Gewichtheben "Schub! Feuer!"

Alles muss raus: Veronika Berger scheiterte knapp an 77 Kilo im Stoßen und an der magischen Marke von 100 Relativpunkten. „Aber das klappt diese Saison ganz sicher noch“, verspricht die 44-Jährige. Foto: Claus Schunk

(Foto: Claus Schunk)

Die Kraftsportler des ESV Neuaubing holen gegen Langen ihren ersten Saisonsieg in der zweiten Liga. Dazu brauchen sie drei persönliche Bestleistungen und einen deutschen Rekord.

Von Raphael Weiss

Auf dem kleinen Holzpodest warten 77 Kilogramm Eisen auf Veronika Berger. Sie zu bezwingen, ist Bergers großer Traum. Die 44-Jährige trippelt vor Aufregung in ihren rosafarbenen Schuhen hin und her, die "Hello Kitty"-Strümpfe weit nach oben gezogen. Berger ist gut drauf, sie hat gerade in ihrer Klasse den deutschen Rekord und den inoffiziellen Europarekord im Reißen gebrochen, 68 Kilo, bei einem Körpergewicht von 57,7 Kilo. Macht 45,5 Punkte. Addiert mit ihrem Ergebnis im Stoßen könnte sie 100 Relativpunkte bekommen, für Gewichtheber eine magische Marke. Während Berger in die Leere starrt, massiert ihr Trainer ihre Schultern, haut ihr zwei Mal auf den Rücken und schreit: "Aktiv! Aktiv!" Dann tritt Berger an die Hantel.

Keller, Kegelbahn, Kraftraum: 20 Zuschauer verfolgen das Duell zwischen Letztem und Vorletztem

Die Saison verlief bisher alles andere als rekordverdächtig für die Gewichtheber des ESV Neuaubing. Letzter Platz in der zweiten Bundesliga, kein Sieg, null Punkte. "Wir hatten uns mehr erhofft", sagt Sportwart Rudi Ranftl, 51, vor dem neunten Wettkampftag und erklärt: "Es gab einfach viele Verletzte und berufliche Ausfälle." Leistungssport mit Arbeit und Beruf zu verbinden, sei für einige der besten Gewichtheber des Vereins schwierig. Aber die Hoffnung, die Saison nicht als Letzter zu beenden, sie lebt noch. Am Samstag besiegen die Neuaubinger den Vorletzten KSV Langen mit 2:1 und erreichen mit 446,2 Punkten ihre Saisonbestleistung.

Bei jedem Wettkampf können die Mannschaften drei Punkte holen: einen für das Reißen, einen für das Stoßen. Den dritten gibt es für die Kombination der beiden Ergebnisse. Pro Mannschaft treten sechs Gewichtheberinnen und -heber an. Das gehobene Gewicht wird in Relation zu Körpergewicht und Alter der Athleten gesetzt und als Mannschaftsleistung addiert.

Zwanzig Zuschauer sind am Samstagabend ins Untergeschoss der ESV-Halle gekommen, vorbei an den Kegelbahnen, direkt in den großen Kraftraum - die Bühne für den neunten Wettkampftag in der 2. Bundesliga, Gruppe A, für das Duell Letzter gegen Vorletzter. Bierbänke unter weißem Neonlicht, das dumpfe Klingeln zu Boden fallender Gewichte vermischt sich mit lautem Hip-Hop. Und auf einem Holzpodest liegt eine Langhantel.

Es ist ein sehr enger Wettkampf, der erst im letzten Durchgang entschieden wird. Für den ersten Sieg in dieser Saison benötigen die Neuaubinger einen besonderen Tag. In Noah Lombardo, Robert Neagu und Veronika Berger waren gleich drei von ihnen besser als je zuvor in einem Wettkampf. "Wir wussten ja, dass die Chancen auf einen Sieg heute besser waren. Das steigert die Motivation noch mal zusätzlich", sagt Berger später.

Lange hat es nach einem klaren Sieg für Neuaubing ausgesehen. Das Reißen endet mit 160,6:140,8 Punkten, der ESV hat den ersten Zähler der Saison sicher. Das Stoßen ist extrem ausgeglichen. So lastet auf Berger in ihrem dritten und letzten Versuch nicht nur der Druck ihres persönlichen 100-Punkte-Ziels, als sie auf die Hantel zugeht. Sie muss auch für den ersten Sieg und um mögliche drei Punkte für ihre Mannschaft kämpfen.

"Heut gibt's a Maßerl extra", sagt Sportwart Ranftl nach dem besten Saisonergebnis

Berger umfasst das raue Metall der Hantelstange, öffnet noch einmal die Hände, sucht den richtigen Griff, hält kurz inne - und reißt die 77 Kilogramm nach oben, unter das Kinn. Doch das Gewicht drückt Berger nach unten, sie muss tief in die Knie gehen. Ihre Muskeln zittern, als sie sich aufrichtet. Noch ein Mal Stoßen, dann hat sie sich einen Lebenstraum erfüllt. "Schub!" schreit Trainer Christian Koherr, "Feuer!" Berger wartet lange, die Stange unter dem Kinn, die Arme angewinkelt, sie sammelt alle Kräfte - dann stößt sie. Doch ihre Arme geben nach, 77 Kilo krachen dumpf auf den Bühnenboden.

"Mit dem hohen Gewicht sind wir ein Risiko eingegangen, aber es ist wirklich ein riesiger Traum von mir, diese 100er-Marke zu knacken", sagt Berger. "Ich will das auch für Christian, mein Vorbild und meinen Trainer, schaffen. Das klappt diese Saison ganz sicher noch." Die Punkte für Berger wären wichtig gewesen, denn der KSV Langen ist plötzlich im Stoßen deutlich stärker, so dass für die Gäste sogar zwischenzeitlich der Sieg in der Kombination möglich ist. Im letzten Durchgang bringt aber die Saisonbestleistung des lange verletzten Neuaubinger Mannschaftskapitäns Marco Staate (152 kg) die Entscheidung in der Gesamtwertung, der Vorsprung in der Kombination ist zu groß. Das Stoßen allerdings endet mit einem extrem engen 285,6:285,8 zu Gunsten der Gäste - nur 0,2 Punkte fehlen dem ESV zu einem 3:0-Sieg.

"Ich bin richtig zufrieden. Das war ein unfassbar geiler Wettkampf", sagt Ranftl, als es vorbei ist. "Wir hoffen, dass uns das jetzt ein bisschen Auftrieb gibt und wir nicht als Letzter die Saison beenden." Doch erst einmal gilt es, den ersten Saisonsieg zu feiern. "Heut gibt's a Maßerl extra", sagt Ranftl mit breitem Grinsen. Die Bierbänke im Kraftraum sind ja schon aufgestellt.