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Fußball:Neue Eintracht

Hilfe und Selbsthilfe: Wie ein Verein alte Verhaltensmuster überwindet

Schon wieder dieses blaue Buch. Irgendwann tauchte immer dieser Typ vom Verband auf, er zückte sein blaues Buch - und das Training war gelaufen.

Etwa so dürften die Besuche von Philipp Obermaier bei vielen Fußballern des FC Eintracht München aufgefasst worden sein. Obermaier, 37, ist Mediator, er arbeitet am Projekt "Fairplay München" mit, und wenn er sein blaues Buch zückte, war das stets ein Zeichen dafür, dass er reden wollte. "Das war äußerst beliebt, wenn ich im Training die letzte halbe Stunde hatte", spöttelt er. Vor allem für die Neuen im Team sei es unverständlich gewesen, dass da nun einer erklären wollte, wie man es vermeidet, sich provozieren zu lassen. Sie wollten nur kicken.

Doch Obermaiers Anwesenheit hatte Gründe. Um den Kreisklassisten hatte es monatelang Ärger gegeben, Schiedsrichter wurden beleidigt, Gegenspieler beschimpft, eine Palette von Vorfällen, von der Reserve bis zur A-Jugend. Trauriger Höhepunkt war, als ein Betreuer von der Tribüne auf den Platz lief, um einen Gästespieler zu schlagen. "Den musst du rausschmeißen, sofort", das war Ludwig Nehrings erster Gedanke, als er die Szene sah. Nehring ist heute Vorsitzender des Vereins, damals war er Zuschauer - und wartete vergebens auf Konsequenzen.

Irgendwann schaltete sich "Fairplay München" ein, mit Gesprächen, Hilfsangeboten, auch mit Forderungen. Zum Beispiel, einige Funktionen anders zu besetzen. In der Vorbereitung zur laufenden Saison begannen Obermaiers Besuche. Der Verein habe in "relativer Freiwilligkeit" mitgemacht, sagt er; will heißen: Der Kreisvorsitzende Bernhard Slawinski hatte weitere Sanktionen angedroht.

19 Mal kam Obermaier, bis Anfang Oktober. "Ein ungewöhnlich intensiver Prozess", sagt er. Die Aufgabe war knifflig: Die Spieler fühlten sich in Opferrollen, das hätten die ersten Gespräche gezeigt. Meist seien Gegenspieler schuld gewesen, wenn es krachte, Schiedsrichter sowieso, man habe eben seinen Ruf weg und dürfe sich nichts erlauben. Was nicht mal völlig falsch war: Tatsächlich kannten alle den Ruf des FC Eintracht, vor Spielen riefen Gegner beim Verband an und fragten, ob Beobachter kämen, ob sie die Polizei holen sollten. Vorverurteilungen. "Die Wahrheit liegt oft in der Mitte", weiß Obermaier. Es gebe keine Schuld, nur Verantwortung. Und es dauere lang, Wahrnehmung zu verändern - auf beiden Seiten.

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(Beinahe) unmissverständlich: Diese Warnung hängt schon lange im Stadion des FC Eintracht.

(Foto: Johannes Simon)

Was der Mediator machte: Er beobachtete die Eintracht-Spiele, notierte hitzige Szenen in seinem blauen Buch und besprach diese später mit den Spielern. "Es ging darum zu erkennen, wo sind meine roten Knöpfe, von denen die Gegner genau wissen, wie sie sie drücken müssen. Wie hätte ich mich in diesem Moment anders verhalten können?" Also: Wie gehe ich mit Emotion um, mit Provokationen?

Ob die Arbeit etwas gebracht hat? Obermaier ist sich unsicher. Mit der ersten Mannschaft habe es recht gut geklappt, mit der zweiten weniger. "Aber wenn nur ein oder zwei etwas mitnehmen, ist es in Ordnung." Obermaier hat selbst in München Fußball gespielt, er wisse, wie es zugehe. "Irgendwann war es mir zu blöd, mich samstags anpöbeln zu lassen", sagt er. "Und ich akzeptiere nicht, wenn mir irgendwer sagt, so etwas sei normal."

Es hat sich viel geändert beim FC Eintracht, nicht nur durch Obermaier. Der alte Vorstand war überlastet, seit Sommer hatte sich im Hintergrund ein neuer gebildet, mit Ludwig Nehring an der Spitze. Seit Oktober ist er im Amt, breiter aufgestellt als früher. "Wir haben zu lange zugeschaut", findet Nehring, "niemand reißt sich um so einen Job." Doch irgendwann sei klar gewesen: "Wenn jetzt niemand etwas tut, geht der Verein den Bach runter."

Die erste Entscheidung der Neuen, die Trennung von zwei Trainern, hatte gravierende Folgen: 25 Spieler kündigten in der laufenden Saison, die U19 wurde aufgelöst. Es war der harte Schnitt, der Ruhe bringen sollte. Der Verband hat den Klub in eine andere Spielgruppe gesteckt, gegen sein Image wird er auch dort noch lange kämpfen müssen. Nehring geht vor jeder Partie auf den Schiedsrichter zu und sucht den Austausch. Intern will er weiter durchgreifen. Es sollen dem Nachwuchs wieder Werte vermittelt und vorgelebt werden wie Respekt, Disziplin und ein gesunder Umgang mit Niederlagen. Vor drei Wochen gab es einen Rückfall, eine Prügelei bei der Weihnachtsfeier, ausgelöst von einem ehemaligen Spieler. Neue Schlagzeilen. "Wir lernen daraus", sagt Nehring.

Was alles gebracht haben wird, werde er vielleicht in einem Jahr wissen, aber immerhin: Es geht vorwärts. "Wir sind selbst überrascht, welche Kraft unser Verein besitzt."