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Fußball:Verirrt im Nebel

Unterhaching kommt auch in Zwickau nur zu einem 3:3-Unentschieden, das große Abwehrschwächen bei den Gästen offenbart. Nach vier sieglosen Spielen rückt der Aufstieg in immer weitere Ferne.

Haarsträubend sei das, findet Claus Schromm, was seine Abwehr da produziere zurzeit, doch als er das sagte, sträubte sich bei ihm nichts, er stand im sächsischen Regen und sah eher aus wie ein begossener Pudel. Dann sprach der Trainer der SpVgg Unterhaching noch aus, was man nach einem glücklichen 3:3 (2:2)-Unentschieden gegen Zwickau und nach vier Spielen ohne Sieg auch einfach mal aussprechen muss: Über den Aufstieg "brauchen wir jetzt erstmal nicht sprechen, dafür müssen wir erstmal wieder stabiler werden." Vor zwei Wochen habe man noch die beste Abwehr der Liga gehabt. Zurzeit wird sie aber viel zu oft nassgemacht.

Elias Huth (Zwickau) , rechts Niclas Stierlin (Unterhaching) Fußball 3.Liga 2019/20 FSV Zwickau - SpVgg Unterhaching am

Zum Davonlaufen: Unterhachings Niclas Stierlin (re., Nummer 26) bekommt Zwickaus Elias Huth nicht zu fassen. Huth traf in der 42. Spielminute zum wichtigen 2:2-Ausgleich für die Sachsen.

(Foto: Frank Kruczynsk/imago)

Allein wegen der vier aktuell verletzten Spieler musste Schromm auf die Erfahrung aus insgesamt 24 Erst-, 223 Zweit- und 358 Drittligaspielen verzichten - und dann ließ er auch noch die Routiniers Sascha Bigalke und Dominik Stroh-Engel auf der Bank. Trotzdem sah es so aus, als ob der Mannschaft eine eindrucksvolle Trendwende gelingen könnte: Schon nach fünf Minuten führten die Gäste 2:0. Nach drei Minuten ballte Alexander Winkler zum ersten Mal die Faust. Er hatte ausnahmsweise mal nicht den Freistoß ausgeführt, sondern in der Mitte gelauert. Ein Abpraller geriet genau vor seine Füße, der Flachschuss fand den Weg ins Tor. Nur 90 Sekunden später köpfelte Paul Grauschopf zum 2:0 ein, Moritz Heinrich hatte gefühlvoll geflankt, er durfte sich damit schon den zweiten Assist gutschreiben lassen.

"Los, haut den Ball ins Tor", war auf der Gegengerade der Zwickauer Arena zu lesen, dort, wo normalerweise mittels weißer Sitzschalen "FSV Zwickau" geschrieben steht - die Anhänger des Vereins hatten offensichtlich genug Zeit gehabt, die Sitze neu zu arrangieren. Die Spieler schienen den Aufruf nun aber gelesen zu haben - und nur wenige Minuten nach der 2:0-Führung hatte sich aus Hachinger Sicht die Sache mit der Trendwende schon wieder erledigt. Unterhaching ließ Zwickau ins Spiel kommen, stand viel zu weit von den Gegenspielern weg, auch im und um den eigenen Strafraum. Los, haut den Ball endlich ins Tor, sollte das wohl heißen.

Zunächst traf Zwickaus Leon Jensen nur den Innenpfosten (15.), doch das genügte schon, um den Hachingern das Selbstvertrauen zu nehmen. Weil die abstiegsbedrohten Sachsen vom Strafraumrand abziehen durften, wie sie wollten, fiel der Anschluss mit einem Traumtor: Morris Schröter traf vom Strafraumeck direkt ins gegenüberliegende Kreuzeck (24.). Den Ausgleich kurz vor der Pause muss Alexander Fuchs am ehesten auf seine Kappe nehmen. Er ließ auf der linken Abwehrseite seinen Gegenspieler ziehen, nach der Hereingabe stand Elias Huth völlig frei und traf ins lange Eck (42.). "Ich war nicht ganz unglücklich mit dem 2:2 zur Pause", sagte Schromm, "das hört sich vielleicht ein bisschen doof an. Aber da sind schon wieder viele reingesegelt in den Strafraum." Damit meinte er die gegnerischen Flanken.

Das Trainergespann brachte nun Bigalke und Florian Dietz ins Spiel, Letzterer hatte die erste gute Möglichkeit nach dem Seitenwechsel. Das Aufbäumen währte nur kurz, denn wenig später war das Spiel gedreht: Der schon wieder nicht angegriffene Schröter traf erneut mit einem Distanzschuss. Während Hachings Torwart Nico Mantl bei den ersten beiden Gegentreffern chancenlos war, sah er nun ein wenig unglücklich aus, weil er den Ball mit der Hand ins Tor abfälschte (57.). In der Schlussphase verzeichneten die Gastgeber weiterhin ein klares Chancenplus, während des Rückstands gelang es den als spielstark geltenden Hachingern oft auch gar nicht, sich überhaupt einmal in der gegnerischen Hälfte festzusetzen. Dietz war dann einmal auf und davon, verpasste es aber, den Ball nach links oder nach rechts steil zu spielen - Heinrich und Luca Marseiler rissen empört die Hände nach oben. Doch der zögerliche Dietz hatte zumindest einen Freistoß herausgeholt, und so fiel doch noch der Ausgleich. Allerdings handelte es sich um ein Glückstor: Sascha Bigalke wollte durch die Mauer schießen, dann geriet der Ball zur Flipperkugel, wurde zweimal abgefälscht - und kullerte ins Tor (86.). Dabei fand Trainer Schromm, dass man sich "im Nebel" befunden habe nach der Führung der Zwickauer, und man hätte sich über das 4:2 auch nicht beschweren dürfen.

Streng genommen ist immer noch nichts Schlimmes passiert. Obwohl Unterhaching auf Tabellenplatz neun verbleibt, sind die Abstände zu den Aufstiegsrängen immer noch überwindbar, zumal am kommenden Mittwoch in Waldhof Mannheim ein direkter Konkurrent anreist - und von denen haben die Hachinger bis zum Schluss noch einige vor der Brust. Doch Trainer Schromm sprach davon, dass es "schon was mit den Köpfen macht", wenn man nun so einen Negativlauf habe - in der inoffiziellen Geisterspiel-Tabelle seit dem 28. Spieltag steht die Mannschaft auf Rang 16. Dort stehen die Zwickauer nun in der echten Tabelle, auf dem Platz über dem Abstiegsstrich. Deshalb sagte Schromm zum Abschied noch freundlicherweise, er hoffe von ganzem Herzen, dass man sich kommende Saison wiedersieht. Auch das hörte sich nicht so an, als glaube er noch an den Aufstieg.

© SZ vom 15.06.2020

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