bedeckt München 27°

Hockey:Die Lücke schließt sich

"Ins kalte Wasser geworfen": Daniel Schellinger, 18, aufstrebendes Abwehrtalent des Münchner SC.

(Foto: Barbara Förster/oh)

Der Münchner SC gewinnt sein Hallen-Auftaktmatch in der ersten Bundesliga gegen Mannheim - auch weil er Talente wie Daniel Schellinger erfolgreich integriert

Der Auftaktsieg in der Hallen-Bundesliga am vergangenen Samstag hatte für die Hockey-Männer des Münchner Sportclubs beinahe historischen Wert. Mit drei Punkten in die Saison zu starten, war ihnen das letzte Mal vor sechs Jahren geglückt. Am 8:5 gegen den TSV Mannheim stimmte aber nicht nur das Ergebnis. Nach einer jahrelangen Durststrecke, während derer die MSC-Verantwortlichen stets um Geduld gebeten hatten, sinken die Altersangaben hinter den Namen auf der Spielerliste wieder - und zwar drastisch.

Auf dem Feld ist die Verjüngung der Mannschaft bereits seit einer ganzen Weile zu besichtigen. Dass sie nun auch im deutlich kleineren Hallenkader stattfindet, belegt, dass die Nachwuchskräfte nicht mehr nur bei den Arrivierten mitspielen, sondern selbst auf Bundesliga-Niveau angekommen sind. Das Spiel in der Halle ist schneller, das kleine Feld verzeiht kaum Fehler. Zudem stehen neben dem Torhüter lediglich fünf Spieler auf dem Feld. Wer es unter Trainer Stefan Kermas bis dorthin schafft, hat die Grenze vom Ergänzungs- zum Stammspieler überschritten.

Daniel Schellinger gelang das am vergangenen Wochenende. Der 18-Jährige kam in der fünften Minute ins Spiel und illustrierte in den folgenden drei Minuten jene Themen, die den MSC in puncto Kaderentwicklung umtreiben. Da war zunächst Schellingers erfahrener Abwehrpartner, mit dem er sich den Ball hin- und herpasste: Nikolai Duda, ruhig, souverän, seit einem guten Jahrzehnt nicht wegzudenken aus der MSC-Defensive. Mittlerweile aber auch: berufstätig, Familienvater - und ohnehin doppelt so alt wie Schellinger. Auch die anderen beiden Defensivspezialisten, Kapitän Felix Greffenius und der regelmäßig für die kurze Hallenserie reaktivierte Lars Löhle, sind bereits über dreißig. Beim Hockey bedeutet das für einen Trainer, dass er sich in jedem Sommer mit potenziellen Verabschiedungen befassen muss.

Kermas bestätigt, dass diese personelle Lücke in der Defensive am deutlichsten zu sehen sei. Der MSC hatte bis vor ein paar Jahren ein massives Nachwuchsproblem, weil es zu wenige Spieler ins Spitzensegment schafften. Es ist deshalb kein Zufall, dass kaum Mittzwanziger im Kader stehen. Dass sich die Lücke zumindest qualitativ schließt, liegt an Spielern wie Sebastian Kirschbaum, 21, oder Michael Hummel, 19, die bereits Leistungsträger sind.

Der Offensivkraft Hummel attestierte Kermas am Samstag ein "überragendes Spiel" - in seiner zweiten Hallensaison. "Der war in der letzten Saison noch elfter Mann und kam nur für ein paar Minuten von der Bank", sagte Greffenius, "an ihm kann man deutlich sehen, wie gut es jungen Spielern tut, nah dabei zu sein." Auf denselben Effekt hofft Kermas nun auch bei Schellinger, dessen Zwillingsbruder Christian und seinen Altersgenossen. Denn abgeschlossen ist deren Entwicklung keineswegs: Schellinger bereitete in der achten Minute das 1:0 vor - kurz zuvor war ihm allerdings der Ball versprungen und beim Gegner gelandet. "Wir haben Daniel ins kalte Wasser geworfen, und auch ein guter Spieler wie er hat beim Debüt in der Halle Probleme", sagte Kermas, "das ist genau richtig, denn daran wächst er."

Noch geht das in geschütztem Umfeld. Allerdings weiß niemand, ob Duda und Greffenius kommende Saison noch spielen. Beide liebäugeln mit dem Ende ihrer Laufbahn, die Entscheidung darüber steht noch aus. Es ist also womöglich die letzte Gelegenheit, sich noch so viel wie möglich von ihnen abzuschauen - und für den MSC die letzte Chance, nicht mit einer komplett neuen Abwehr in der ersten Liga anzutreten. Schellinger kämpfte sich gegen Mannheim zwischen Duda, Löhle und Greffenius in die Partie hinein. "Er ist defensiv immer stabiler geworden. Offensiv hatte er noch nicht die Aktionen, die wir uns von ihm erhoffen, aber das muss er im ersten Bundesliga-Spiel auch nicht", sagte Greffenius. "Er hat das gut gemacht."

Integration unter Wettkampfbedingungen ist eine Herausforderung, sie kostet immer Zeit, die Teams im Kampf um den Klassenerhalt nie haben. Kermas, der den MSC nach der Hallensaison verlassen und die deutsche Nationalmannschaft betreuen wird, ist die Erleichterung über den erfolgreich angeschobenen Generationswechsel daher deutlich anzumerken. "Man sieht, wie hoch die Anforderung ist, Hallen-Bundesligaspieler zu sein. Aber ich freue mich sehr, dass wir jetzt immer wieder junge Leute reinnehmen können."