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Kolumne "Formsache":Barmherziger Menschenfischer

Kapitän Claus-Peter Reisch

Claus-Peter Reisch, 58, aufgewachsen in Giesing und Neuried, ist als Kapitän des Seenotrettungsschiffes Lifeline zahlreiche Missionen gefahren, hat Hunderten Menschen auf dem Mittelmeer das Leben gerettet und dafür zahlreiche Menschenrechtspreise erhalten, darunter den Lew-Kopelew-Preis. Aktuell engagiert er sich für Integrations- und Fair-Trade-Projekte. Im Herbst ist bei Riva sein Buch „Meer der Tränen“ erschienen – mit einem Vorwort von Udo Lindenberg.

(Foto: Johannes Filous/dpa)

"Lifeline"-Kapitän Claus-Peter Reisch hat kurz in der Bayern-Jugend gespielt. Für Fußball interessiert er sich trotzdem nicht - außer für Roger Milla.

SZ: Sport ist...

Claus-Peter Reisch: ...oftmals viel zu gut bezahlt.

Ihr aktueller Fitnesszustand?

Könnte besser sein. Aber die Langlaufsaison ist nicht mehr weit und ich freue mich schon drauf.

Felgaufschwung oder Einkehrschwung?

Sport in der Halle war nie was für mich, ich war schon früh viel lieber draußen beim Segeln. Hingegen eine Einkehr in ein gemütliches Gasthaus: Das hat was.

Sportunterricht war für Sie?

Nie wirklich interessant. Aber für einen Zweier hat es meistens gereicht.

Ihr persönlicher Rekord?

15 000 Kilometer mit dem Motorrad durch Afrika. Dabei die Maschine mehrmals aus dem Treibsand gewuchtet. Komplett aufgepackt wog die wahrscheinlich 250 Kilo.

Stadion oder Fernsehsportler?

Weder noch. Das letzte Mal, dass ich Fußball mit Begeisterung im Fernsehen verfolgt habe, war die WM 1990. Mein Herz schlägt immer für die Underdogs, und mein Vater und ich waren begeistert von Roger Milla und Kamerun. Hatten sie nicht sogar die arroganten Argentinier geschlagen? Wir waren sehr traurig, als sie gegen England im Viertelfinale verloren haben, dabei haben sie bis kurz vor Schluss geführt. Die Kameruner wurden im Stadion gefeiert, die Engländer ausgebuht.

Bayern oder Sechzig?

Da bin ich sehr ambivalent. Ich bin unweit des Sechzgerstadions aufgewachsen, in der Fromundstraße. Mein Vater hat mich als Kind ein paarmal mitgenommen, und irgendwann, ich weiß nicht mehr wie das kam, stand auch mal der Radenkovic bei uns vor der Wohnungstür, und ich bekam ein Autogramm. Andererseits habe ich für ein paar Monate beim FC Bayern in der Jugend gespielt. Zusammengefasst: unentschieden. Eigentlich sind mir beide wurscht, weil mich Profifußball nicht interessiert.

Ihr ewiges Sport-Idol?

Roger Milla und Muhammad Ali, Letzterer auch wegen seines Engagements für die Rechte von Minderheiten.

Ein prägendes Erlebnis?

Die Olympischen Spiele 1972. Tausende Münchner Schüler durften bei der Eröffnungsfeier dabeisein, ich auch. Dafür haben wir einen Schäfflertanz eingeübt, auf eine Melodie von Carl Orff. Zuerst in unserer Schule, dann mit allen aus dem Stadtteil. Das hat wochenlang gedauert. Während der Zeremonie saßen wir dann auf der Tartanbahn auf kleinen grünen Kissen, die Mädels hatten gelbe Kleider an, die Jungs hellblaue Hemden. Nach unserem Schäfflertanz haben wir dann von den Neuseeländern und einigen Schwarzafrikanern Anstecknadeln geschnorrt, die habe ich mir in das Kissen gesteckt. Ich war damals elf. Bei so einem Weltereignis dabei zu sein, das war schon riesig.

In welcher Disziplin wären Sie Olympiasieger?

Im Klinken putzen zum Spendensammeln. Aktuell auch für das Bellevue de Monaco in der Müllerstraße, wo auf dem Dach ein Sportplatz für Kinder gebaut werden soll. Es fehlen noch rund 300 000 Euro. Lasst uns gemeinsam über die Ziellinie rennen! Merken Sie's, ich praktiziere die Disziplin gerade!

Mit welcher Sportlerin/welchem Sportler würden Sie gerne das Trikot tauschen?

Am ehesten noch mit sozial engagierten Bühnensportlern wie Udo Lindenberg oder Peter Maffay. Ich glaube, die betreiben auf der Bühne auch Hochleistungssport, und das im fortgeschrittenen Alter!

Unter der Rubrik "Formsache" fragt die SZ jede Woche Menschen nach ihrer Affinität zum Sport. Künstler, Politiker, Wirtschaftskapitäne - bloß keine Sportler. Wäre ja langweilig.

© SZ vom 16.01.2020
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