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Hockey:Treffer, versenkt

Tristesse an der Eberwurzstraße: Die Klubs fühlen sich, als habe man ihnen den Stuhl vor die Tür gestellt.

(Foto: Robert Haas)

Die Absage an das geplante Leistungszentrum schockiert die Szene in München und Bayern

Er sei eingeladen, sagt Michael Bork, Ende Oktober in die Bayerische Staatskanzlei, wo die Medaillengewinner der Olympischen Spiele aus dem Freistaat geehrt werden. An sich eine schöne Veranstaltung, doch so richtig kann Bork sich darauf nicht freuen. Er ist enttäuscht, sieht die Grundlage für künftige bayerische Medaillenträger in seiner Sportart akut gefährdet. "Es ist schon ärgerlich, dass man sich mit den Sportlern ablichten lassen, aber vorher nichts tun will", sagt er. Bork ist Schatzmeister beim Bayerischen Hockey-Verband (BHV), und sein Unmut ist durchaus begründet.

Wie viele andere Hockey-Funktionäre wurde auch Bork am Mittwoch von der Ablehnung des an der Münchner Eberwurzstraße geplanten Hockeyleistungszentrums durch den Stadtrat überrascht. Seit Jahren war die Anlage in Planung, weil die Münchner Klubs inzwischen weit mehr Mitglieder haben, als ihre Trainingsplätze fassen können. Gerade in der Hallensaison wissen die Vereine oft nicht, wohin mit ihren Mannschaften. 2011 erklärte die Stadt daher ihre Absicht, auf dem Gelände des Münchner Sportclubs (MSC) ein neues Leistungszentrum zu errichten. Weil der Verein die nötige Selbstbeteiligung nicht stemmen konnte, gliederte er das Areal aus seinem Erbpachtgrundstück aus und legte das Projekt in die Hände von Stadt und BHV. "Wir hatten ein Konzept, das von allen für tragfähig befunden und tags darauf ohne Anhörung der Leute, die es geplant haben, gekippt wurde - das ist schon sehr eigenartig", sagt Bork. Er könne die Stadt "aber durchaus verstehen, wenn sie sagt, dass sich das Land auf eine Position zurückzieht, mit der die Stadt nicht arbeiten kann". Die Projektplaner haben für die Kommune Kosten errechnet, die sie nicht "in die Leistungssportförderung einer Sportart stecken" könne, wie Stadträtin Ulrike Grimm, stellvertretende Sprecherin der CSU-Fraktion im Sportausschuss, erklärt. Als Baugesamtkosten waren zwölf Millionen Euro veranschlagt, Bund und Freistaat hatten Zuschüsse in Höhe von je 1,5 Millionen Euro zugesagt. Dem Stadtrat aber war das wohl zu wenig. "Es kann schon sein, dass das Ergebnis als Denkzettel gedacht war, weil die Stadt das nicht alleine stemmen kann", meint Bork. "Aber wir haben da acht Jahre Zeit investiert. Es wäre schön gewesen, sich noch mal mit uns zusammenzusetzen und zu überlegen, wie wir da weiterkommen." Michael Nahr, der zweite Vorsitzende des MSC, sagt: "Mich schockiert die Rigorosität, mit der das Vorhaben abgeschmettert wurde. In der Sitzungsvorlage steht: ,Das Projekt ist einzustellen'." Immerhin habe die Stadt bereits Geld ausgegeben, Planer beauftragt.

"Wir sind sehr verärgert, sauer und traurig", sagt BHV-Präsident Harry Schenavsky. "Wenn eine kleine Sportart keine geeigneten Trainingsstätten hat, kann sie nicht erfolgreich sein." Die Situation in München sei prekär, betont Bork: "Wir fangen bei manchen Altersklassen wegen der Schule erst ab 16 Uhr an, die Anrainer wollen das Flutlicht um 22 Uhr aus haben, und später kann man selbst Erwachsenen im Grunde kein Training mehr zumuten."

Philipp Crone, Hockey-Abteilungsleiter beim Regionalligisten Rot-Weiß München, bestätigt die Probleme: "Es geht nicht nur uns so, dass wir aus allen Nähten platzen. Wir haben doppelt so viele Mitglieder wie vor zehn Jahren - bei gleicher Platzkapazität und weniger Hallenzeiten." Erfolge wie die zwei Bronze-Medaillen der deutschen Hockey-Mannschaften in Rio de Janeiro seien aufgrund der Professionalität der Gegner bereits "unglaublich stark", sagt Crone. Die Konkurrenz habe inzwischen Strukturen in einer Größenordnung, die "Hockey in Deutschland nicht mal ansatzweise leisten kann". Crone ist deshalb überzeugt: "Wenn man trotzdem diese Erfolge bei Olympia weiter möchte, braucht man eben auch ein Leistungszentrum in einer Stadt wie München." Auch dem ewigen Vorwurf, keine Sport-, sondern eine Fußballstadt zu sein, trete "man mit solchen Entscheidungen natürlich nicht entgegen".

Die Stadtratsfraktionen von SPD und CSU haben die Verantwortung mit ihrem Beschluss weitergeschoben. Das Sportamt hat nun den Auftrag, gemeinsam mit dem MSC Perspektiven für die Nutzung des brach liegenden Areals an der Eberwurzstraße zu erarbeiten. "Die Zeit drängt. Seit zehn Jahren gibt es diese Ruine. Da muss jetzt etwas passieren, das sind wir unseren Mitgliedern schuldig", sagt Nahr, der hofft, das Projekt doch noch irgendwie realisieren zu können: "Der Tanker lief schon in den Hafen ein, und dann kam ein U-Boot und hat ihn zerstört. Aber ich bin vorsichtig optimistisch, dass wir ihn noch heben können." Die Stadt jedenfalls will er gerne als Partner behalten. Er muss. "Wir haben keine finanziellen Rücklagen, um das selbst zu bauen."