Hockey Aus gutem Hause

Schon vor dem Saisonfinale am Samstag ist klar: Die Männer des TuS Obermenzing spielen künftig in der zweiten Hallen-Bundesliga - und sind in der Stadt nun zweite Hockey-Kraft hinter dem großen MSC.

Von Sebastian Winter

Kinder sollten die folgenden Zeilen unbedingt aufmerksam lesen, auch wenn sie wohl schlimmes Bauchweh verursachen werden: Am Samstag, 17 Uhr, gibt es in der Grandlhalle in Obermenzing Frei-Süßigkeiten! Ob nun Gummitiere, Schokolade oder Zuckerwatte ist nicht genau überliefert, aber der perfide Plan dahinter steht: Es soll möglichst viel Lärm und Gewusel herrschen, wenn die Hockeymänner des TuS Obermenzing den größten Erfolg ihrer Vereinsgeschichte feiern - den Aufstieg in die zweite Hallen-Bundesliga. Denn dieser steht schon vor dem abschließenden Spiel an diesem Samstag (17 Uhr, Grandlhalle) gegen den bereits abgestiegenen Dürkheimer HC fest. Die Halle dürfte gerammelt voll werden, und Peter Zahren, der langjährige TuS-Vorsitzende, frohlockt: "Das ist das sportliche Highlight bei den Männern, so etwas hat unser Klub noch nie erlebt. Unsere Frauen haben es ja vorgemacht vor ein paar Jahren." Seit 2016 spielen Obermenzings Damen zweite Liga auf dem Feld. Die Männer könnten ihnen von Mai an auch dort folgen - in der 1. Regionalliga Süd sind sie punktgleich mit Spitzenreiter TG Frankenthal auf Platz zwei.

Künftig versammeln sich unter dem Dach des TuS Obermenzing also erstmals gleich zwei Hockey-Zweitligisten, sie machen ihren Klub zum zweitstärksten der Stadt hinter dem Münchner SC, mit dem der Verein eine freundschaftliche Rivalität pflegt - und vor den vormaligen Größen Rot-Weiß und Wacker. Hinter den Aushängeschildern des Klubs hat sich über die Jahre ein tiefer Nährboden entwickelt, auf dem eine Vielzahl von Talenten gedeihen. Von den 500 Hockey-Mitgliedern sind Zahren zufolge bemerkenswerte 380 Kinder.

Obermenzing gilt in Deutschland als attraktive Adresse für den Nachwuchs, die A- und B-Jugendlichen sammeln bayerische Meistertitel in Serie und landen auch bei deutschen Meisterschaften weit vorne. 30 Teams jagen in allen Altersklassen mit ihren Schlägern dem Ball nach. "Wir haben es geschafft, über Generationen Familien bei Laune zu halten", sagt Zahren. Bei Heimspieltagen laufe ihm "regelmäßig ein Schauer über den Rücken", wenn er Eltern beim Kuchenverkauf, der Kinderbetreuung oder auf der Tribüne sehe. Und die müssen dafür noch ordentlich in die Tasche greifen: Zum normalen Vereinsbeitrag von 100 Euro für Erwachsene kommen noch 275 Euro Hockey-Zusatzbeitrag im Jahr; wer möchte, kann sich zudem im Förderverein engagieren. Zahren sagt: "Wir sind in der glücklichen Lage, dass in Obermenzing nicht die allerärmsten Menschen wohnen." Auch Nachwuchs von höchster Prominenz aus Wirtschaft und Politik spielte und spielt beim TuS Hockey.

Obermenzings Hockeymänner bei ihren ersten Feldversuchen im Jahr 1957.

(Foto: TuS Obermenzing Archiv)

Der grüne Stadtteil zwischen Pasing, Würm, Blutenburg und Schlosspark Nymphenburg gilt als einer der wohlhabendsten Münchens, und wer öfter die Waldhornstraße entlang durch die Villengegend ins nicht so reiche Untermenzing fährt, der weiß, wovon er spricht. Pools in allen erdenklichen Größen schimmern auch beim virtuellen Draufblick türkisfarben aus riesigen bewaldeten Gärten empor. So ist es nicht verwunderlich, dass auch viele private Gönner den Klub alimentieren, neben 18 Geldgebern wie der WWK, dem Hauptsponsor der ersten Damen und Herren.

Der Aufstieg der Männer fällt nun strategisch günstig auf das Jahr vor dem 65. Vereinsjubiläum. 1955 wurde der TuS Obermenzing, der noch die Nebensparten Volleyball, Turnen und Fitness hat, von Fritz Gerstung gegründet, dem nachgesagt wird, ein weitblickender Mensch mit ganzheitlichem Ansatz gewesen zu sein. Zunächst aber mussten die Aktiven auf einer ackerartigen Wiese spielen, die Damen in langen Röcken und Kniestrümpfen. Acht Jahre später durften die Hockeyspieler auf die Bezirkssportanlage an der Meyerbeerstraße nahe der Blutenburg umziehen. Auch die Grandlhalle ist städtisch - beides bezeichnet Zahren als Segen. Wie die 2004 errichteten beiden Kunstrasenplätze. Auf der Basis dieses Fundaments - noch ohne Kunstrasen - stiegen die ersten Herren bereits 1999 in die zweite Liga auf dem Feld auf, 2000 gelang fast der Durchmarsch in die erste Liga. 2002 stiegen sie wieder ab.

Einer der entscheidenden Männer für den neuerlichen Aufstieg - nun in der Halle - ist Carl Eggert. Der 29-jährige Sportliche Leiter, Jugendtrainer, Libero und Spielführer, seit 25 Jahren Mitglied beim TuS, ist im Team und Klub Stützpfeiler und Bindeglied. Und er ist überrascht über den Aufstieg: "Wir waren immer der Dino in der 1. Regionalliga, die zweite Liga war nie unser Ziel." Allerdings hatte sich schon während der Saisonvorbereitung bei einem Turnier in Leverkusen angedeutet, dass es eine besondere Saison für Obermenzing werden könnte - der TuS wurde Zweiter, obwohl er sich fast nur mit Bundesligisten maß. "Wir alle spielen schon sehr lange zusammen", sagt Eggert, der seine heutigen Teamkollegen vor vielen Jahren teilweise selbst betreut hat in der Jugend. Trainiert wird das Team von Michael Rößner, doch auch ein weiterer Trainer hat großen Anteil am Erfolg, Markus Wigh coachte die TuS-Männer sieben Jahre lang, bevor er vereinsintern zu den Frauen wechselte und von Rößner abgelöst wurde.

Jubelnde Aufsteiger beim 8:6-Erfolg gegen Wiesbaden.

(Foto: TuS Obermenzing Archiv)

Sechs Spieler sind TuS-Talente, hinzu gesellen sich fünf zugereiste Studenten. Eggert ist neben dem lange verletzten Topscorer Lucas Brunner und Maximilian Angermair vielleicht das beste Beispiel, wie Fleiß und Hingabe sich auszahlen können. Angermairs Familie hat einen Bauernhof in Obermenzing, er war Spätstarter im Hockey. "Inzwischen ist er richtig gut", sagt Eggert - im Duell gegen Würzburg vor drei Wochen schoss Angermair allein vier Tore.

Gefeiert haben die Grün-Schwarzen eine Woche später, im Traditionsgasthaus Grüner Baum. Sie schauten dort den Liveticker des Spiels ihres härtesten Rivalen. Wiesbaden verlor, der TuS war endgültig aufgestiegen, sie sprangen von ihren Stühlen auf und umarmten sich kreischend - zum Schrecken der anderen Gäste. Die höfliche Entschuldigung folgte prompt.

Ganz ohne Wermutstropfen geht es aber nicht, in Torhüter Jannick Rowedder (Hamburg) und Markus Rostek (Studium), dem Bruder des MSC-Bundesligaspielers Michael Rostek, gehen wichtige Stützen. Dafür klopfen die Jugendnationalspieler Nikas Berendts und Max Neumeir beim künftigen Zweitligisten an. "Es wird eine riesige Herausforderung", sagt Eggert.

Daran wollen sie am Samstag noch keinen Gedanken verschwenden, bei ihrer nächsten Feier. Und den Eltern sei gesagt: Neben den kostenlosen Süßigkeiten gibt es auch jede Menge Freibier.