Judo Schuld war der Adler

Starker Start: Barbara Ertl (blau) bringt ihr Team gegen Wiesbadens Arleta Podolak per Ippon in Führung.

(Foto: Robert Haas)

Großhaderns Frauen unterliegen Wiesbaden - auch wegen eines Verstoßes gegen die Kleiderordnung. Nun dürfen sie sich Richtung Finalrunde schon nicht mehr viele Fehler erlauben.

Von Fabian Swidrak

Da half auch eine lange Diskussion mit den Kampfrichtern nichts, Lisa Dollinger durfte nicht auf die Matte. Nicht in diesem Judogi, wie der Wettkampfanzug einer Judokämpferin heißt. Geknickt schlich Dollinger von dannen, kampflos geschlagen. Disqualifiziert aufgrund eines Verstoßes gegen die Kleiderordnung der Judo-Bundesliga. Darin heißt es: "Es dürfen keine Bundesadler auf dem Judogi getragen werden."

Schon zu Beginn des Wettkampfs, als sich die Judoka beider Mannschaften vor den Augen der Zuschauer begrüßten, machten die Kampfrichter Dollinger auf den Adler aufmerksam, der auf ihre Jacke aufgenäht war. Als sie wenig später für ihren Kampf auf die Matte zurückkehrte, war der Adler verschwunden - unter einer dicken Schicht Klebeband. Das aber reichte den Kampfrichtern nicht. Denn in der Kleiderordnung heißt es weiter: "Die Jacke muss komplett gewechselt oder der Bundesadler abgetrennt werden."

Lisa Dollinger hatte ein schlechtes Gewissen. "Das ist der dümmste Fehler ever", wusste sie

"Das ist der dümmste Fehler ever", sagte Dollinger nach dem ersten Saisonkampf, den sie mit dem TSV Großhadern gegen den JC Wiesbaden 5:9 (50:87) verloren hatte. "Ich weiß, dass da kein Adler sein darf, irgendwie hatte ich nur nicht mehr dran gedacht, als ich die Jacke eingepackt habe. Aber ich wusste nicht, dass Abkleben nicht ausreicht." Dollinger war ihr Fehler peinlich. Sie ist schließlich nicht neu in der Bundesliga, zählt zu den Leistungsträgerinnen des Teams, startet für den deutschen Verband bei internationalen Turnieren. Dollinger war froh, dass am Ende nicht nur dieser eine Punkt zum Sieg gegen Wiesbaden gefehlt hatte, den Bundesliga-Zweiten der vergangenen Saison.

Im zweiten Durchgang ging Dollinger mit neuer Jacke auf die Matte. Und auch wenn der Verein nun eine Strafe zahlen muss, weil darauf wiederum Dollingers Name nicht ordnungsgemäß angebracht war: Ein Stück weit machte sie ihren Fehler wieder gut. Sie gewann in der Gewichtsklasse über 78 Kilogramm, obwohl sie in der Regel eine Gewichtsklasse darunter antritt. "Das macht es natürlich schwerer, die Gegnerin in Bewegung zu setzen", sagte Dollinger, und dass sie schon zweimal gegen Wiesbadens Renee Lucht verloren hatte. "Diesmal wollte ich unbedingt gewinnen, weil ich so ein megaschlechtes Gewissen hatte. Es macht ja einen Unterschied, ob du im Kampf alles gibst und verlierst, oder ob du wegen eines so dummen Fehlers nicht antreten darfst."

Teambetreuerin Amelie Stoll war nach dem Wettkampf der Meinung, Dollinger habe mit ihrer Disqualifikation im ersten Durchgang durchaus mehr verspielt als nur einen Siegpunkt. Sie sagte: "So etwas darf nicht passieren. Wenn sie den Kampf gewinnt, gehen wir mit einem knappen Vorsprung in die Pause und nicht der Gegner. Dann hätte es vielleicht noch einmal eine andere Dynamik gegeben." Stoll tritt selbst für Großhadern in der Bundesliga an, wenn es ihr auf die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 ausgerichteter Trainings- und Wettkampfplan zulässt. Am Samstag gehörte sie nicht zum Aufgebot der Münchnerinnen.

"Auch wenn das Ergebnis nicht so aussieht, können wir mit der Leistung schon zufrieden sein."

Trainerin Kay Kraus sagte über die Niederlage zum Auftakt: "Auch wenn das Ergebnis nicht so aussieht, können wir mit der gezeigten Leistung schon zufrieden sein. Einige Kämpfe waren sehr eng, das hätte auch andersrum ausgehen können." Zwei Duelle wurden erst nach dem Ende der regulären Kampfzeit im Golden Score entschieden, eines davon verlor Bettina Bauer (bis 48 kg), die mit ihren erst 15 Jahren in dieser Saison jene Gewichtsklasse verstärkt, in der Großhadern in der Vergangenheit die größten Probleme gehabt hatte. Zwei Kämpfe gewann am Samstag als einzige Münchnerin Laura Vargas Koch (bis 78 kg).

Auch wenn Trainerin Kraus die Niederlage gelassen hinnahm: Allzu oft darf der TSV Großhadern schon jetzt nicht mehr verlieren, will er das Saisonziel, den Einzug in die Finalrunde, erreichen. Im vergangenen Jahr hatte der deutsche Meister von 2014 und 2016 dieses Ziel knapp verpasst. Anders als bei den Männern hat sich am Modus der Frauen-Bundesliga nichts geändert, die drei jeweils bestplatzierten Teams der Nord- und Südstaffel qualifizieren sich für die Finalrunde. "Die Liga ist sehr ausgeglichen", sagt Kraus. "Wer gewinnt, hängt immer davon ab, welcher Mannschaft gerade welche Kämpferinnen für die Bundesliga zur Verfügung stehen." Und offenbar auch davon, wer die richtige Kleidung dabeihat.