, via Instagram habe er bis dahin nur gewusst, dass der Pole Konrad Bukowiecki teilnehmen würde. Der siegte dann auch, mit 21,54 Metern, einem neuen Universiade-Rekord. Dafür hat Zimmermann kaum mehr als ein anerkennendes Schulterzucken übrig. "Uni hin oder her, Konrad zählt zu den Top Ten der Welt, der kann schon Kugelstoßen", sagt er. Die anderen Konkurrenten habe er nicht gekannt, letztlich "ging dann da vorne ganz schön die Post ab". Zimmermanns ungültiger fünfter Versuch hätte auch nicht für eine Medaille gereicht, zum US-Amerikaner Andrew Liskowitz (20,46 Meter) und zum Mexikaner Uziel Munoz Galarza (20,45) hätte wohl immer noch ein Meter gefehlt, auch der Brasilianer Willian Venancio auf Rang vier übertraf sogar Zimmermanns bisherige Karrierebestweite von 19,91 Meter noch um acht Zentimeter.

Ihm gelingt der beste Start in einen Wettkampf, den er je hatte. Doch dann lässt er stetig nach

Aber darum ging es auch gar nicht. Vier der acht Besten stellten in diesem Finale neue Allzeit- oder zumindest Saisonbestweiten auf, und auch Zimmermann hatte sich zuvor fest vorgenommen, erstmals die 20-Meter-Marke zu übertreffen. Doch das gelang ihm nicht. 19,32 Meter weit ging sein erster Versuch im Finale, danach kam keine Steigerung. "Das war der beste Start in einen Wettkampf, den ich je hatte", sagt Zimmermann, "wenn ich logisch darüber nachdenke, ist das schon ein Punkt, den man auch als Erfolg sehen kann."

Es kann viel schlimmer laufen, das zeigte ausgerechnet Zimmermanns Teamkollege Simon Bayer. Denn der Sindelfinger beeindruckte noch in der Qualifikation am Vormittag mit einer neuen Bestweite von 19,95 Metern, im Finale blieb er aber einen ganzen Meter kürzer, weshalb für ihn nach drei Stößen und Rang neun Schluss war. Zimmermann dagegen durfte weitermachen. "Aber ich habe von Versuch zu Versuch mehr gemerkt, wie müde ich war."

Es war ein Abenteuer für den 2,13-Meter-Mann in Neapel, im wahrsten Sinn des Wortes. Alles chaotisch um ihn herum, die Organisation, der Verkehr durch die Stadt, dessentwegen sie zweimal drei Stunden Anfahrt bis zum Stadion eingeplant hatten, am Morgen und am Abend. Die Nacht zuvor sei kurz gewesen, er sei schwer eingeschlafen, dann musste er um 5.30 Uhr aufstehen, um sich auf den Weg zur Qualifikation zu begeben. Zurück auf dem Schiff sei gar nicht viel Zeit geblieben, bis er erneut einen der Busse zum Stadion erwischen musste, der so alt und klapprig war, dass er "kaum den Berg raufgekommen" war.

"Happy war ich nicht", sagt Zimmermann am Tag danach. Dabei hatte er Grund zu feiern

Es war ein langer Tag für den Athleten. Im Vorbereitungstraining hatte noch alles bestens funktioniert, er war entspannt, vermutlich, glaubt er, waren ihm da sogar 20-Meter-Stöße gelungen. Im Wettkampf klappte technisch dann nicht alles. "Ich habe wieder versucht, alles oben zu machen", sagt er, mit Gewalt. Nach der Qualifikation mit 19,15 Metern war er "richtig frustriert", und das Finale begann dann widrig: Nachdem er aufgerufen worden war, musste er lange herumstehen, weil etwas mit der Weitenmessanlage nicht in Ordnung war, tigerte umher, "bestimmt fünf, sechs Minuten". Dann kam gleich sein weitester Stoß.

So richtig klar ist ihm nicht, wieso er danach fast so kraftlos unterwegs war wie der alte Bus. Nach dem dritten Versuch, erzählt er, sei er sogar "irgendwie weggetreten", er könne sich kaum noch daran erinnern. Hitze? Unterzucker? Zu wenig getrunken? Er müsse das noch herausfinden, sagt er. Er will nun andere Wettkämpfe ansehen, vielleicht die Stadt erkunden, den Pool des Kreuzfahrtschiffes nutzen. "Happy war ich nicht", sagt er, aber es geht ja weiter. Christian Zimmermann ist zuversichtlich, dass noch internationale Einsätze kommen werden. Auch die deutsche Meisterschaft könnte spannend werden, noch immer liege er zu seiner eigenen Überraschung in der Jahreswertung vor dem einstigen Weltmeister David Storl.

Christian Zimmermann hat am Dienstag dann erstmals ausgeschlafen in Neapel, das war ein guter Start in den Tag. Vielleicht ist er dann irgendwann ja sogar noch in Feierlaune geraten. Es wäre ihm zu wünschen. Denn der Dienstag auf dem Kreuzfahrtschiff war auch sein 25. Geburtstag.