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Judo:Geschwisterhiebe

"Gemeinsam und ab und zu gegeneinander": In der Bundesliga kämpfen Amelie und Theresa Stoll für den TSV Großhadern. Ihr Ziel: Olympia 2020. Ihr Problem: Eine muss dafür die andere ausschalten

Kürzlich standen sie sich wieder einmal auf der Matte gegenüber. Die Zwillingsschwestern Amelie und Theresa Stoll kennen das bereits - vom Training, von nationalen Wettkämpfen. "Wir haben kein Problem damit", sagen beide. Da sie in der gleichen Gewichtsklasse kämpfen, komme das eben vor. In Madrid war das Aufeinandertreffen aber doch etwas Besonderes: ein Kampf um Platz drei bei einem internationalen Turnier. Für die 20-jährigen Judoka vom TSV Großhadern sind solche Auftritte auf der großen Bühne noch eine relativ neue Erfahrung. Wenn dann noch eine Medaillenchance dazukommt, ist der häusliche Friede zumindest kurz in Gefahr. Oder? "Na ja, so bleibt der Erfolg in der Familie", sagt Theresa Stoll und lacht. Sie gewann den Kampf und damit ihre zweite Weltcup-Medaille. Amelie gratulierte fair. "Theresa hat im Moment einfach leicht die Nase vorne", sagt sie. Die Schwestern umarmten sich. Eigentlich war alles wie immer.

An diesem Samstag (17 Uhr) stehen Amelie und Theresa Stoll wieder gemeinsam auf der Matte, für ihren Bundesliga-Verein TSV Großhadern. Bei Aufsteiger SC Gröbenzell ist ein Sieg Pflicht. Die zweieiigen Zwillinge sind mittlerweile echte Leistungsträger in ihrem Team, das sich Hoffnungen auf den zweiten Meistertitel in drei Jahren macht. Trainer Lorenz Trautmann bedauert lediglich, dass die Stoll-Schwestern die gleiche Gewichtsklasse (bis 57 Kilo) haben, in der Bundesliga kämpft Amelie deshalb meist eine Kategorie höher. "Vom Kampfstil und Typ sind die zwei komplett unterschiedlich", erzählt Trautmann. Man merkt das schnell, wenn man ihnen zuschaut: Theresa, seit Januar deutsche Meisterin, steht aufrecht wie ein Boxer, mit stolzem Gesichtsausdruck und mustergültiger Grifftechnik. Amelie dagegen kämpft mit viel Körperkontakt, eher wie ein Ringer, auch gerne mal im Bodenkampf und mit schmerzverzerrter Miene. Abseits der Matte ist Medizin-Studentin Theresa die extrovertiertere, wirkt sehr selbstbewusst und organisiert. Amelie ist zurückhaltender, sieht vieles gelassener und hat gerade mit Sportwissenschaften angefangen. Vielleicht liegt gerade in den unterschiedlichen Charakterzügen das Geheimnis der geschwisterlichen Harmonie, wenn man so viel Zeit miteinander verbringt. "Ehrgeizig sind beide", sagt Coach Trautmann, der täglich mit den Zwillingen trainiert. "Sie haben beide das Zeug für die Weltspitze." Den Übergang von den Junioren zu den Erwachsenen haben die Stolls gerade geschafft, die ersten internationalen Erfolge weisen in die richtige Richtung.

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"Im Moment leicht die Nase vorn": Theresa Stoll, rechts, im Februar beim Grand Prix in Düsseldorf gegen Camila Minakawa aus Israel.

(Foto: Conny Kurth/Imago)

Madrid, Kasan, Abu Dhabi - die Zwillinge reisen gemeinsam um die Welt. "Es kracht schon auch mal", sagt Amelie, "aber der Sport ist eigentlich nie der Grund." Judo kann als Einzelsport eine einsame Angelegenheit sein. "Da ist es doch super, wenn du jemanden hast, den du so gut kennst, der das gleiche macht", sagt Theresa. "Wir machen uns zusammen warm, haben ähnliche Gefühle und Erlebnisse, können darüber reden, uns anfeuern und pushen. Das hilft." Und wenn es mal nicht läuft wie geplant, dann "ist Amelie der ruhende Pol, der uns beide runterholt." In dieser Hinsicht wirkt die gut 20 Minuten ältere Schwester etwas reifer. Sie hat in ihrer jungen Karriere mehr Rückschläge hinnehmen müssen, meistens im direkten Duell gegen die Schwester verloren, ist aber immer drangeblieben. "Diese Erfahrung könnte noch ein Vorteil werden", sagt der Trainer.

Die Olympischen Spiele 2020 sind das Ziel der Schwestern, aber nur eine wird es erreichen können. Denn im Judo schickt jedes Land nur einen Athleten pro Gewichtsklasse zu den Sommerspielen. "Wir wissen das, es ist ja noch ein bisschen Zeit bis dahin", schiebt Theresa das heikle Thema zur Seite, stellt aber gleichzeitig klar: "Ich möchte dabei sein." Ihre Schwester ist nicht ganz so explizit: "Mal schauen, wie es bis dahin weitergeht." Die Gewichtsklasse wechseln? Das wäre für beide in diesem fortgeschrittenen Stadium eine große Umstellung. Vermutlich eine zu große.

Vom Kampfstil und Typ sind die zwei komplett unterschiedlich", sagt ihr Trainer Lorenz Trautmann, hier mit Amelie Stoll.

(Foto: Claus Schunk)

Nach dem Duell in Madrid hat sich Amelie Stoll in der vergangenen Woche dann übrigens auch ihre zweite internationale Medaille in dieser Saison geholt: Bronze beim European Cup in Celje, ihre Schwester fehlte ausnahmsweise mal. Daran gewöhnen möchten sich beide aber nicht. "Gemeinsam und ab und zu gegeneinander" - das passe gut. Auch wenn eine mal das Nachsehen hat.

© SZ vom 18.06.2016
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