Judo Verflixte Verletzungen

„Materialmordend“: Trainer Ralf Matusche.

(Foto: Claus Schunk)

Großhadern rechnet sich kaum Chancen bei der Judo-Finalrunde aus - auch weil fast alle Kämpfer lädiert sind. Trainer Ralf Matusche kritisiert den Terminplan.

Von Julian Ignatowitsch

Vor dem Finale in der Judo-Bundesliga zählt Ralf Matusche unzählige Namen auf, ja, er rattert sie förmlich herunter. Die Liste des Trainers des TSV Großhadern hat nichts Positives, im Gegenteil. Matusche redet von der hohen Belastung, den vielen Turnieren auf der ganzen Welt und den Verletzungen seiner Athleten. "Abu Dhabi, Mexiko, Taschkent, Den Haag, Osaka, dazwischen das Bundesliga-Finale, das ist ein materialmordendes Programm", sagt er zum überlaufenden Kalender im November. Und dann nennt er die zahlreichen Verletzten in seiner Mannschaft: Peter Thomas (-66 kg), Niklas Blöchl (-81 kg), Johann Lenz (-81 kg), Hugo Murphy (-90 kg), Johannes Frey (+100 kg). "Das entspricht fast einer ganzen Mannschaft", sagt Matusche. Zuletzt hat es den Österreicher Laurin Böhler (-100 kg), der in Großhadern trainiert, am Ellenbogen erwischt. Sechs bis acht Wochen wird er ausfallen. "So etwas kann einen Athleten die Olympia-Qualifikation kosten", erklärt Matusche. Wer mehrere Wochen, gar Monate fehlt, verpasst wichtige Punkte im Rennen um die Sommerspiele. Das Bundesliga-Finale tritt da schnell in den Hintergrund.

Großhadern macht sich deshalb diesmal keine großen Hoffnungen auf den Meistertitel. "Wir sind krasser Außenseiter", sagt Teambetreuer Tobias Englmaier, der die Mannschaft beim Finale der besten Vier in Hamburg coachen wird. Trainer Matusche, der gleichzeitig für den Olympiastützpunkt verantwortlich ist, fährt, apropos Terminflut, zur U23-Europameisterschaft nach Ungarn.

Großhadern trifft im Halbfinale auf Gastgeber und Topfavorit Hamburg. Das Team aus dem Norden bietet fast ausschließlich deutsche Nationalkaderathleten und internationale Spitzenkämpfer auf, darunter die Olympiateilnehmer Igor Wandtke (-73 kg) und Alexander Wieczerzak (-81 kg), die 2015 noch für Großhadern starteten und den Verein nach Unstimmigkeiten verließen. Bei den Münchnern ist momentan Karl-Richard Frey (-100 kg) der einzige fitte Hochkaräter. Der WM-Zweite von 2015 hat diese Saison kaum Kämpfe für den TSV bestritten, er war oft anderweitig unterwegs. Jetzt im Finale bekommt er im Duell mit seinem langjährigen Nationalteam-Konkurrenten Dimitri Peters eine besondere Aufgabe. Ansonsten setzt sich die Mannschaft eher aus Nachwuchskräften zusammen, die in zwei bis drei Jahren den Durchbruch in die Spitze schaffen sollen oder gerade auf dem Sprung sind.

Der 22-jährige Lukas Vennekold (-73 kg), Sohn von Trainer Matusche und derzeit ebenfalls angeschlagen, ist so einer. In diesem Jahr holte er drei Medaillen bei internationalen Veranstaltungen und hat sich in der Bundesliga zu einem Anführer und Punktegaranten in Großhadern entwickelt. Noch nicht so konstant, aber ähnlich begabt sind der 21-jährige Maximilian Heyder (-60 kg) und der 20-jährige Daniel Messelberger (+100 kg), die in den Randgewichtsklassen immer wieder überraschend punkten konnten.

Betreuer Englmaier macht vor allem Sorge, dass die verletzungsbedingten Ausfälle fast allesamt die mittleren Gewichtsklassen betreffen. "Das sind unsere starken Positionen", meint er. "Jetzt müssen wir improvisieren." Der Puerto Ricaner Adrian Gandia, der erst einmal in der Bundesliga zum Einsatz kam, ist nun dabei. Und unerfahrene Kämpfer wie Janno Brodnig (-66 kg) oder Sebastian Freytag (-81 kg) rechnen sich plötzlich Chancen auf einen Finaleinsatz aus.

Trainer Matusche stellt deshalb vor dem Finale einmal mehr die Sinnfrage. "Das internationale Programm ist mit der Bundesliga einfach schwer zu vereinbaren", sagt er. Der Verband hatte die Zahl der Kämpfe durch eine Aufstockung der Liga von sechs auf neun Teams vor dieser Saison ja sogar noch erhöht. Die Liga ist dadurch spannender geworden, ja. Aber der Zeitaufwand und die körperliche Belastung für die Sportler sind noch größer. Matusche klagt darüber, dass das Training zu kurz komme. "Das ist das größte Problem", sagt er. Die großen deutschen Erfolge bei internationalen Turnieren sind auch 2018 ausgeblieben.

So treffen sich jetzt eben alle, die noch fit sind, in Hamburg. Englmaier glaubt, dass es "sicher wieder ein tolles Event" mit lauten Fans und hochklassigen Kämpfen wird. Der Ausgang scheint aber fest zu stehen: Hamburg ist wie bereits in den vergangenen beiden Jahren der prädestinierte Meister. Egal, ob mit oder ohne Verletzte.