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Hallenhockey:Alle Dämme brechen

Die Frauen des Münchner SC holen in Mannheim einen 1:3-Rückstand auf und ziehen in allerletzter Minute ins Viertelfinale ein. Gegner dort ist Meister Düsseldorf. Für das Team von Andre Schriever ist es ein Bonusspiel.

Springen ist eigentlich ein Bewegungsablauf, der beim Hockey weder auf dem Kunstrasen noch winters in der Halle zu den Kernelementen gehört. Dennoch bringen es Ersatzspielerinnen und Trainer dabei mitunter auf erstaunliche Höhen, wie am vergangenen Samstag in Mannheim zu besichtigen war. Als die Bundesliga-Frauen des Münchner Sportclubs im letzten Spiel der Staffel Süd beim Mannheimer HC eine knappe halbe Minute vor Schlusspfiff den Einzug ins Viertelfinale perfekt machten, hüpfte ihr Trainer André Schriever wie ein Gummiball am Spielfeldrand herum. "Es war ein außerordentliches Erlebnis, nachdem wir gefühlt schon draußen waren", sagte er, "und da sind dann natürlich alle Dämme gebrochen."

Als Staffelzweiter hatte der MSC vor dem letzten Spiel beim zwei Punkte schlechteren Dritten Mannheimer HC mindestens ein Unentschieden erreichen müssen, um seine Position zu behaupten und damit das Ticket fürs Viertelfinale um die Meisterschaft zu lösen. Lange sah es jedoch so aus, als würde die Hallensaison für den MSC bereits im letzten Spiel der Hauptrunde enden. Eine Halbzeit lang geschah vor beiden Toren wenig, ehe die Mannheimerinnen in der 29. Minute zur Führung trafen. Jule Bleuel glich zehn Minuten nach der Pause aus, fünf Minuten später lag der MHC aber schon wieder in Führung. In der 50. Minute legte der Gastgeber zum 3:1 nach und sah bereits wie der sichere Sieger aus, sofern es etwas Derartiges im schnellen Hallenhockey gibt.

Torhüterin Selina Müller verdient sich das Prädikat "überragend"

In dieser Phase nicht die Nerven und damit komplett den Anschluss zu verlieren, sei "extrem schwierig" gewesen, sagte Schriever. Sein Team, das im Vergleich zur Feldrunde in der Halle noch einmal deutlich verjüngt antrat, sei aufgrund des geringen Erfahrungsschatzes anfällig dafür, "es in solchen Situationen mit der Brechstange zu versuchen". Das passierte auch einige Male, allerdings ohne negative Konsequenzen für den MSC: Die Spielerinnen holten sich die im Angriff verlorenen Bälle zurück, bevor der MHC etwas damit anfangen konnte. Acht Minuten vor Schluss nahm Schriever die Torhüterin vom Feld. In künstlicher Überzahl trafen Cara Sambeth (54.) und Julia Mackensen 28 Sekunden vor Schluss zum umjubelten 3:3.

Schriever freute nicht nur das Ergebnis, er wertete die Leistung seines Teams auch als Beleg für ein hervorragendes Binnenklima. Es habe sich gezeigt, "was die Mannschaft für einen Teamgeist und Willen hat, sonst würde sie so was nicht umdrehen". Auch unter den 25 mitgereisten MSC-Fans waren Spielerinnen, die Schriever für das Spiel nicht in den Kader genommen hatte. "Das zeugt von Zusammenhalt, solche Leute sind genauso wichtig wie die auf dem Platz", sagte er. Besonders wichtig war laut Schrievers Einschätzung eine, die "man manchmal Gefahr läuft, zu vergessen", wie er sagte.

Gemeint war Torhüterin Selina Müller, deren Leistung Schriever schlicht mit "überragend" zusammenfasste. "Es ist fast schon selbstverständlich, was sie da hält, aber auch heute waren wieder Sachen dabei, die in Deutschland nicht so viele halten", lobte er. Dass sie für die Hallen-EM am kommenden Wochenende ins deutsche Nationalteam berufen worden sei, findet Schriever deshalb "völlig verdient". Von allen anderen forderte er eine schnelle Neuausrichtung in puncto Saisonziel ein. "Wir freuen uns genau dieses Wochenende lang", sagte er, "danach ist Schluss."

Der größte Fehler, den man vor dem Viertelfinale beim Ersten der West-Staffel am ersten Februar machen könne, wäre es, zufrieden zu sein. "Dann brauchen wir gar nicht erst nach Düsseldorf zu fahren", sagte er. Dabei schreibt er seinem Team gegen den aktuellen deutschen Hallenmeister durchaus Außenseiterchancen zu. Zumal der MSC zehn seiner 17 Punkte auswärts einsammelte. Das ist unüblich und gebe "durchaus Hoffnung". Hoffnung auf ein weiteres Bonusspiel. Das Saisonziel ist bereits übererfüllt.

© SZ vom 20.01.2020
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