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Kolumne "Linksaußen":Mutter Erde schlägt zurück

Hochwasser in Thüringen

Quaken statt bolzen: Die Natur erobert sich ihr Revier zurück.

(Foto: Michael Reichel/dpa)

Schlammwüsten statt Fußballplätze: Hoffnung für alle geschundenen Amateursportler kommt ausgerechnet vom Universalgelehrten Donald Trump.

Von Ralf Tögel

Der Blick aus dem Fenster? Im Süden zumindest wenig erbaulich. Das macht die Vorstellung etwas leichter, dass man in Pandemie-Zeiten sowieso nur in dringenden Fällen vor die Tür treten sollte. Was für ein Glück, dass die Zeiten vorbei sind, als das Plumpsklo möglichst weit weg vom Haus errichtet wurde, aber das nur nebenbei. Erst kam Corona, dann der Schnee und jetzt Sturm und sintflutartiger Regen, da mag doch so manchem Alu-behelmten Zeitgenossen folgende Theorie durch die Hirnwindungen schießen: Die Natur schlägt zurück!

Was zu erwarten war, schließlich haben sich die Wind- und Wetterexperten vom Beobachtungsposten Hollywood vor Jahren schon mit der Problematik beschäftigt und der Menschheit zur Warnung ein filmisches Dokument hinterlasse. Nein, es ist nicht die Rede vom Dokumentarfilm "An Inconvenient Truth", in dem der ehemalige US-Vizepräsident und damalige Präsidentschaftskandidat Al Gore der Menschheit die unbequeme Wahrheit über die Gefahren der globalen Erderwärmung erklärt. Ist auch nicht so schlimm, wie der ehemalige Präsident und Universal-Gelehrte Donald Trump entlarvte: Waldbrände in Kalifornien wegen der Klimaerwärmung? Humbug. Schlechtes Forstmanagement! Die Bäume stehen einfach zu dicht beieinander, basta.

Mark Wahlberg spielt einen Biologie-Professor - trotzdem ungerecht, dass "The Happening" derart floppte

Nein, hier soll die Rede sein von "The Happening", auch so eine Art Dokumentarfilm. Die Handlung erzählt von dem titelgebenden Vorkommnis, dass die Pflanzen im Auftrag von Mutter Erde eine Art Nervengift freisetzen, das durch den Wind auf die Menschen übertragen wird und diese in den Suizid treibt. Wie visionär ist das denn? Übertragung durch die Luft, wie bei einem Virus, die Natur wehrt sich gegen ihren übelsten Verschmutzer, den Menschen. Und wenn man weiß, dass die superreichen dieser bösen Menschen in unterirdischen Höhlen hocken und zwecks ewiger Jugend Kinderblut schlürfen, ist das doch absolut glaubwürdig. Doof nur, dass hier kein Alu-Hut mehr hilft.

Hauptdarsteller Mark Wahlberg, der einen Biologie-Professor spielt, welcher dem üblen Unkraut auf die Schliche kommt, schämt sich noch heute für sein Mitwirken in dieser Gurke. Die Karriere von Regisseur M. Night Shyamalan erfuhr durch seine vorausschauende Aufklärungsarbeit ungerechterweise eine erdrutschartige Talfahrt, um im richtigen Bild zu bleiben.

Was das mit Sport zu tun hat? Liegt doch auf der Hand. Zum Beispiel die Amateur-Eishockeyspieler: In München dürfen nur die roten Bullen in die Eishalle, in Bad Tölz die Löwen, alles Nicht-Getier schaut weiter in die Eisröhre. Musste man sich halt selbst helfen, Kufen geschliffen, Schlittschuhe festgezurrt, und ab zum nächsten zugefrorenen See - gibt ja genügend in der Münchner Region. Im Allgäu, so ist zu hören, wurden gar ganze Mannschaften mit Bussen herangekarrt: Am Füssener Forggensee übers Eis flitzen, an der frischen Luft mit genügend Abstand und mit Blick auf die Königsschlösser - da werden selbst die Münchner und die Tölzer Profis neidisch. Aber jetzt ist der Spaß auch schon wieder vorbei. Erst stellte die Allgäuer Polizei ein paar Beamte zur See-Patrouille auf Schlittschuhe, und weil das nicht durchschlagend half, griff das Klima ein - Tauwetter. Der Blaue Planet eilte der Corona-Polizei zu Hilfe.

Statt den Alu-Hut aufzusetzen sollte man sich die Anleitung zum Bau einer Arche griffbereit legen.

Ein paar Grad wärmer, ein paar Hektoliter Regen pro Quadratmeter vom Himmel, und die Schlitter-Sause war über Nacht beendet - jetzt flitzt keiner mehr auf Kufen über den Nymphenburger Kanal. Vielmehr treten bald die Flüsse über die Ufer, allerorten werden spontane Tümpel und Weiher entstehen. Statt sich einen Alu-Hut gegen alle bösen Schwingungen und Verschwörungen dieser Welt zu basteln, sollte man wachsam bleiben und sich die Bauanleitung für eine Arche bereitlegen.

Man mag sich gar nicht ausmalen, was diese Apokalypse für den Amateurfußball bedeutet. Irgendwann im März soll ja nach dem neuesten Plan der Ball wieder rollen, aber bitteschön wo denn? Die Plätze werden überschwemmt sein, Schlammwüsten überall, wer weiß, was sich das Klima noch so alles einfallen lässt? Es ist ja eigentlich zum Heulen, aber Mut macht die Tatsache, dass sich die Menschheit bisher noch jeder Katastrophe erfolgreich angepasst hat, das wird auch dieses Mal so sein. Einfach abwarten, ganz im Sinne des gerade aus dem Weißen Haus gejagten Pfiffikus aus Florida: Irgendwann wird es von ganz alleine wieder warm.

© SZ/sjo
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