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Kampfsport in der Corona-Krise:Boxen wie auf Kuba

"Gerade bei Kontaktsport dauert es, bis sich alle wieder trauen": Tim Yilmaz (vorne links), Kai Melder (hinten links) und ihre Mitstreiter vom Mariposa Boxclub vor ihrem neuen Freiluft-Gym 'The Answer'. Die Anlage steht auf dem Gelände eines ehemaligen Betonwerks in München-Obersendling.

(Foto: Susanne Schramke/oh)

Der Münchner Boxclub Mariposa hat eine Freiluft-Trainingsanlage gebaut, um wieder trainieren zu dürfen. Und schon jetzt ist klar, das Projekt soll über die Corona-Zeit hinaus Bestand haben.

Von Johannes Müller

Sich über das Wetter zu beschweren, ist meist banal, aber wenigstens schön unverfänglich. Wer mag schon Nieselregen oder Graupelschauer? Und dass besonders Tim Yilmaz dem kühlen und verregneten Mai nichts abgewinnen konnte, ist verständlich. Schließlich hatten er und seine Mitstreiter beim Mariposa Boxclub gerade erst eine Freiluft-Trainingsanlage gebaut, um zumindest wieder Einzeltrainings anbieten zu können - nach sieben Monaten Zwangspause wohl gemerkt. "Und dann hat es geregnet, das war ein totaler Irrsinn." Yilmaz muss dann doch lachen, denn bei Mariposa ließ sich niemand von den widrigen Verhältnissen abschrecken, auch die Einzeltrainings wurden gut besucht. Und er ist sich sicher: "Der Sommer wird schon kommen."

Ob die Sonne nun strahlt oder nicht, bei Mariposa wird seit dieser Woche wieder einigermaßen normal trainiert. Die Testpflicht für Sportveranstaltungen unter freiem Himmel wurde am Sonntag aufgehoben, nachdem die Inzidenz in München fünf Tage in Serie unter 50 lag. Mit bis zu 25 Personen und einem Hygienekonzept darf draußen nun auch wieder Kontaktsport betrieben werden. Yilmaz freut sich, dass es endlich losgeht. Der Restart laufe jedoch ähnlich schleppend an wie nach der ersten Corona-Welle im vergangenen Jahr. "Man erwartet, dass einem nach so einer langen Durstrecke die Tür eingerannt wird, aber das ist nicht so. Gerade bei Kontaktsport dauert es, bis sich alle wieder trauen." Einige Wochen werden wohl vergehen, bis die Trainings ausgebucht sind. Yilmaz betont allerdings: "Es ist auch gut, dass alle noch vorsichtig sind."

Vier Cargo-Container und eine Überdachung bilden eine Art Pavillon für einen Boxring, in dem es endlich wieder zur Sache gehen soll

Ihre Freiluft-Trainingsanlage haben sie bei Mariposa höchstpersönlich hochgezogen, und zwar stilecht auf dem Gelände eines ehemaligen Betonwerks in Obersendling. Innerhalb von drei Wochen war alles fertig. Vier Cargo-Container und eine Überdachung bilden eine Art Pavillon für einen Boxring, in dem es endlich wieder zur Sache gehen soll. Auch einen eindrücklichen Namen hat die Anlage erhalten: "The Answer", die Antwort also. Nur auf welche Frage, Herr Yilmaz? "Auf die Frage, wie es weitergehen soll mit dem Boxsport und dem Indoor-Sport im Allgemeinen", sagt er. Es gebe zwar diverse städtische Freiluftanlagen, wo man beispielsweise ein paar Klimmzüge machen könne, ernsthaftes Athletik- oder Boxtraining sei dort aber nicht möglich. Für Freizeitboxer bedeutete das während der Pandemie: Verzicht auf ihren Sport.

Die Antwort des Mariposa Boxclubs soll jedoch nicht nur für die Corona-Zeit gelten. Auf 18 Monate, also bis Ende 2022, ist der Vertrag für die Zwischennutzung angesetzt. "Mindestens", ergänzt Yilmaz, man wisse bei Zwischennutzungen ja nie genau, wie lange diese laufen würden. "Wenn das hier vorbei ist, soll es ,The Answer' aber definitiv weiter geben", so viel Herzblut und Arbeit stecken in dem Projekt. Man wolle es dann durch die Stadt ziehen lassen, "auf die nächste Fläche, die wir angeboten bekommen", erklärt Yilmaz.

"Tim hat ständig neue Ideen. Und ich bin der Bremsklotz, der sie auf ihre Umsetzbarkeit prüft."

Dieser Wagemut ist bereits in der Gründungsgeschichte Mariposas belegt. Eines Tages im Frühling 2017, erzählt Yilmaz, sei er mit Kai Melder, seinem langjährigen Boxtrainer, Pizzaessen gewesen, als Melder darüber gesprochen habe, sein Leben verändern zu wollen. "Er hat gesagt, er hat keine Lust mehr, nach 30 Jahren KFZ-Meister", erzählt Yilmaz. "Und dann habe ich gesagt, lass uns doch einen richtigen Boxkeller aufmachen und Boxclubbetreiber werden." Ein Dreivierteljahr hätten sie an ihrem Konzept gefeilt, ehe sie Mariposa Anfang 2018 aus der Taufe hoben. "Wir ergänzen uns optimal", sagt Melder: "Tim braucht immer jemanden, mit dem er sich spiegeln kann. Er ist der bei Mariposa, der ständig neue Ideen hat, und ich bin der Bremsklotz, der sie auf ihre Umsetzbarkeit prüft."

Diese Rollenverteilung scheint zu funktionieren. Noch Anfang 2020 habe Mariposa einen guten Mitgliederzuwachs gehabt, so Yilmaz: "Der wurde dann total unterbrochen. Relativ viele Mitglieder haben gekündigt. Aber wie sagt man, die Not macht erfinderisch." Weil die finanziellen Mittel aktuell begrenzt sind, habe man sich bei der Planung von ,The Answer' von Freiluft-Boxringen in afrikanischen Ländern oder auf Kuba inspirieren lassen. "Die haben oft einfach nicht das Geld, um sich einen 150 Euro teuren Sandsack zu bestellen. Also schrauben die alte KFZ-Reifen zusammen und nutzen das als Trainingsgerät." Auch bei Mariposa dreschen sie jetzt auf Autoreifen ein.

Und weil das Boxenthusiasten sehr viel Spaß verspricht, weckte das Projekt das Interesse zahlreicher ehemaliger Mitglieder, die sich in den letzten Wochen prompt zurückgemeldet hätten. Hinzu kamen neue Anfragen und erste Probetrainings. "Alle finden das Projekt und diese Konstruktion, die wir hier hingestellt haben, extrem spannend", freut sich Yilmaz. Jetzt muss nur noch der Sommer kommen.

© SZ/sewi/lein
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