Handball Feuer unterm Hallendach

Volle Spannung: Sebastian Meinzer kommt mit seinem Wurf durch Pforzheims Deckung – und hat Glück, nach einem Foul nicht Rot zu sehen.

(Foto: Günther Reger)

Die Drittliga-Handballer des TuS Fürstenfeldbruck und der TGS Pforzheim liefern sich ein hektisches und leidenschaftliches Duell, das in einem 29:29-Remis endet.

Von Nico Horn, Fürstenfeldbruck

Gerade ist die Halbzeitsirene erklungen, da tritt ein betagter Mann auf das Spielfeld. Graue Hose, Haifischkragen, schwarzer Pullunder, leicht gewölbt. Am linken Arm ein gelbes Armband, das einem sagen soll, dass er hier für Ordnung sorgt. Er schaut jetzt vorsichtshalber nach dem Rechten. Denn in der Wittelsbacher Halle, dem Zuhause des Handball-Drittligisten TuS Fürstenfeldbruck, ist es gerade hektisch geworden. Die Mannschaften sind schon ein paar Mal aneinandergeraten, die Zuschauer entsprechend geladen. Aber es ist niemand da, den man zur Ordnung rufen müsste. Alles im Griff.

Dieses 29:29-Unentschieden zwischen dem TuS und der TGS Pforzheim war eines jener Spiele, die alles beinhalten. Leidenschaft. Hektik. Emotionen. "Ein richtig geiles Spiel", sagte Fürstenfeldbrucks Trainer Martin Wild. Hinterher war nicht mehr zu rekonstruieren, wann genau die Partie Feuer fing. War es, als TuS-Torwart Michael Luderschmid in der 28. Minute Brust an Brust mit Davor Sruk stand? Oder Sekunden später, als Pforzheims Fabian Dykta dem am Boden liegenden Sebastian Meinzer ins Gesicht brüllte und anschließend als Dank für die netten Worte von Meinzer über den Haufen gerannt wurde? Vielleicht auch schon früher.

Sogar zum Zaubern ist Zeit: Falk Kolodziej und Maximilian Lentner zeigen den Kempa-Trick

Bei allem Kampf, unfair fand das Spiel keiner der Beteiligten. Nur ab und an sei es laut Wild "an der Grenze" gewesen. Vor allem traf das auf die Schlussphase der ersten Hälfte zu, in der Fürstenfeldbruck ständig in Unterzahl agieren musste, einmal sogar in doppelter. Fies war lediglich Meinzers Foul fernab des Spielgeschehens, für das er nur eine Zwei-Minuten-Strafe bekam. Eine rote Karte wäre vertretbar gewesen, auch wenn sein Gegenspieler mit der Provokation begonnen hatte. Meinzer zeigte in diesem Moment ein bisschen zu viel jener Leidenschaft, die Wild nach den jüngsten Niederlagen gefordert hatte.

Diesmal sei seine Mannschaft "an Teamgeist nicht zu überbieten" gewesen, sagte Wild. Er war selbst mit der ersten Halbzeit zufrieden, an deren Ende Pforzheim mit 17:12 führte. Einzig die "oberste Devise", Pforzheims Gegenstöße zu verhindern, war vernachlässigt worden. Denn trotz aller Leidenschaft konnte der TuS seine Ungenauigkeit beim Abschluss und den Anspielen an den Kreis nicht ablegen. Das eröffnete den Gästen die Chance, nach Ballgewinnen schnell nach vorne zu stoßen.

Nach der Pause - der Ordner hatte sich samt seiner Autorität auf die Tribüne zurückgezogen - starteten die Brucker ihre Aufholjagd. Der zuvor nicht sehr furchteinflößende Rückraum war plötzlich wurfgewaltig. Sogar zum Zaubern war Zeit: Falk Kolodziej und Maximilian Lentner zeigten den Kempa-Trick. Spielmacher Kolodziej warf indes nur ein einziges Mal selbst aufs Tor - und da konnte er völlig freistehend gar nicht anders. Ein gezerrter Brustmuskel hinderte ihn an der Wurfbewegung. Mittlerweile ist es so: Notgedrungen spielen beim TuS alle, die noch einigermaßen laufen können. Dabei habe man noch Glück gehabt, sagte Wild. Denn Max Horner, der eigentlich eine Nachtschicht hatte, "stand auf einmal doch bei der Besprechung". Aber Horner verletzte sich dann an den Adduktoren.

"Vielleicht ärgere ich mich morgen darüber, dass wir nicht gewonnen haben", sagt Wild

Richtig dünn wurde es im Rückraum, als Lentner direkt im Anschluss an sein Kempa-Tor die rote Karte sah. Diesmal war es eine harte Entscheidung, die für den TuS besonders bitter war, weil Lentner (fünf Tore) in dieser Phase groß aufspielte. Aber Lentners Fehlen ging beinahe unter im Irrsinn, der auf der Tribüne und auf dem Feld längst ausgebrochen war. Der Hallensprecher verkündete: "Eins, zwei, drei gute Laune", als es mal wieder hitzig wurde. Niemand hörte ihn. Symbiotisch sei die Beziehung zwischen Publikum und seinen Spielern gewesen, fand Wild. Gemeinsam mit seinen Fans drehte der TuS das Spiel, so dass es fünf Minuten vor Schluss plötzlich 27:25 stand.

TGS-Boss Wolfgang Taafel sprach von "Gewürge" in der zweiten Halbzeit. Aber irgendwie würgte sich Pforzheim drei Sekunden vor dem Ende zum Ausgleich. "Vielleicht ärgere ich mich morgen sogar darüber, dass wir nicht gewonnen haben", sagte Wild. Vorerst war er damit zufrieden, den drei Spiele andauernden Negativlauf gestoppt zu haben. Das Positiverlebnis komme gerade recht: "Die Spieler haben schon an sich selbst gezweifelt." Wild rechnet nun sogar damit, dass alle Verletzten noch in dieser Spielzeit zurückkehren. Und ein voller TuS-Kader, bei dem das Selbstvertrauen zurück ist, wäre die perfekte Voraussetzung für einen leidenschaftlichen Saisonendspurt.