Süddeutsche Zeitung

Interview:"Bei manchen Spielern war am Anfang eine gewisse Skepsis"

Fabian Hürzeler, 28, ehemaliger Spielertrainer des FC Pipinsried, ist seit dieser Saison Teil des jüngsten Trainergespanns, das der Zweitligist FC St. Pauli je hatte. Ein Gespräch über Kultvereine, Kathi Höß und Scherze über seine Kartenstatistik.

Von Thomas Hürner, Hamburg / Pipinsried

Farbe bekennen auf dem Kiez, das geht bekanntlich ziemlich einfach. Und zwar mit strengem Verzicht auf Farben: Fabian Hürzeler trägt ein schwarzes T-Shirt mit dem berühmten Totenkopf-Symbol auf der Brust - die Dienstkleidung des FC St. Pauli, wo der frühere Spielertrainer des FC Pipinsried seit Saisonbeginn als Co-Trainer arbeitet. Von der Provinz an die Elbmetropole, das klingt nach einem großen Schritt. Seit kurzem gilt das umso mehr: In der Rückrunde war kein Zweitliga-Team erfolgreicher als der Kiezklub.

SZ: Herr Hürzeler, die Frage drängt sich geradezu auf: Haben Sie in Hamburg schon eine Fischsemmel gegessen, die an die legendären Fischsemmeln von Kathi Höß, der Gattin des noch legendäreren FCP-Präsidenten Konrad Höß, heran reicht?

Fabian Hürzeler: Zeit für ein Geständnis: Ich habe in Pipinsried keine einzige von Kathis Fischsemmeln gegessen, obwohl viel darüber geschwärmt wurde. Ist kulinarisch nicht so mein Fall. Ich habe immer größten Wert auf ihre Würstchen und Pommes gelegt!

Kathi Höß ist vor knapp zwei Monaten nach langer Krankheit verstorben. Wie haben Sie von der traurigen Nachricht erfahren?

Ich habe mit ihrem Mann Conny und ihrem Sohn Reinhard noch engen Kontakt, im ersten Moment war das natürlich ein großer Schock.

Sie hat sich beim FC Pipinsried bekanntlich nicht nur um das leibliche Wohl aller Beteiligten gekümmert.

Kathi war auch für mich immer eine enge Bezugsperson in Pipinsried. Sie war für die Mannschaft nach dem Training da, hat sich um alles drumherum gekümmert. Sie war immer voller Leidenschaft dabei, bei jedem Spiel, bei jedem Training. In München und Umgebung war die Anteilnahme riesig.

Gibt es eine besondere Erinnerung an Kathi Höß?

Nach dem Aufstieg in die Regionalliga, als wir das Relegationsspiel gegen Greuther Fürth II gewonnen haben, gab es einen Empfang im Vereinsheim. Kathi war die erste Empfangsdame. Sie stand da mit Freudentränen im Gesicht. Für mich war das ein richtiger Gänsehautmoment, weil ich wusste: Jetzt haben wir geschafft, woran die Familie Höß so lange gearbeitet hat.

Vor dem Wechsel 2016 nach Pipinsried haben Sie in der Jugend des FC Bayern und in den zweiten Mannschaften von 1860 München und Hoffenheim gespielt. Eine Profilaufbahn war stets Ihr Ziel, und dann ein 500-Seelen-Dorfklub. Wie waren Ihre Eindrücke?

Als ich die ersten Male über die Dörfer nach Pipinsried gefahren bin, war ich mir nicht sicher, ob es das Richtige für mich ist. Auch der Verein war nicht so professionell, wie ich das gekannt hatte. Wir haben uns das nach und nach erarbeitet und versucht, das Bestmögliche zu machen. Kein Besprechungsraum für die Mannschaft? Kein Problem. Dann haben wir uns den einfach selbst ins Dachgeschoss des Vereinsheims reingebaut.

Klingt nach Bolzplatzromantik.

Wir hatten ein extrem familiäres Verhältnis bei Pipi. Nach jedem Training saßen wir im Vereinsheim, haben Karten gespielt, Kathis Würstchen gegessen. Es stimmt schon: Da ist ein Gefühl von Gemeinschaft und Verbundenheit entstanden, wie es woanders kaum möglich gewesen wäre.

Seit dieser Saison arbeiten Sie nun als Co-Trainer des Zweitligisten FC St. Pauli. Pipi und Pauli gelten auf ihre Weise als Kultklubs. Gibt es Parallelen?

Bei Pipi waren wir das gallische Dorf, der Underdog. Wir gegen die Großen. Ein bisschen ist das bei St. Pauli auch so, damit kann ich mich voll identifizieren.

Sie haben Pipinsried als große Familie beschrieben. Den Eindruck vermittelt auch der FC St. Pauli. Ist da was dran?

Wenn ich mich auf eine Gemeinsamkeit zwischen den beiden Klubs festlegen müsste, wäre es genau das. Klar, hier in Hamburg ist alles nochmal größer und professioneller. Aber der Umgang miteinander ist quasi derselbe. Alle sind offen, zugewandt, geerdet.

Conny Höß, der frühere Präsident und Macher des FC Pipinsried, ist ein überzeugter Förderer von jungen Trainertalenten.

Ich war gerade einmal 22 Jahre alt, als er mich zum Spielertrainer machte. Es war mutig und ein Risiko. Deshalb verspüre ich tiefe Dankbarkeit, dass er mir diese Chance gegeben hat.

Höß gilt aber auch als eigenwilliger Patriarch.

Er ist halt direkt, da geht nix über drei Ecken. Es gibt den Spruch: Die Wahrheit kann manchmal böse sein. In dem Moment tat seine Kritik auch mal weh und irgendwann habe ich gemerkt, dass er auch meine Entwicklung vorantreiben wollte. Ab diesem Zeitpunkt waren unsere Gespräche extrem hilfreich für mich.

Das gab sicher auch Dispute?

Je höher es ging, desto professioneller wollten wir es im Trainerteam haben. Conny vertritt eher die alte Schule. Der zwischenmenschliche Bereich hat aber nicht darunter gelitten.

St. Pauli steht für Werte wie alternativ, links, progressiv. Sie sind gebürtiger Texaner, im strukturkonservativen Bayern aufgewachsen, wie passt das?

Zu hundert Prozent! Es ist ja bekannt, dass sich St. Pauli gegen Rassismus, Homophobie, Faschismus und Diskriminierung einsetzt. Als Stadtteilklub ist sich der Verein seiner sozialen Verantwortung gegenüber den dort lebenden Menschen bewusst. Damit kann ich mich voll und ganz identifizieren.

Sie haben vor drei Jahren bei St. Pauli im Nachwuchs hospitiert, wo Sie auch Cheftrainer Timo Schultz kennengelernt haben. War das der Türöffner?

Wir haben uns seitdem regelmäßig per Whatsapp ausgetauscht, über Inhalte, aber auch mal nur ein "Na, wie geht's?". Bei der Hospitanz haben wir gemerkt, dass wir fachlich ähnliche Ansichten haben. Menschlich waren wir sofort auf einer Wellenlänge.

Über so eine Handynachricht kam auch der Job auf St. Pauli zustande.

Ich hatte gelesen, dass er Cheftrainer wird, und da hab' ich ihm viel Erfolg gewünscht. Ohne irgendwelche Hintergedanken. Er hat mich dann gleich gefragt, was ich denn ab Sommer so mache. Bei Pipinsried hatte ich gerade meinen Abschied bekannt gegeben, dann ging alles ziemlich schnell. Wir haben besprochen, wo er noch Bedarf im Trainerstab hat und das mit meinen Ambitionen und Stärken verglichen. Es passte.

Gemeinsam mit Loïc Favé, 27, der in Hamburg als großes Trainer-Talent gilt, bilden Sie jetzt ein junges Co-Trainer-Duo und gemeinsam mit Chefcoach Schultz, 43, das jüngste Trainergespann, das auf St. Pauli je gearbeitet hat. Was erhofft sich der Chef für Impulse?

Fleiß, Demut, Leidenschaft - ich glaube das sind die drei wichtigsten Grundsätze. Und dafür stehen wir.

Dafür könnten aber auch drei 64-Jährige stehen.

Wir wollen Authentizität verkörpern. Bei gleichzeitig möglichst wenig Gelaber und Machtgehabe soll jeder Spieler das Gefühl haben, dass wir ihn täglich besser machen wollen. Es liegt daher schon nahe, dass bei dieser Konstellation auch mit reinspielt, für was der Klub in den nächsten Jahren stehen will: Jugend, eine gewisse Wildheit, Dynamik.

Sie waren zuvor Spielertrainer eines kleinen Bayernligisten. Wie war das für Sie, als Sie bei St. Pauli dann namhaften Profis als Autoritätsperson gegenüberstanden?

Für mich selbst war das keine große Umstellung. Auch in Pipinsried hatten wir ein paar Ex-Bundesligaspieler, Akteure mit großen Karrieren, viel Potenzial und Ambitionen. Die Charaktere unterscheiden sich kaum. Unsere Philosophie ist, den Spielern das Gefühl zu geben, dass sie nicht einfach nur funktionieren müssen wie Maschinen. Ich glaube, das ist auch bei bekannten Namen wie Guido Burgstaller oder James Lawrence ziemlich gut angekommen.

Und andersrum? Sie waren für die Spieler ja ein junger Kerl, der vom Dorf kommt.

Ich glaube schon, dass da bei manchen Spielern am Anfang eine gewisse Skepsis war. Zum Beispiel einer wie Tore Reginiussen, der war früher Nationalspielspieler Norwegens. Wenn ich den in meinen ersten Tagen hier gefragt hätte, was er glaubt, was ich hier eigentlich so mache, hätte er sicher auf Physio oder Zeugwart getippt. Aber wenn die Jungs merken, dass Kompetenz dahintersteckt und ich mich für sie als Menschen interessiere, spielt das keine Rolle mehr.

Und wie findet man sich in diesen Zeiten in einem neuen Gefüge ein? Eine Kneipentour auf dem Kiez ist schwer möglich gewesen.

Wir haben hier eine total homogene Truppe, die sich untereinander eh schon super verstanden hat. Entsprechend war das eine sehr entspannte Einführungsphase, statt in der Kneipe haben wir einfach auf dem Trainingsgelände geredet. Und ein kleines Teamevent hat es im Sommer trotzdem gegeben: Stand-Up-Paddling auf der Alster - mit Corona-Abstand.

Bis vor kurzem standen Sie selbst noch als Spielertrainer auf dem Platz. Was können Sie aus dieser Rolle heraus jetzt einbringen?

Ich glaube, dass ich die Sprache der Spieler spreche, so abgedroschen das klingen mag. Ich war als Spieler nah dran am Profigeschäft, dann war ich ein spielender Trainer. Diese Mischung gibt es nicht häufig im Profigeschäft.

Haben Sie der Mannschaft eigentlich schon von Ihrer Kartenstatistik bei Pipinsried berichtet?

Das war natürlich der erste Witz, der im Trainingslager über mich gemacht wurde. Wir haben ein Quiz gespielt, ein Ratespiel, und einer aus dem Team hat vorne auf das Flipchart eine Zahlenkombination geschrieben. 43-5-3, stand da, glaube ich.

Kurze Intervention: In 87 Spielen waren es sagenhafte 46 gelbe, fünf gelb-rote und eine rote Karte.

Wie auch immer! Es wurde jedenfalls schnell klar, dass des Rätsels Lösung meine Kartenstatistik war. Meine Zweikampfführung war auch kein großes Geheimnis, weil ich gegen ein paar Jungs hier früher auch schon direkt gespielt habe. Das spricht sich rum.

Es könnte also ruppig werden, wenn Sie im Trainingsspiel mitkicken?

Ich bin glücklicherweise im Alter schneller geworden, Grätschen von hinten sind also nicht mehr nötig. Aber im Ernst: Da reiße mich natürlich schon zusammen.

Leute, die Sie als Spieler in Pipinsried gesehen haben, brauchen vermutlich jetzt ein bisschen Fantasie bei der Vorstellung: Fabian Hürzeler, der kühle und sachliche Analyst.

Da braucht es wirklich Fantasie. Denn das bin ich einfach nicht. Ich bin kein Laptop-Trainer, kein Theoretiker. Das habe ich zwar öfter schon über mich gelesen, die These kann ich aber nicht unterstreichen. Ich bin halt emotional. Und Emotionalität lässt sich auch mit Inhalten kombinieren.

Sie gelten als Fußball-Besessener. Was war denn das letzte Spiel, bei dem Ihr Umfeld nicht verstanden hat, warum Sie das jetzt anschauen wollen?

Ich wohne hier in Hamburg in einer WG mit ein paar fußballverrückten Jungs, da können wir uns meistens schnell über das Programm einigen. Manchmal kommt einer auf die Idee, einen Film vorzuschlagen, dann gibt es schon mal Klagen, ob wir wieder Fußball gucken müssen. Bei Atalanta gegen Inter waren sie kürzlich nicht so begeistert. Aber ich liebe nun mal den italienischen Fußball und seine taktischen Spielereien. Okay, bei Galatasaray gegen Basaksehir war der Protest nicht ganz unberechtigt.

In der WG wohnt auch der U19-Coach des Landesligisten Eimsbütteler TV, für den Sie nebenher ein bisschen kicken wollten. Das war aufgrund der Pandemie lange nicht möglich. Wie sehr fehlt Ihnen das?

Es war eine schöne Abwechslung und hat richtig Spaß gemacht. In meinen zwei Einsätzen habe ich übrigens keine Karte bekommen! Sobald es wieder geht, werde ich so oft mitspielen, wie es mit meinem Job bei St. Pauli zu vereinbaren ist.

Das Millerntor-Stadion gilt als eine der kultigsten und atmosphärisch beeindruckendsten Spielstätten der Republik. Sie sind jetzt ein Dreivierteljahr Trainer und haben es noch nie ausverkauft erlebt. Wie sehr schmerzt das?

Unglaublich. Natürlich habe ich sofort dran gedacht, als ich hierher gekommen bin. Beim ersten Heimspiel waren noch knapp 2000 Zuschauer erlaubt. Da haben die Jungs eine Runde durchs Stadion gedreht, auf einmal standen alle und haben geschrien: St. Pauli! St. Pauli! St. Pauli! Ich hatte sofort Gänsehaut, das war ein richtiger Aha-Moment: Das geht also ab, wenn das Ding mal ausverkauft ist.

Oder nach dem Derbysieg gegen den Hamburger SV, als auf dem Kiez im wahrsten Sinne des Wortes ein Feuerwerk abgebrannt wurde.

Das war sensationell. Beim Anpfiff und nach dem Schlusspfiff stiegen Raketen in die Luft, der Himmel war minutenlang hell. Und das war ja nur die Light-Version.

Als Trainer bei Pipinsried haben Sie mal gesagt, Ihr Ziel sei es, eines Tages eine Champions-League-Mannschaft zu trainieren.

Für den Satz habe ich damals richtig Rüffel bekommen. Ich war ein paar Jahre jünger, und naiv. Die Gegenwart ist, dass ich einen geilen Job bei einem einzigartigen und ambitionierten Zweitligisten habe. Und in Zukunft, mal sehen, das hat Zeit. Auf jeden Fall bin ich sehr ehrgeizig.

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