bedeckt München

Interview mit Michael Wolf:"Mit ,Herr Manager' muss man mich nicht anreden"

Eishockey, DEL, 08.01.2021, EHC Red Bull München - ERC Ingolstadt Im Bild Geschäftsführer des EHC Red Bull München Chri; Eishockey

Soll (unter Einhaltung der Corona-Abstandsregeln) näher an Sportdirektor Christian Winkler (li.) heranrücken: Michael Wolf, rechts Anfang Januar während der Partie des EHC Red Bull München gegen Ingolstadt.

(Foto: Markus Fischer/Passion2Press/Imago)

Anzug statt Schlittschuh: Der Kapitän ist zurück und spricht über seine neuen Aufgaben beim EHC Red Bull München, die Folgen der Pandemie für den Sport und den Dauerrivalen Mannheim.

Von Johannes Schnitzler, München

"Echte Charaktere mit Erfahrung und Stallgeruch einzubinden, ist immer optimal": Ein Satz wie aus dem Stammbuch von Uli Hoeneß. Beim FC Bayern ist es seit Jahrzehnten Usus, verdiente ehemalige Profis in die Vereinsführung einzubauen; demnächst übernimmt Oliver Kahn den Vorstandsvorsitz von Karl-Heinz Rummenigge. Das Zitat stammt aber von Christian Winkler, Managing Director Sports beim Getränke- und Unterhaltungsriesen Red Bull, Abteilung Eishockey. Gemeint ist Michael Wolf. Der 40-jährige ehemalige Kapitän der deutschen Nationalmannschaft gewann mit den Münchnern drei Meistertitel. 2019 beendete er seine Profikarriere und widmete sich der Familie. Bis ihn Winkler vergangenen Dienstag gewissermaßen als seinen Junior-Manager vorstellte, zuständig für "Teamentwicklung, Scouting und Planung" beim EHC. Vor dem Spiel am Montag in Straubing meldet sich Wolf nach dem dritten Klingeln am Telefon.

SZ: Herr Wolf, zwei Jahre nach Ihrem Rücktritt als Spieler sind Sie als Manager zurück im Eishockey-Geschäft. Haben Sie es zu Hause nicht mehr ausgehalten - oder die Familie mit Ihnen?

Michael Wolf: Jetzt muss ich aufpassen, was ich sage ... (lacht) Nein, das war natürlich nicht der Grund, auch wenn ich vielleicht öfter zu Hause war als erwartet. Ich war die ganze Zeit immer eng mit Christian Winkler in Kontakt, so hat sich das ergeben.

Sie sollen Winkler unterstützen, der seit dieser Saison auch für das RB-Team in Salzburg verantwortlich ist. Scouting dürfte zurzeit schwierig sein. Was genau werden Ihre Aufgaben sein?

Für das Scouting muss man heute ja nicht mehr unbedingt vor Ort sein. Und nachdem Christian Winkler jetzt noch mehr Aufgaben hat als früher, gibt es sicher genügend zu tun und Dinge zu entwickeln.

Darf man das so verstehen, dass Sie als künftige Führungskraft aufgebaut werden sollen?

Ja. Aber das geht sicher nicht von heute auf morgen. Es gibt im Hintergrund wesentlich mehr Arbeit zu erledigen, als viele sich das vorstellen. Im Moment taste ich mich in diesen durchaus komplexen Aufgabenbereich hinein.

"Da kommt schon der eine oder andere Spruch aus der Mannschaft. Aber sie halten sich zurück, wahrscheinlich wegen meiner neuen Position..."

Wie nah werden Sie an der Mannschaft sein? Werden Sie im Training mit aufs Eis gehen?

Nein, natürlich nicht. Ich war jetzt bei ein paar Spielen dabei. Wir werden sehen, wie nah ich an der Mannschaft sein werde.

Mit einigen Spielern standen Sie selbst noch auf dem Eis. Haben Sie jetzt bei Ihrer Rückkehr, im Anzug statt auf Schlittschuhen, freche Sprüche abbekommen?

Das ist schon komisch. Ich kenne ja noch relativ viele Spieler. Es hat sich beinahe so angefühlt, als wäre ich nie weg gewesen, obwohl es ja doch zwei Jahre waren. Da kommt schon auch der eine oder andere Spruch. Aber sie halten sich zurück, wahrscheinlich wegen meiner neuen Position ... (lacht).

Sie sind jetzt schließlich eine Respektperson, ein "Herr Manager".

So muss man mich nicht anreden. Was das angeht, werde ich mich nicht groß ändern.

Das vergangene Jahr war von der Diskussion um Corona, den Saisonabbruch und die Folgen der Pandemie dominiert. Alle Klubs haben sich mit ihren Profis auf einen Gehaltsverzicht von bis zu 60 Prozent geeinigt. In München sollen die Verträge weitgehend unangetastet geblieben sein, wofür es aus der Deutschen Eishockey Liga auch Kritik gab: Red Bull verhalte sich "unsolidarisch". Wie haben Sie aus Ihrer relativen Distanz die Debatte verfolgt?

Corona hat alle hart getroffen, auch den Sport. Ich habe die Diskussionen natürlich aus der Distanz verfolgt, wie viele andere auch. Ich möchte jetzt aber nach vorne blicken und nicht zurückschauen. Letztlich hat es die Deutsche Eishockey Liga geschafft, ihren Spielbetrieb mit allen Klubs zu starten. Und bislang läuft es in Anbetracht der Umstände nahezu perfekt.

Die Diskussion um den Gehaltsverzicht mündete in die Gründung der Spielervereinigung Eishockey, der lange geforderten Interessenvertretung der Profis. Wurden Sie gefragt, sich dort zu engagieren, sind Sie selbst Mitglied?

Nein. Ich habe das auch nur aus der Presse erfahren. Sicherlich finden viele Spieler es gut, dass eine solche Vereinigung mit einem ehemaligen Spieler wie Alexander Sulzer als Sprecher die Interessen der Profis vertritt. Aber da liegt noch viel Arbeit und ein langer Weg vor ihr.

Ice hockey Eishockey DEL RB Muenchen end of season party MUNICH GERMANY 01 MAY 19 ICE HOCKEY; Eishockey

Michael Wolf, 40, hat 782 Spiele in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) gemacht. Mit 337 Treffern ist er nach dem noch aktiven Patrick Reimer (Nürnberg/359) der zweitbeste Torschütze der DEL-Geschichte. Für die deutsche Nationalmannschaft spielte Wolf 152 Mal (52 Tore), unter anderem bei sieben Weltmeisterschaften und den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver. Mit dem EHC Red Bull München wurde er 2016, '17 und '18 dreimal nacheinander deutscher Meister und erreichte 2019 das Finale der Champions League (1:3 gegen Frölunda). Nach der DEL-Finalserie 2019 gegen Mannheim (1:4) beendete er seine Karriere. Wolf lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Füssen, wo die Familie ein Schuhgeschäft betreibt.

(Foto: M. Engelbrecht/GEPA pictures/Imago)

Wie wirkt sich die Pandemie Ihrer Meinung nach auf die Liga, den Nachwuchs und die Nationalmannschaft aus?

Das sind viele Baustellen. Gerade die Kinder, die nicht auf dem Eis trainieren können, trifft es hart. Wir müssen abwarten, welche Auswirkungen das auf kommende Jahrgänge haben wird. Auch der Profibereich hat sich verändert. Ich glaube, die Spieler haben sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass keine Zuschauer im Stadion sind. Emotionen sind ein wichtiger Teil des Spiels. Es wird Zeit, dass die Fans wieder in die Stadien dürfen, ich hoffe, dass das bald wieder möglich sein wird.

Bundestrainer Toni Söderholm, Ihr ehemaliger Teamkollege in München, hat seit einem Jahr keine Maßnahme mehr wie geplant abhalten können. Welche Probleme sehen Sie auf die Nationalmannschaft zukommen?

Alle Nationen haben grundsätzlich dasselbe Probleme. Für Toni ist die Situation aber sicher nicht einfach. Wir haben ein paar Mal telefoniert und auch darüber gesprochen. Aber jetzt müssen wir mal abwarten, ob und wann die nächste WM in Lettland wirklich stattfindet.

Befürchten Sie, dass die schönen positiven Effekte für die Sportart, etwa durch Leon Draisaitls Erfolge in der vergangenen Saison als MVP und Topscorer der NHL, wirkungslos verpuffen?

Verpuffen werden sie sicher nicht. Natürlich sind die Effekte nicht so direkt wie sonst spürbar. Aber was die Jungs da drüben machen, allen voran Leon Draisaitl, der jetzt schon wieder Zweiter in der Scorerliste ist hinter Connor McDavid, das bekommen die Kinder schon mit.

Und jetzt hat er auch noch Dominik Kahun an seiner Seite, Ihren langjährigen Teamgefährten in München.

Bei Dominiks Qualität ist es nur eine Frage der Zeit, bis er dem Spiel seinen Stempel noch mehr aufdrückt.

"Man muss sehr großen Respekt haben vor Mannheim. Aber wir müssen uns sicher nicht verstecken."

Zur Saison 2022/23 will der EHC Red Bull München mit dem neuen Stadion im Olympiapark eine Ära einläuten. Was erwarten Sie sich von der Arena?

Das wird überragend. Mit dem SAP Garden kommt etwas ganz Tolles nach München, das wird ein super Stadion. Wir freuen uns alle riesig darauf.

SAP ist Hauptsponsor des größten Konkurrenten in der DEL, der Adler Mannheim, die im Moment einen sehr stabilen Eindruck machen. Kann München in dieser Saison Mannheim den Titel streitig machen?

Mannheim sieht tatsächlich sehr gut aus. Aber im Magentasport-Cup hat München Mannheim geschlagen. Gut, die letzten Duelle hat München verloren, aber vor allem das letzte (4:5 nach 1:5-Rückstand, Anm. d. Red.) war insbesondere im dritten Drittel schon wieder sehr gut. Auch das 5:2 in Augsburg. Man muss schon sehr großen Respekt haben vor Mannheim. Aber wir müssen uns sicher nicht verstecken.

© SZ/lib
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema