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Handball:Das große Kribbeln

Handball, 3. Liga, Saison 2019/2020, TuS Fürstenfeldbruck - HC Erlangen II Im Bild Yannick ENGELMANN (TuS Fürstenfeldbru; Handball

„Vamos, Panteras“: Auf geht’s, Panther! Der TuS Fürstenfeldbruck, im Bild Yannick Engelmann, betritt am Samstag gegen Eisenach die große Bühne des Profi-Handballs – zum zweiten Mal nach 1992.

(Foto: imago images/Passion2Press)

Der TuS Fürstenfeldbruck startet am Tag der deutschen Einheit in die zweite Bundesliga. Für den Aufsteiger nicht nur sportlich ein Abenteuer.

Von Ralf Tögel

Könnte der Gegner passender sein? Kaum, denn an diesem Samstag, dem Tag der deutschen Einheit, wird der ThSV Eisenach in der Wittelsbacher Halle zu Gast sein. Die Thüringer kommen allerdings nicht, um den 30. Jahrestag der Wiedervereinigung in Fürstenfeldbruck zu feiern; sie kommen zum sportlichen Wettstreit nach Oberbayern. Eisenach ist der erste Gegner der Brucker Panther in der zweiten Handball-Bundesliga seit 1993 - damals stiegen die Panther nach einem Jahr aus der zweithöchsten deutschen Spielklasse ab. Nun sind sie zurück.

TV Großwallstadt, VfL Gummersbach, HSV Hamburg. Deutsche Meister, Pokalsieger, Champions-League-Sieger: Es ist beeindruckend, welche Qualität diese Spielklasse zu bieten hat - die nicht zu Unrecht als die beste zweite Liga der Welt gilt. Auch der ThSV Eisenach ist eine passable Größe und allemal tauglich, die Möglichkeiten des TuS einzuordnen. Ihren größten Erfolg feierten die Gäste aus der Wartburgstadt allerdings noch auf Gras: 1958 wurde die Sektion Handball der Betriebssportgemeinschaft Motor Eisenach DDR-Meister im Feldhandball. Nach der Wiedervereinigung wurde das Wortmonstrum in Thüringer Sportverein umbenannt, der 1997 in die erste Bundesliga aufstieg. Insgesamt ein Jahrzehnt verbrachte Eisenach in der Beletage des deutschen Handballs, zuletzt hielten sie sich 2016 dort auf. Dann folgte der Tiefpunkt mit dem Abstieg in die dritte Liga vor einem Jahr, der aber umgehend korrigiert wurde. Welche Klasse Eisenach hat, kann der Fürstenfeldbrucker Trainer Martin Wild mit einer kleinen Geschichte veranschaulichen: Im Januar vor einem Jahr flog Wild zum WM-Spiel zwischen Deutschland und Island nach Köln, im Flieger kam er mit seinem Nebenmann ins Gespräch. Der 2,05-Meter-Hüne war Kristian Beciri, der damals für den slowenischen Serienmeister Celje in der Champions League spielte und für das kroatische Nationalteam nachnominiert worden war, mit dem er zwei Tage später gegen Deutschland spielte. Am Samstag wird Wild seinen Sitznachbarn wiedersehen - im Aufgebot von Eisenach.

Beciri ist nicht der einzige Nationalspieler im Team des ThSV. Daniel Dicker und Keeper Thomas Eichberger laufen für Österreich auf, zudem stehen eine ganze Reihe kroatischer und slowenischer Legionäre im Kader. Das beschreibt die Qualität der Gegner in den neuen Liga. Eisenachs Ziel ist der Aufstieg, wie Kapitän Ante Tokic verlauten ließ. Wild hat sich Aufnahmen von Testspielen der Thüringer besorgt und ist beeindruckt: "Sie werden mehr Erfahrung haben, größer und stärker als wir sein", sagt er, aber auch: "Sie sind nicht so eingespielt wie wir, nicht so schnell und nicht so motiviert. Darauf bauen wir." Es ist alles Neuland für den TuS, eine Prognose entsprechend schwer, aber chancenlos sehen sich die Gastgeber keinesfalls. Zumal die Vorbereitung im Gegensatz zu etlichen Vorjahren weitgehend problemlos gelaufen sei. Womit Wild vornehmlich die Physis seiner Spieler anspricht, denn bis auf Linkshänder Alexander Leindl, der seit langem an einer Schulterverletzung laboriert, hat der TuS zum Saisonstart den gesamten Kader zur Verfügung: "Wir sind komplett, in einem guten Fitnesszustand und handballerisch auf der Höhe. Ich bin zufrieden." Einziger prominenter Zugang ist Torhüter Stefan Hanemann, der vom Erstligisten Ludwigshafen kam. Die große Frage sei indes, "wozu das in Liga zwei reichen kann".

Angesichts der Pandemie und den damit einhergehenden Einschränkungen musste der TuS-Trainer vor dieser Saison auf einem anderen Feld improvisieren. Der ungewöhnlich langen Pause nach dem Corona-bedingten Saisonabbruch im März folgte eine ungewöhnlich lange Vorbereitungszeit, Wild konnte die Seinen so immerhin behutsam für die Saison präparieren. Eine belastbare Einschätzung über die Wettbewerbsfähigkeit fällt schwer, denn sonst bildet sich Wild seine Meinung in einer ganzen Reihe von Testspielen. In Zeiten von schwankenden Inzidenzzahlen war das aber nicht zu realisieren. Den letzten geplanten Test etwa sagte Günzburg aufgrund der nach oben schellenden Werte in München vorsorglich ab. Beim Trainingslager in Freiburg entfiel der Test gegen einen französischen Zweitligisten, weil Frankreich zum Risikogebiet erklärt wurde. Immerhin fanden die beiden Partien gegen Erlangen statt. Gegen den prominent verstärkten Erstligisten verkaufte sich Bruck sehr gut, lag zwanzig Minuten vor Schluss in Führung und unterlag erst in der Schlussphase noch klar 26:33. Die Niederlagen gegen die Erlanger Reserve sowie Niederroden - gegen beide Drittligisten spielte Bruck am folgenden Tag nacheinander - brachten zwar müde Beine, aber auch wichtige Erkenntnisse: "Ich bin mit der Vorbereitung zufrieden, wir sind ganz gut in Form", sagt Wild.

Der Coach ist mit sich im Reinen. Man habe getan, "was wir beeinflussen können", das gelte auch für das geforderte Hygienekonzept. Der TuS darf demnach 200 Zuschauer unter strengen Vorsichtsmaßnahmen in die Halle lassen: Maskenpflicht in der Halle sowie am personalisierten Sitzplatz, getrennte Bereiche von Aktiven und Zuschauern, getrennte Ein- und Ausgänge, Abstandsregeln, angepasstes Catering nebst Alkoholverbot, sowie mehr Sicherheitspersonal, das auf die Einhaltung der Regeln achten wird. Am vergangenen Wochenende gab es einen letzten Testlauf gegen die Allacher Bundesliga-A-Jugend, "alles lief gut", sagt Wild.

Auch wenn es viele Unwägbarkeiten gibt, ist Wild froh, dass es endlich losgeht: "Das Kribbeln ist da." Wie schnell alle Mühen und Vorbereitungen Makulatur werden können, zeigt das Beispiel HSV Hamburg: Der ehemalige Champions-League-Sieger musste den Saisonstart verschieben. Mehrere Spieler wurden positiv auf Corona getestet und sind in Quarantäne.

© SZ vom 02.10.2020

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