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Handball:Ausgescheppert

Das waren noch Zeiten: Am 1. Februar 2020 bremst der Fürstenfeldbrucker Dennis Daschevskj (li.) Philipp Heinle von der HT München, seither ruht der Ball im Amateurhandball.

(Foto: Günther Reger)

Seit Februar ruht der Amateursport, das ist besonders für die ambitionierten Handball-Bayernligisten aus der Region ein Problem. Ein Rundgang.

Von Thomas Becker, München

Es gibt Geräusche, die nur Handballer kennen. Dieses monströse Scheppern, wenn der Ball gegen die Metallstange hinter dem Torpfosten donnert: herrlich. Oder das eher dumpfe Getöse, wenn zwei Gegenspieler aufeinander prallen und zuweilen schon mal 200 Kilogramm Handballer mit Wucht auf dem Boden landen. Oder das kollektive Quietschen von einem Dutzend Schuhsohlen, wenn sechs Mann den Ball durchspielen und die anderen Sechs parallel dazu am Wurfkreis entlangsteppen. Vertraute Töne, die seit mehr als einem Jahr nur noch in den Profiligen, der Champions League oder bei Länderspielen zu hören sind. Absolute Funkstille herrscht dagegen in den Amateurligen, auch wenn dort vor Corona zuweilen auch schon viel Trainingsaufwand betrieben wurde. Zum Beispiel in der Bayernliga, wo sich heuer vier Klubs aus dem Großraum München getummelt hätten - wäre da nicht diese blöde Pandemie.

BHV-Präsident George Clarke glaubt daran, dass "wir gestärkt aus dieser Pandemie hervorkommen"

Am 17. Februar hat der Bayerische Handball-Verband (BHV) seinen Vereinen mitteilen müssen, dass die Saison 2020/21 für alle Klassen für beendet erklärt wurde. Es gebe weder Auf- noch Absteiger. BHV-Präsident Georg Clarke schreibt, man sei stolz auf die Vereine und Mitglieder, "denn nur durch deren Leidenschaft, Enthusiasmus und Engagement gelingt es uns, gemeinsam diese Pandemie zu überstehen". Der organisierte Handballsport werde "gestärkt aus dieser Pandemie hervorkommen und schnellstmöglich wieder zur Normalität zurückkehren". Glaubt zumindest der Verbandschef. Während Profi-Vereine Corona-Hilfen beantragen konnten, müssen die Bayernliga-Klubs schauen, wie sie ihre Trainer weiter bezahlen, die Spieler vor dem Einrosten bewahren und den allseits zu beklagenden Mitgliederschwund irgendwie in Grenzen halten.

Michael Schaub, Vereinspräsident der DJK Taufkirchen, die mit dem TSV Unterhaching die Spielgemeinschaft Hachinger Tal (HT) unterhält, sagt dazu: "Noch halten uns fast alle Mitglieder die Treue." Weniger als zehn Prozent seien ausgetreten, so Schaub. Das Trainer-Trio Thomas Schibschid, Friedrich Stoller und Arno Schmitt werde für die Bayernliga-Mannschaft gehalten, andere Übungsleiter arbeiten dagegen auf Stunden-Basis, und da gebe es nun halt leider nichts zu zahlen. Schaub ärgert es, dass "der Breitensport vollkommen von der Politik ignoriert wurde". Die Stimmung im Klub sei "noch einigermaßen erträglich: Es ist noch keiner weggelaufen". Im ersten Lockdown vor einem Jahr habe man noch draußen auf den Basketballplätzen trainiert, nun treffe man sich halt mal zum Online-Training.

Konsequenter in Sachen Laptop-Training geht es beim Liga-Konkurrenten SV Anzing zu. Drei Mal pro Woche versammeln sich die Spieler der ersten Männer-Mannschaft vor dem Bildschirm, um zumindest gemeinsam an Fitness, Kraft und Ausdauer zu arbeiten. "Ein paar tun sich auch zusammen und passen sich zu zweit Bälle zu", erzählt Abteilungsleiter Franz Brunner, "und wenn es das Wetter erlaubt, übt die U14-Jugend im Freien." Zudem dürfen die Auswahlspieler der männlichen B-Jugend trainieren, immerhin sechs an der Zahl. Es soll sogar eine deutsche Meisterschaft in dieser Altersklasse ausgespielt werden, und da macht sich Anzings Bayernliga-Nachwuchs genauso Hoffnung auf die Teilnahme wie die Männer-Mannschaft, falls es tatsächlich eine Aufstiegsrunde zur dritten Liga geben sollte, die im August den Spielbetrieb aufnehmen soll. Vier bis sechs Teams würden bei der Quali womöglich dabei sein wollen, schätzt Brunner, "aber wenn Coburg dazu gehört, dann wird's sehr schwer für alle anderen."

Fürstenfeldbrucks dritte Männer-Mannschaft hat wenig zu befürchten, sie hat schon vor der Pandemie nicht trainiert

Für die Reserve des TuS Fürstenfeldbruck ist der Drittliga-Aufstieg dagegen überhaupt kein Thema. Die Klasse wurde mal wieder gehalten, im Scherz, aber nicht ohne Stolz bezeichnen sich die Brucker als "Bayernliga-Dino". Vor zwei Jahren hatte man der zweiten Mannschaft ein neues Gesicht verpasst: keine altgedienten Ex-Erste-Herren-Spieler mehr, sondern ein Perspektiv-Team aus überwiegend U23-Akteuren, bei denen "der ein oder andere vielleicht den Kopf rausstreckt Richtung Zweitliga-Kader", erklärt Michael Schneck, der Abteilungsleiter. Um den Anschluss nicht zu verlieren, halte sich das Team von Trainer Falk Kolodziej derzeit ebenfalls mit Online-Training fit, trage auch mal eine Lauf-Challenge aus und versuche ansonsten "sich gegenseitig zu motivieren", so Schneck. Den geringsten Trainingsrückstand im Klub weise dagegen die dritte Männer-Mannschaft auf, die ehemaligen Regionalligaspieler, die nun zur Gaudi in der Bezirksoberliga antreten: "Die haben auch vor Corona nicht trainiert, sich nur zum Spiel getroffen."

Auch beim Eichenauer SV hat man mit einem möglichen Aufstieg in Liga drei nichts am Hut. Abteilungsleiter Gerhard Fink hofft auf einen einigermaßen geregelten Spielbetrieb von September an, wobei auch der "return to sport" wahrscheinlich nicht problemlos über die Bühne gehen werde, Stichwort Verletzungsgefahr: "Nach so einer langen Pause wird das ja alles nicht einfacher. Es wird sicher zwei, drei Monate dauern, bis man an die alte Form anknüpfen kann." Sein geliebter Handballsport, er finde derzeit halt einfach nicht statt, klagt Brunner: "Da führt im Moment auch kein Weg hin. Und es hat ja jeder auch gerade andere Dinge zu tun." Wohl wahr. Dabei täte so ein monströses Scheppern nach dem Wurf mal wieder so verdammt gut.

© SZ/toe/sewi
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