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Handball:Acht Sekunden Glückseligkeit

Kann das wahr sein? Fürstenfeldbrucks Handballer versuchen den nächsten Rückschlag zu verarbeiten.

(Foto: Günther Reger)

Ein spätes Ausgleichstor lässt Schlusslicht Fürstenfeldbruck von einem Punkt gegen den Tabellenzweiten träumen. Augenblicke später steht die nächste Niederlage mit nur einem Tor Unterschied fest.

Von Thomas Jensen, Fürstenfeldbruck

Der Spielstand 20:21 stand auf der Anzeigetafel, als Trainer Martin Wild die letzte Auszeit der Partie nahm. 16 Sekunden blieben den Fürstenfeldbrucker Handballern noch, um im vermutlich letzten Angriff den Ausgleich zu erzielen. Der Gegner an diesem Samstagabend war der TuS N-Lübbecke, wohlgemerkt der Zweitplatzierte der zweiten Bundesliga.

Dass sich das Spiel dennoch so ausgeglichen präsentierte, war allenfalls auf dem Papier eine Überraschung. Denn das Schlusslicht der Liga aus Fürstenfeldbruck hat in dieser Saison bereits mehrmals bewiesen: Gegen Spitzenmannschaften klappt es. Vier der sechs Siege gelangen dem Aufsteiger gegen Topteams.

Die 59 Minuten vor dieser letzten Auszeit waren von viel Kampf geprägt. Beide Mannschaften sind für ihre meist zügig arbeitende Offensive berüchtigt. Sowohl bei den erzielten Toren insgesamt als auch bei den Toren nach Tempogegenstößen gehören sie zu den besten Fünf der Liga. Am 29. Spieltag zeigten die Gäste nun ihre viertschlechteste Offensivleistung der Saison, gemessen an den erzielten Toren; die Panther ihre zweitschlechteste.

Schuld daran waren die Abwehrreihen. Auf der einen Seite die offensive Deckung der Brucker, die Gegenspielern keinen Platz geben will und auf Ballgewinne aus ist. Verbunden ist ihre aggressive Art der Abwehr mit höchstem Energieaufwand. "Aufopfern" nannte Spielmacher Falk Kolodziej das nach der Partie. Die Brucker Defensive verhinderte zusammen mit Schlussmann Stefan Hanemann, dass sich die Gäste absetzen konnten. Hanemann zeigte mit mehr als 38 Prozent gehaltener Bälle in diesem Spiel die beste Brucker Torwartleistung der bisherigen Saison. Der Rückstand pendelte so stets zwischen einem und vier Toren.

"Irgendwann müssen wir halt daraus lernen. Ich weiß nicht, ob wir am Ende gedanklich schon beim Feiern in der Kabine waren."

Selbst gingen die Gastgeber allerdings nie in Führung. Wie eine rote Wand bauten sich die Spieler des Favoriten bei jedem Angriff der Oberbayern um den eigenen Torraum auf und ließen alle Angriffsbemühungen an sich abprallen. Körperlich waren die Brucker unterlegen, und auch spielerisch fehlten ihnen oft die Mittel. Es entwickelten sich zähe Angriffssequenzen, die oft nur durch Energieleistungen einzelner Spieler erfolgreich beendet wurden.

Am häufigsten gelang das Johannes Stumpf, der mit sechs Treffern bester Brucker Torschütze wurde. Er sollte schließlich auch den entscheidenden letzten Wurf nehmen. Dieser Plan ging auf, und zwar per Kempa-Trick. Nach Zuspiel durch Rechtsaußen Stephan Seitz traf der Rückraumspieler ins Tor zur Brucker Glückseligkeit.

Jedoch hielt die Euphorie nur wenige Momente. Acht Sekunden waren bei Stumpfs Wurf noch auf der Uhr. Diese Zeit reichte den Gästen noch für einen letzten schnellen Anwurf, einen Pass und einen Wurf. Aus vollem Lauf nahm Lutz Heiny diesen allerletzten Versuch des Spiels von der Freiwurflinie und traf.

Nach einer kurzen Jubelexplosion lagen die Panther nun also auf dem Boden der Wittelsbacher Halle, ihre Gesichter in den Händen versteckt. Es war die insgesamt siebte Niederlage mit nur einem Tor Unterschied. Torwart Hanemann sprach danach einen Satz, den schon viele Teamkollegen so oder so ähnlich gesagt hatten: "Mir fehlen die Worte." Sprach- und Fassungslosigkeit hatten in dieser Saison schon öfter geherrscht, am Samstag schienen sie einen neuen Höchststand erreicht zu haben.

Auch Spielmacher Kolodziej rang nach der Partie um Worte und setzte dabei zur Selbstkritik an: "Irgendwann müssen wir halt daraus lernen. Ich weiß nicht, ob wir am Ende gedanklich schon beim Feiern in der Kabine waren. Wahrscheinlich haben wir gedacht, jetzt haben wir den Bock endlich umgestoßen und waren nicht aufmerksam genug."

Aufmerksamkeitsfehler kreidete auch Trainer Wild an, der sich wie üblich gegen die Fassungslosigkeit stemmte und Erklärungen für diesen unglücklichen Ausgang gab. Er nannte aber vor allem Schlampigkeiten im Angriff, die sich sein Team im ersten Spielabschnitt geleistet hatte, und bilanzierte: "Ein Punkt wäre drin gewesen, aber wir haben eben einen Fehler zu viel gemacht."

"Vielleicht ist es so, dass man als Aufsteiger manche Pfiffe einfach nicht so leicht kriegt."

Trotzdem betonte er seinen Stolz auf die Mannschaft und war sich auch sicher, dass die Schockstarre nicht allzu lange halten würde: "Die sind jetzt natürlich enttäuscht. Aber sie wissen schon, was sie heute wieder für eine wahnsinnige Leistung abgerufen haben."

Es gab allerdings noch ein Thema, das der Trainer an diesem Abend loswerden wollte: "Ich mag es nicht zu groß machen, weil man sonst immer schnell als schlechter Verlierer dasteht, und es ist auch nur ein Randthema", leitete er die Problematik ein und führte aus: "Aber vielleicht ist es so, dass man als Aufsteiger manche Pfiffe einfach nicht so leicht kriegt."

Wild bezog sich damit auf den letzten entscheidenden Angriff der Gäste. Seiner Wahrnehmung nach stand der Linksaußen Tom Skroblien schon in der Brucker Hälfte, bevor der Anwurf ausgeführt wurde. Die Proteste der Panther wurden nicht gehört. Doch Wild erzählte, Skroblien habe ihm gegenüber beim Abklatschen zugegeben, dass er "ordentlich drüber stand".

Im Re-live des Sportdeutschland TV-Streams lässt sich dieser mögliche Fehler der Unparteiischen weder beweisen noch widerlegen. Nachdem eine Wiederholung von Stumpfs Tor gezeigt wird, blendet die Kamera gerade noch rechtzeitig auf den spielentscheidenden Wurf und die zusammensackenden Brucker Spieler.

© SZ/lib
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