Fußball Kickerdämmerung

Auch drei Münchner Vereine stimmen am 28. Januar 1900 in Leipzig für die Gründung des DFB. Keiner von ihnen überlebt die nächsten zehn Jahre - was nicht zuletzt am Aufstieg des FC Bayern liegt.

Von Christian Schlodder

Als am 3. Februar 1900 die Zeitschrift Spiel und Sport einen Bericht zum "Ersten Allgemeinen Deutschen Fußballtag" veröffentlicht, ahnt wahrscheinlich niemand, welche Tragweite diese Meldung für den Fußball haben sollte. Knapp eine Woche zuvor, am 28. Januar, haben sich 86 Vereine im Leipziger Mariengarten getroffen, um - so der eigentliche Plan - über generell verbindliche Fußballregeln zu beraten und abzustimmen. Am Ende kommt es anders. "Meine Herren! Die Zeit ist gekommen, die Notwendigkeit liegt vor, einen wohlorganisierten und achtungsgebietenden Deutschen Fußball-Bund ins Leben zu rufen", fordert Johannes Kirmse gleich in seiner Auftaktrede. Seiner Einladung folgend haben sich erstmals so viele Klubs aus dem ganzen Land an einen runden Tisch bewegt. Am Ende des Tages entschließen sich 64, einen gemeinsamen Verband zu gründen. Mit mehr als sieben Millionen Mitgliedern ist der DFB heute der größte Sportfachverband der Welt.

Unter den anwesenden Vereinen sind spätere Meister und Pokalsieger, große Namen mit noch größerer Geschichte. Auch drei Münchner Klubs sind dabei, als mit vielen Unterschriften eine Stück Sportgeschichte seinen Anfang nimmt. Doch an ihre Namen erinnert sich heute kaum noch jemand. Als das erste Kapitel des deutschen Fußball gerade erst beginnt, schlagen die Münchner Gründungsvereine schon ihre letzten Kapitel auf.

Als der DFB gegründet wird, spielt Fußball in der bayerischen Landeshauptstadt kaum eine Rolle. Die Fußballstädte dieser Zeit sind Berlin, Leipzig, Karlsruhe oder Hanau. Der erste reine Fußballverein in der Landeshauptstadt hat sich erst vier Jahre zuvor gegründet. Am 5. Februar 1896 rufen Gymnasiasten und Studenten den Verein für Rasensportarten Terra Pila ins Leben. Der Name setzt sich aus den lateinischen Worten für Erde und Ball zusammen. Auch Schlag- und Faustball stehen beim VfR hoch im Kurs. Das Fußballspiel selbst löst bei vielen Münchnern in dieser Zeit noch recht großes Befremden aus.

Gruppenbild mit Landesmutter: Unter der vermeintlich schützenden Hand der Bavaria posieren Spieler des 1. Münchner Fußball-Clubs (l.), des FC Nordstern (weiße Trikots) und des FC Bavaria (r., nicht zu verwechseln mit dem FC Bayern) im Jahr 1900 gemeinsam auf der Theresienwiese.

(Foto: Nachlass Wissmiller / Stadtarchiv)

Da sich Teile von Terra Pila bald lieber dem Bergsteigen widmen, wird aus dem ballverliebten Rest des Vereins drei Jahre später der 1. Münchner Fußball-Club von 1896, kurz 1. MFC. Gespielt wird in weinroten Jerseys und weißen Hosen auf der Theresienwiese. Von 1898 an gibt es im Südteil des Areals einen eigens dafür angelegten städtischen Sportplatz. Das Vereinslokal wechselt noch häufig, liegt aber recht oft in der Nähe der Schwanthaler Höhe. Heute würde man die Mannschaft wohl als eingespielt bezeichnen. Der Kader bleibt nämlich größtenteils unverändert. Da es noch an Gegnern mangelt, bestreitet der 1. MFC lediglich acht bis zehn Spiele pro Jahr.

Einen ersten Rivalen gibt es freilich: den FC Nordstern 1896. Auf dessen Briefköpfen prangt um die Jahrhundertwende der Titel "Aeltester Fußball-Club Münchens". Beim 1. MFC stößt das auf wenig Gegenliebe. Dafür, dass Nordstern einst tatsächlich der älteste Fußballverein der Stadt war, gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Möglich ist, dass der FC Nordstern Terra Pila als aufgelöst und den 1. MFC somit als Neugründung betrachtete. Doch dort wähnt man sich in direkter Erblinie zum VfR. Trotz der Meinungsverschiedenheiten nehmen beide Vereine zusammen mit dem FC Bavaria 1899, der in blauen Trikots und weißen Hosen kickt, an der Gründungsversammlung in Leipzig teil.

„Ev. geselliges Beisammensein“: Alkohol spielte wohl schon in der Frühzeit des Fußballs eine Rolle. Trotzdem wurde im Programm für den Ersten Allgemeinen Deutschen Fußballtag am 27./28. Januar 1900 Wert auf die Einhaltung des Protokolls gelegt: „Es wird höflichst gebeten, dem Unterzeichneten vorher die Ankunftszeit mitzuteilen.“

(Foto: OH)

Der gemeinsam nach Leipzig entsandte Vertreter ist ein gewisser Herr Büttner (der dort lustigerweise auf einen Namensvetter aus Leipzig stößt, der Versammlungsort Mariengarten befand sich außerdem in der Büttnerstraße). In dem vergleichsweise gut dokumentierten Schlagabtausch einzelner Verbandsvertreter lässt sich keine Wortmeldung des Münchner Büttner nachweisen. Die Vermutung liegt also nahe, dass er sich nicht sonderlich rege an den Debatten über die Ausgestaltung des DFB beteiligte. Denkbar ist allerdings auch, dass man seinen Beiträgen nicht sonderlich viel Beachtung schenkte - so wie dem Münchner Fußball überhaupt zu dieser Zeit. Die nach Städten und Verbänden sortierte Anwesenheitsliste, die nicht alphabetisch geführt wird, weist den 1. MFC, Nordstern 1896 und Bavaria 1899 sehr weit hinten aus - immerhin vor Städten wie Naumburg und Aschersleben. Warum Büttner ausgerechnet diese drei Münchner Klubs in Leipzig vertritt, obwohl es zu diesem Zeitpunkt sehr wohl auch andere Vereine in der Stadt gegeben hat, erklärt der Fußballexperte und Autor Dietrich Schulze-Marmeling ("Der FC Bayern und seine Juden"): "Die Logik dahinter war wahrscheinlich, die ältesten Vereine der Stadt zu entsenden, die noch nicht in einer Turnerschaft organisiert waren."

Am Ende stimmt Büttner dem Beitritt der drei Münchner Klubs zu dem neugegründeten Verband sofort zu (im Gegensatz zu den Bremer, Karlsruher und einer Vielzahl von Berliner Vereinen, die erst nach einer Bedenkzeit folgen sollten). Rückblickend ist dies ein bedeutender sporthistorischer Moment. Für die weitere Geschichte der drei Münchner Klubs sollte der Beitritt allerdings keine positiven Folgen zeitigen, ganz im Gegenteil. Relativ schnell verschwinden sie von der Bildfläche, sang- und klanglos.

Als der VfB Leipzig mit einem 7:2 gegen den DFC Prag am 31. Mai 1903 zum ersten deutschen Fußballmeister avanciert, ist der FC Nordstern von 1896 schon wieder Geschichte. Im Februar 1902 hat sich der Verein aufgelöst. Die Gründe dafür lassen sich nicht mehr nachvollziehen. Bereits an den 1901 beginnenden Stadtmeisterschaften nimmt der Verein nicht mehr teil. Knapp fünf Jahre nach dem ersten Aufeinandertreffen mit Terra Pila vor handgezählten fünf Zuschauern (von denen einer mit einem Jagdmesser gedroht haben soll, falls der Ball noch einmal bei ihm lande) endet die Geschichte des selbsternannten ältesten Fußballklubs Münchens. Außer ein paar Anekdoten über Briefköpfe und Jagdmesser ist wenig überliefert.

Auch dem FC Bavaria 1899 ist kein großes Glück beschieden. In der Stadtmeisterschaft 1902 zerlegen die Blau-Weißen den 1. MFC noch mit 16:0. In den Folgejahren ist man immerhin die fußballerische Nummer drei in München. 1907 geht der Verein als Fußball-Abteilung in der Turngemeinde München A.V. auf, mit der er in den folgenden zwei Jahren am Spielbetrieb teilnimmt. Weitere Erfolge bleiben aber aus. Dann ist Schluss.

Die Geschichte des 1. MFC endet im Jahr 1910. "Widrige Umstände" waren es laut Chronik, die den Verein zur Aufgabe des Spielbetriebs zwingen. Bereits 1908 habe es eine "schwere Krise" gegeben, von der man sich nur mit Mühe erholte. Präziser wird die handschriftliche Vereinschronik nicht, die noch heute im Stadtarchiv München liegt. Das Anwesenheitsbuch des Klubs dokumentiert aus dieser Zeit krachende Niederlagen in Serie, daraus resultierenden Galgenhumor und ein abnehmendes Interesse der Mitglieder. Doch selbst im eigenen Niedergang befindlich, können sich die Mitglieder eine Spitze gegen den FC Nordstern nicht verkneifen: Dessen frühes Verschwinden sei "ein schwacher Trost". Die verbliebenen Mitglieder des 1. MFC treffen sich fortan zu gemeinsamen Kegelabenden, die bis in die 1960er Jahre stattfinden.

Fußballerisch hatte zur Zeit der offiziellen Auflösung des 1. MFC längst ein anderer Klub die Vormachtstellung in München inne: der FC Bayern. Kurz nach dessen Gründung Ende Februar 1900 kommt es zum Aufeinandertreffen mit dem 1. MFC. Die Bayern gewinnen die Partie 5:2. Das zweite Spiel gegen den FC Nordstern endet gar mit einem 15:0-Sieg für den Emporkömmling. Wiederum zwei Wochen später deklassiert man auch den FC Bavaria 1899 mit 12:1 Toren. Die Hackordnung in der Stadt ist damit fürs Erste klar.

"Der FC Bayern wird recht schnell recht spielstark und entwickelt so Anziehungskraft. Gute Akteure anderer Vereine wechseln also gern. Das alles hat Einfluss auf den baldigen Niedergang von MFC, Nordstern und Bavaria", sagt Dietrich Schulze-Marmeling. Am zweiten Bundestag des DFB, der am 2. Juni 1900 in Erfurt stattfindet, nimmt nur noch ein Münchner Verein teil. Es ist der FC Bayern in Person von Ernst Schottelius. Der Rest ist Geschichte - wenn auch ab hier eine gänzlich andere.