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Hockey:Rechnen statt Rückrunde

"Eine faire Entscheidung kann es eigentlich nicht geben, es wird eine Vernunftentscheidung werden": MSC-Trainer Patrick Fritsche.

(Foto: Claus Schunk)

Die Hockey-Männer des Münchner Sportclubs trauern nach ihrer erfolgreichen Vorbereitung und dem kurzfristig beschlossenen Saisonabbruch um die vergebene Chance, sportlich aufzusteigen.

Von Katrin Freiburghaus, München

Man kann Patrick Fritsche nicht vorwerfen, nicht alles versucht zu haben, um sein Team vor dem Beginn der Zweitliga-Aufstiegsrunde von schlechten Nachrichten abzuschirmen. Der Fokus, die Stimmung, die Spannung - all das wähnte der Trainer der Münchner Hockey-Männer vor dem vergangenen Wochenende aufgrund der schwelenden Dauerfrage, ob spielplangemäß gespielt werden würde, in Gefahr. Am Donnerstagabend fand das Abschlusstraining deshalb ohne bange Gedanken statt - die hatte sich Fritsche allein gemacht. Bei allem, was am späteren Abend folgte, war Kommunikationsstrategie jedoch Makulatur: Manche Nachricht wird schlicht nicht besser davon, dass man sie in Optimismus verpackt.

Kurz nach dem Training habe er erfahren, dass die Saison abgebrochen wird, sagt Fritsche. Der 31-Jährige fügt Informationen, denen keine positive Komponente abzuringen ist, meist zumindest etwas Progressives hinzu. Angesichts der unklaren Situation fällt das jedoch schwer. Denn während die MSC-Frauen am Samstag ihren Verbleib in der ersten Liga feierten, war klar, dass die Männer ihr Saisonziel Aufstieg nicht mehr sportlich erreichen können. Es gibt allerlei Rechenmodelle, nach denen entweder Frankfurt oder der MSC aufsteigen würden. Viel wird davon abhängen, ob die Tabellen der bereits begonnenen Aufstiegsrunde oder die nach der Rückrunde 2020 gewertet wird. Zwar liegt der MSC in beiden knapp hinter Frankfurt, in der Aufstiegsrunde allerdings mit einem Spiel weniger und daher laut Koeffizient vorn.

Möglich ist auch, dass etwas ganz anderes gewertet wird. Oder gar nichts. Ein Abbruch war beim Deutschen Hockey-Bund (DHB) sehr offensichtlich nicht vorgesehen. Fritsche zuckt mit den Schultern, und sagt: "Eine faire Entscheidung kann es eigentlich nicht geben, es wird eine Vernunftentscheidung werden." Er lächelt tapfer dazu, obwohl er weiß, dass Vernunft aus Verbandssicht im Zweifel Klub-Interessen sticht.

Für den MSC bedeutet die Entscheidung bereits jetzt, dass die Vorbereitung umsonst war

Die Gründe für die Entwicklung sind wie so oft komplex, wenn Amateursport unter dem Etikett Profisport firmiert, dessen Privilegien aber nur teilweise genießt. Die zweiten Bundesligen spielen zweigleisig, was in puncto Pandemiebekämpfung zu regional stark variierenden Vorgaben und damit unterschiedlichen Situationen in den Staffeln führt. Da der DHB eine einheitliche Regelung für alle favorisierte und in Berlin unterhalb der ersten Ligen derzeit weder trainiert noch gespielt werden darf, blieb im Grunde einzig der sofortige Abbruch übrig.

Die vom DHB-Präsidium eingesetzte "Task-Force Bundesliga" hatte bereits vor einigen Wochen ein Stimmungsbild der Zweitligisten eingeholt, die sich damals mehrheitlich für eine Fortsetzung der Saison ausgesprochen hatten. Auch nach der am Donnerstag eilig erneut eingeholten Einschätzung der Teams war eine - knappere - Mehrheit für eine Fortführung gewesen. Die Task-Force empfahl dem DHB-Sportausschuss dennoch den Abbruch. Dazu, ob und wie die ohnehin schon auf zwei Jahre gestreckte Spielzeit gewertet wird, soll die Task-Force von dieser Woche an Vorschläge erarbeiten.

Für den MSC bedeutet die Entscheidung bereits jetzt, dass die Vorbereitung umsonst war, weil Gremien darüber entscheiden werden, ob ihre sportliche Entwicklung mit dem Aufstieg belohnt wird oder nicht. Der MSC lieferte sich mit Frankfurt zuletzt ein Duell auf Augenhöhe; in der aus den besten fünf Teams bestehenden Aufstiegsrunde der Süd-Staffel hätten noch zwei direkte Vergleiche angestanden. Die bittere Erkenntnis der vergangenen Woche ist: Aus dem anderthalb Jahre beschworenen Traum vom umjubelten Aufstieg wird nichts werden. Es geht jetzt um die Frage, wie böse das Erwachen wird.

Tatsächlich hätte eine Wertung zu Ungunsten des MSC unter Umständen weitreichende Folgen. Das junge Team entwickelte sich in den als Hin- und Rückrunde bewerteten Herbst-Serien 2019 und 2020 spielerisch stark und erarbeitete sich 2020 genug Disziplin, um den Erstliga-Aufstieg realistisch ins Auge zu fassen. Das Problem daran ist, dass um diese Entwicklung auch die Spieler selbst sowie andere Klubs wissen. Die Wahrscheinlichkeit, dass einige Spieler auch ohne den MSC in die erste Liga aufsteigen würden, ist hoch. Zumal ein erneuter Anlauf nach einem unverschuldet verpassten Aufstieg auch ein psychologisch schwieriges Unterfangen ist.

© SZ/sewi
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