Kickboxen:Aufgestanden

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Kickboxen: „Wir haben ihn unterschätzt“: Sebastian Preuß (links) hat große Probleme gegen Loic Njeya.

„Wir haben ihn unterschätzt“: Sebastian Preuß (links) hat große Probleme gegen Loic Njeya.

(Foto: Halil Tosan/oh)

Sebastian Preuß verteidigt seinen WM-Titel durch ein mühsames Unentschieden. Dabei hätte er beinahe die erste Runde nicht überstanden.

Von Benedikt Warmbrunn

Dass es auch einmal nach unten gehen kann im Leben, das hat Sebastian Preuß verinnerlicht wie nur wenige andere Kampfsportler. Er war aufgewachsen ohne Vater, der bis heute den Kontakt meidet; seine Mutter musste pausenlos arbeiten, um die drei Kinder zu ernähren. Im Gefühl, allein zu sein, beschloss Preuß als Jugendlicher, seinen eigenen Weg zu gehen. Nur ging er ihn mit den falschen Freunden. Oft geriet er in Schlägereien, er erhielt eine Anzeige wegen Körperverletzung nach der anderen. Irgendwann musste er wegen Wiederholungsgefahr nach Stadelheim, im Gefängnis verbrachte er seinen 19. Geburtstag. Er kam raus, fing mit dem Kampfsport an, lernte neue Freunde kennen, solche, die diszipliniert waren. Er wurde Malermeister, und er wurde Weltmeister.

Warum also sollte es so einen Mann schockieren, wenn er einmal, zweimal, dreimal in einem Kampf nach unten auf den Ringboden geht?

Am Mittwochabend verteidigte der 28 Jahre alte Preuß seinen WM-Titel in der Gewichtsklasse bis 90 Kilogramm im Circus Krone, sein Gegner war der sechs Jahre jüngere Schweizer Loic Njeya; jüngere Gegner im Kickboxen haben oft auch einen Vorteil: Sie sind schneller.

Noch knapp 50 Sekunden in der ersten Runde sind zu kämpfen, immer wieder hat der Herausforderer Njeya den Weltmeister mit einem schweren linken Haken getroffen, nun treibt er Preuß in die Ringseile, trifft ihn immer wieder. Preuß geht zu Boden, er wird angezählt. Er steht wieder auf.

Noch knapp 20 Sekunden in der ersten Runde. Njeya schlägt und schlägt und schlägt, links, rechts, links, es geht nun alles viel zu geschwind für den Weltmeister. Preuß zieht sich an die Ringseile zurück, er macht das, was ein Weltmeister eigentlich nie machen darf: Er flüchtet. Njeya schlägt weiter und weiter, noch ein linker Haken. Preuß geht zu Boden, wird aber nicht angezählt. Er steht wieder auf.

Noch zwölf Sekunden in der ersten Runde. Wieder ein linker Haken von Njeya, es wirkt so, als habe Preuß noch gar nicht begriffen, wie schnell und kräftig sein Gegner ist, so offen bleibt seine Deckung. Wieder geht Preuß zu Boden, zum zweiten Mal wird er angezählt. Wieder steht er auf. Dann ist die erste Runde vorbei.

Dass er diese erste Runde auf beiden Beinen stehend überstanden hat, das ist am Ende dieses Kampfes die wirklich große Leistung von Preuß: Er ist nicht unten geblieben. Nichts hat ihn schockiert. Durch die restlichen Runden müht er sich, tapfer und aufrecht, er geht nicht noch einmal zu Boden. Der Kampf endet für ihn mit einem schmeichelhaften Unentschieden. "Wir haben Njeya unterschätzt", gesteht Trainer Mladen Steko, "Respekt an den Schweizer, wir wollen unbedingt einen Rückkampf." Njeya nahm den Rückkampf an, er will gegen Preuß der Weltmeister werden, als der er sich bereits fühlt.

Ähnlich wie der Schweizer Njeya eröffnete auch die Griechin Athina Evmorfiadi ihren Kampf gegen Weltmeisterin Marie Lang. Der Unterschied: Lang ging nie zu Boden, konzentriert traf sie ihre Herausforderin und verteidigte ihren Titel verdient nach Punkten.

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