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Judo-EM in Lissabon:"Ich trainiere wie ein Berserker"

21 02 2016 Mitsubishi Electric Hall Duesseldorf Judo Grand Prix Düsseldorf Duesseldorf 2016 Vo; Dario Kurbjeweit

"Ich war ein sehr wildes Kind": Dario Kurbjeweit Garcia (re.) hier beim Grand Prix in Düsseldorf im Duell gegen Dong Han Gwak, kam auch durch seine Mutter zum Judo.

(Foto: Conny Kurth/Imago)

Für den Wahl-Münchner Dario Kurbjeweit Garcia ist die Teilnahme an der Judo-Europameisterschaft der größte Moment seiner Karriere - die Namen seiner nächsten Gegner möchte der 26-Jährige am liebsten so spät wie möglich erfahren.

Von Celine Chorus, München

Die freien Monate hat Dario Kurbjeweit Garcia, 26, genutzt, um über seine Einstellung zum Judo nachzudenken. Ohne die Aussicht, sich auf der Matte messen zu können, fehlte ihm die Motivation, im Training an seine Grenzen zu gehen: "Das hat mir sehr auf das Gemüt gedrückt." Obwohl für die Athleten nicht abzusehen war, wie lange die Corona-Pandemie dauern würde, seien sie in die Situation gebracht worden, dass von ihnen verlangt wurde, für mögliche Turniere bereit zu sein: "Uns war aber bewusst, dass erst nur die Leute kämpfen würden, die für die Olympischen Spiele vorgesehen sind."

Seitdem ist das Judo um die Rückkehr zur Normalität bemüht, und mit konkreten Zielen vor Augen fällt es Kurbjeweit auch leichter, sich für die ausgedehnten Einheiten in der Halle zu begeistern: "Jetzt trainiere ich wie ein Berserker." Nachdem er Anfang März schon beim Grand-Slam-Turnier in Taschkent/Usbekistan angetreten ist, hat er seinen Blick inzwischen auf die Judo-EM in Lissabon gerichtet, die am Freitag begonnen hat: "Es ist das Highlight meiner Karriere. Dass ich bei der EM die Möglichkeit bekomme, mein Judo auf die Matte zu bringen, ist das Größte für mich."

In der Gewichtsklasse bis 100 Kilogramm wird Kurbjeweit (WRL 125) am Sonntag auf das ungarische Talent Zsombor Veg (60) treffen. In den folgenden Runden könnten in Zelym Kotsoiev (9) und Michael Korrel (3) noch schwerere Gegner warten. Um sich in der Vorbereitung nicht zu sehr ablenken zu lassen, wird sich Kurbjeweit allerdings erst am Samstag über seine Gegner informieren: "Damit ich nicht zu lange über den Kampf nachdenke, versuche ich, diesen Moment bis dahin hinauszuzögern."

Bei der EM möchte sich die zweite Reihe von der besten Seite zeigen

Dass er im deutschen Aufgebot für die EM stehen würde, hat Kurbjeweit erst zwei Wochen vor Abreise erfahren. Vor dem Grand-Slam-Turnier von Tiflis hatten sich sieben deutsche Athletinnen und Athleten mit Covid-19 infiziert. Deshalb war lange nicht abzuschätzen, wer dem Deutschen Judo-Bund (DJB) in Lissabon zur Verfügung stehen würde. Auch nach seiner Nominierung blieb Kurbjeweit nur das vergangene Wochenende, um sich bei einem Lehrgang in Köln auf die anderen Nationen einzustellen.

Bei der letzten EM hat das deutsche Aufgebot vier Medaillen (einmal Silber, dreimal Bronze) eingefahren. Mit einem solchen Erfolg ist in diesem Jahr aber eher nicht zu rechnen: Im Hinblick auf die Olympischen Sommerspiele verzichten viele Athleten aus der ersten Reihe auf eine EM-Teilnahme.

Seit 2014 trainiert Kurbjeweit am bayerischen Stützpunkt in München-Großhadern

Dass auch er die Chance erhalten würde, sich auf der großen Bühne zu präsentieren, hat Kurbjeweit im entfernten Sinne seiner Kindergärtnerin zu verdanken. Ohne sie wäre er im Alter von sechs Jahren wohl nicht von seiner Mutter beim Hamburger JT angemeldet worden. "Ich war ein sehr wildes Kind", erinnert er sich - und lacht: "Damals hat sie meine Mutter darauf aufmerksam gemacht, dass ich ein gutes Bewegungsgefühl habe und Judo vielleicht etwas für mich sein könnte."

2014 hat sich Kurbjeweit nach vielen Jahren in Hamburg entschieden, zu seinem Bundestrainer Richard Trautmann an den Stützpunkt nach München zu gehen und eine auf fünf Jahre gestreckte Berufsausbildung bei der Polizei in Dachau zu absolvieren. Der Abschied aus seiner Heimat habe sich jedoch angefühlt, "als würde ich meine Leute verlassen", weshalb Kurbjeweit in der Bundesliga auch weiterhin mit ihnen auf der Matte steht. "Das ist praktisch, weil ich dadurch einen Grund habe, nach Hamburg zu kommen und meine Familie zu besuchen."

In die Judo-Abteilung des TSV Großhadern gewechselt zu sein, hat sich wegen der "sehr guten Trainingssituation" gelohnt. In der Corona-Pandemie sei er ein bisschen näher an die nationale und internationale Konkurrenz herangekommen, findet Kurbjeweit. Durch die lange Pause sei ihm aber in erster Linie bewusst geworden, was ihm die direkten Vergleiche im Judo eigentlich bedeuten: "Alles, was ich tue, dreht sich nur darum, bei den Kämpfen gut abzuschneiden."

© SZ/sewi
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